| Drucken05.12.2001 

Examenskonzert von Andrés Maupoint (Gerhard Lock)

Meisterklassenexamen Komposition
Andrés Maupoint (Klasse Prof. Dimitri Terzakis)

Fünf Bilder für Orchester Nr. II, I und IV (2000)
Klarinettenquartett (1999)
Streichquartett (1999), UA
Apocalypsis Ioannis (1997)
Zweite Studie über Musikalisch-religiöse Handlung nach der buddhistischen Welt, der indischen Musik und Ritualen des Bonpos

Interpreten:
Ensemble Harmonique
Iturriaga Quartett
Instrumentalensemble der Musikhochschule Leipzig
Hochschulorchester Leipzig

(auf Band:
Instrumentalensemble der Hochschule für Musik Köln
Mainzer Figuralchor
Orchester Universidad de Santiago de Chile)


Faszinierende universelle Weltmusik

?Für wahre Christen ist die Bibel das Wort Gottes und dieses der einzig gültige Glaubensgrundsatz. Die Bibel beginnt mit der Schöpfungsgeschichte (Genesis, Kap. 1) und endet mit einem anderen großen Schöpfungsakt, dem des neuen Himmels und einer neuen Erde, dazu des neuen Jerusalem (Offenbarung des Johannes oder Apokalypse, Kap. 21?22). Alles, was zwischen diesen beiden Schöpfungsakten geschieht, ist der Konflikt zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen der Sünde und dem Kampf gegen sie durch die Liebe zu Gott.? So schreibt der 1968 in Santiago de Chile geborene Komponist Andres Maupoint im Programmheft zu seinem Werk ?Apokalypsis Ioannis? (1997), welches an dritter Stelle des Meisterklassenexamens im Kammermusiksaal der Hochschule für Musik und Theater Leipzig erklang. Maupoint ist ein Komponist, der in einführenden Worten weder zu viel, noch zu wenig schreibt. Es geht ihm um den Inhalt seiner Musik, nicht um ein bloßes Darstellen außermusikalischer Fakten zur Stütze einer sonst eventuell schlecht verständlichen Kunst. Man findet in seiner Musik genau das wieder, wovon er schreibt und was stets die Musik in den Mittelpunkt stellt, nicht etwa den Komponisten. So wird Maupoints Beziehung zur christlichen Religion mit dem am Beginn zitierten Bibelwort am aussagekräftigsten deutlich und seine Affinität zu den Weltreligionen überhaupt zeigt sich auch in weiteren Werken des Konzerts ? ja, er möchte die großen Religionen der Welt in seiner Musik vereinen.

Das letzte Werk des Abends, die ?Zweite Studie über Musikalisch?religiöse Handlung nach der buddhistischen Welt, der indischen Musik und Ritualen des Bonpos? (2001) ?gehört zu einer Reihe von Werken, die musikalische und religiöse Aspekte verschiedener Weltkulturen umfassen? (Maupoint). Hier kommt die Affinität des Komponisten zu den Weltreligionen auf vielfältige Weise zum Ausdruck. Für ihn sind auch der Taoismus, der Konfuzianismus, der Judaismus u.a. von großer Wichtigkeit und es gelingt ihm eine Synthesis, die letztendlich eine atmosphärische, einer religiösen Handlung entsprechende Musik ist. Und dies nicht nur deshalb, weil er rein strukturelle Elemente (z.B. verschiedenartige Rhythmen) indischer Hindu-Musik oder von Ritualen des Bonpos aus dem tibetischen Raum kompositorisch verarbeitet, sondern besonders auch, weil vier siebenflammige Kerzenleuchter, die Verdunklung des Aufführungsraumes und die Verwendung von Gongs, Tam­tams und Posaunen ihren Teil zur Entstehung einer atmosphärischen Tempelstimmung beitragen. Am faszinierendsten sind die Klänge, die durch fließendes Wasser, rauschenden Sand, raschelndes Papier und Mundgeräusche entstehen. ?Das Feuer, das Wasser, die Erde und der Wind sind die Elemente, die die Natur und deren Suche nach Harmonie darstellen.? (Maupoint) Es gelingt Maupoint auf solche Weise, die Einheit des Menschen mit den Elementen der Natur entstehen zu lassen, wobei die Intimität des Kammermusiksaales wesentlich zur Wirkung dieses Werks beiträgt.

Auch der erste Teil des Konzertes zeigt uns einen Komponisten, der genau weiß, was er sagen will, der nicht nur das technische Rüstzeug des Komponierens, sondern auch überzeugende Ausdruckskraft besitzt. Die Nummern II, I und IV aus den ?Fünf Bildern für Orchester? (2000) wurden in Koppelung mit einer jeweiligen kammermusikalischen Fassung I, II und III (1999) geboten. Die Orchesterfassungen erklangen über Lautsprecher im Saal, die Version für vier Klarinetten wurde vom Klarinettenquartett ?Ensemble Harmonique? (dem die Kammermusikfassung gewidmet ist) live im Saal gespielt.

Dass die Orchesterfassungen nur über Lautsprecher zu hören sein konnten, war der Räumlichkeit, aber sicherlich auch dem nötigen, sehr großen Aufwand zur Aufführung von Orchesterwerken dieser Größe geschuldet. Es schmälerte indes die Situation keineswegs, zumal das Orchester Universidad de Santiago de Chile unter Santiago Meza und das Hochschulorchester Leipzig unter Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt zu erleben waren. Auch die schon erwähnte ?Apokalypsis Ioannis? wurde über Lautsprecher eingespielt, da das Werk solch große Dimensionen aufweist, dass es in einer Kirche (in der Aufnahme ist es die Minoritenkirche zu Köln) gespielt werden muss. Hier waren der Mainzer Figuralchor und das Instrumentalensemble der Hochschule für Musik Köln unter Stefan Weiler zu hören.

In den ?Fünf Bildern? finden wir die Verarbeitung von Vorbildern, die Maupoint inspiriert haben. Es gelingt ihm, die charakteristischen musikalischen Ideen von fünf namhaften Komponisten der Gegenwart zu reflektieren (neben den im folgenden erwähnten Komponisten gehören Olivier Messian und Pierre Boulez zu den Widmungsträgern), wobei die drei verschiedenen Orchesterstücke in diesem Konzert ?keine stilistischen Kompositionen, sondern Werke meines ästhetischen Empfindens? sind (Maupoint). So wurden die ?Variationen? György Ligeti (1923) gewidmet und es findet sich in ihnen beispielsweise das ?Mundgeräusch?, dass Ligeti schon in seinen ?Aventures? verwendet hat. In der Fassung für vier Klarinetten verschmelzen die Mundgeräusche mit den Klarinettenklängen und es entsteht ein filigranes klangliches Abbild der Orchesterfassung.

Das ?Echo der Zeit? hat Maupoint seinem Leipziger Lehrer Dimitris Terzakis (1938) gewidmet. ?Linearität, Monophonie, Melodie, Mikrointervalle, fehlendes Akkorde­Konzept, byzantinische Musik, Mittelaltermusik und ihre Symmetrie... ? das sind die Ideen, die die musikalische Persönlichkeit Dimitri Terzakis ausdrücken? (Maupoint). In beiden Fassungen gibt es ?bis auf Quinten keine Akkorde. Ganz symmetrisch. Echos einer Tradition? (Maupoint). Es ist die Verwebung der Linien, die die Orchesterfassung im Geiste Terzakis erklingen lässt und die Klarinettenquartettversion ist eine porzellanhaft zarte Musik. Durch Schwebungen zwischen den vier Klarinetten entstehen Mikrointervalle. Die Musik ist melodiös und es waren sogar vereinzelte Dreiklangsbildungen (auf Quintklangbasis) zu hören. Und erfreulich wenig Tritoni, die ja seit Jahrzehnten die ?Rettung? für viele Komponisten der Neuen Musik vor der ?kadenzharmonischen Melodik? des 19. Jahrhunderts darstellen.

Das Orchesterbild ?Der Hauch, die Schmetterlinge und die Konstellationen? ist Karlheinz Stockhausen (1928) gewidmet und es ist auch das einzige der Bilder und Stücke, welches ein Zitat (?Die Schmetterlinge spielen?, aus dem Zyklus ?Amour? für Soloklarinette von Stockhausen) verwendet. Maupoint spielt mit diesem Zitat und variiert es, was jedoch so für den Hörer kaum wahrnehmbar wird. Vielmehr sind es ?die schnellen steigenden und abfallenden musikalischen Gesten, den Bewegungen eines Schmetterlings gleich, die sich vervielfältigen? (Maupoint). Ebenfalls lehnt sich Maupoint an die Stockhausenschen ?Mantra??kompositionen an, was für den Hörer, auch wenn er ?Mantra? nicht kennt, an einem wie in einem kleinen Orbit umspielten Zentralton als Prinzip hörbar wird. Die Klarinettenquartettfassung (?Der Hauch und die sterbenden Schmetterlinge?) ist durch Pfeif? und Obertoneffekte gekennzeichnet. Auch können sich dem fantasievollen Hörer durchaus Assoziationen zu einem von vielfältige Vogelstimmen erfüllten Regenwald ergeben, wenngleich es keine Vogelstimmen im Messiaenschen Sinne sind.

Auch im ?Streichquartett? (1999), der Uraufführung des Abends, sind die Quintklänge das Grundprinzip des Maupointschen Komponierens. Ferner gehören auch die sparsam eingesetzten Glissandi und geräuschhafte Klänge, die entstehen, wenn die Streicher ganz nah am Steg spielen, zur klanglichen Charakteristik. Weitere Elemente sind die Blockhaftigkeit der Musik, die Repetition ein und desselben Klanges und die Variabilität der Rhythmen im Messiaenschen Sinne, die Merkmale der Musik Maupoints geworden sind und die durch Messiaen (1908?1992) in die europäische Musikwelt getragen wurden. Auch in den anderen Werken des Abends sind solche Elemente zu hören, aber Maupoint schafft seine eigene Klangwelt, die aus verschiedenen Quellen schöpft.

Der Buchstabe ?M? im Namen Maupoints erweckt, abgesehen von der musikalischen, auch auf sprachlicher Ebene eine assoziative Nähe zu Messiaen. Aber, beim Inhaltlichen bleibend, ist es gerade auch die Affinität Messians zur Religiosität, die man in der Musik und Philosophie Maupoints wiederfindet. Und überdies bemüht sich der Chilene Maupoint, der in Chile, Frankreich und Deutschland studiert hat und dessen Werke u.a. schon in Europa und Südamerika aufgeführt worden sind, wie Messiaen darum, ein weltenverbindender Komponisten zu sein und sich der ganzen Vielfalt möglicher Anregungen zu öffnen.

Das besprochene Konzert war sein Leipziger Meisterklassen­Examen und es wurde von allen Mitwirkenden ? hauptsächlich Studierenden und Absolventen der Leipziger Musikhochschule ? mit großem Engagement und Begeisterung gestaltet, wie man es sich für jede Aufführung zeitgenössischer Musik wünschen würde. Die Bravorufe und der begeisterte Beifall des Publikums, welches überwiegend aus Studenten (also Weggefährten), aber auch Lehrkräften und externen interessierten Hörern bestand, waren ein hörbarer Dank für das künstlerische Erlebnis. Dem Komponisten ist zu wünschen, dass er stets die Möglichkeit hat, seinen einmal eingeschlagenen Weg fortzusetzen und mit seiner Musik noch weit mehr Menschen zu erreichen.

(Gerhard Lock)

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