Sebastian Schmideler | Drucken22.01.2005 

Faustisch schön

Die Wiederaufnahme von Hector Berlioz' Oper "La Damnation de Faust"

In Zeiten knapper Kassen helfen Wiederaufnahmen über manche Verlegenheiten im Spielplan hinweg. Doch während nicht unbedingt jede erneut in das Repertoire aufgenommene Inszenierung der laufenden Spielzeit noch Originalität und Vitalität genug besitzt, um dauerhaft fesseln zu können, ist mit Hector Berlioz' "Légende dramatique" "La Damnation de Faust" am 22. Januar 2005 nach längerer Zeit endlich wieder einmal ein Stück in das Repertoire zurückgekehrt, dessen Wiederaufnahme nicht nur wünschenswert, sondern dringend erforderlich erschien. Denn es hat sich gezeigt, dass die Oper Leipzig mit ihren zum Teil spektakulären Berlioz-Inszenierungen eine glückliche Hand bewiesen hat, sodass der Name des französischen Romantikers durchaus als ein Aushängeschild und eine Qualitätsmarke dieses Hauses unter der Intendanz von Henri Maier beschrieben werden könnte. Davon zeugen nicht nur die erfolgreichen "Trojaner" der vergangenen Saison, sondern eben auch und gerade die Leipziger Interpretation von "La Damnation de Faust".

Auch fast drei Jahre nach ihrer Premiere hat die Inszenierung des bekannten französischen Schauspielers Daniel Mesguich nichts an ihrer berauschenden Suggestivkraft und von ihrer berückenden Eindrücklichkeit eingebüßt. Kein Wunder - die Probleme, die Berlioz in seiner Musik aufgreift, sind ebenso wie die Konflikte der durch den Komponisten raffiniert veränderten Stoff-Vorlage von Goethes Tragödie "Faust I" so alt wie die Welt.
Der blasphemische Zynismus des enttäuschten und verbitterten Berlioz wird von Mesguich in einer adäquaten, aber unaufdringlichen Weise versinnbildlicht. In den konzertanten Charakter der Vorlage legt der Schauspieler-Regisseur eine visuelle Dramaturgie des blanken Entsetzens: Krieg, Kampf, ungebändigte Natur siegen über die höchsten Leidenschaften des Menschen, inklusive der religiösen Gefühle. Wer weiß, ob der Muttermord Maguerites nicht als ein Symbol für den Mord an Maria, der Ikone des Katholizismus, verstanden werden kann - ein Gedankengang, der dem kritischen Berlioz vollauf zuzutrauen wäre? Wie viel Ekel und Abscheu vor der Welt muss diesen Mann besessen haben! Die vielfache Besetzung der Hauptpersonen mit mehreren verwechselbaren Schauspielern als Allegorie der gespaltenen, innerlich zerrissenen Persönlichkeit avanciert in Mesguichs Inszenierung denn auch folgerichtig zum Sinnbild auf die Schizophrenie der Moderne. Mesguich erkennt Berlioz als den großen Propheten der Gegenwart. Denn die von ihm geschaffene, durchdachte allegorische Bilder-Welt wirkt wie eine Anti-Apotheose auf das 20. Jahrhundert hinter der ästhetisch schönen Fassade eines effektreichen Streifzugs durch die maßgeblichen Topoi der Theatergeschichte, die hier von Berlioz auf die für das 19. Jahrhundert denkbar zynischste Weise herabgezogen, zerstört, vernichtet werden. Die damit korrespondierende kongeniale Bühnendekoration von Csaba Antal gehört zu den stimmigsten ästhetischen Eindrücken, die an der Oper Leipzig gegenwärtig zu sehen sind. Die gigantische Bücherwand ist sicherlich der gelungenste Einfall dieses Bühnenbildes.

Auf der musikalischen Seite gab es einige Veränderungen zur Premiere vor drei Jahren zu verzeichnen. Mit Metodie Bujor kehrte nicht nur ein neuer Mephistophél?s in die Inszenierung sondern auch ein neues Ensemble-Mitglied in die Oper Leipzig ein. Das Publikum jubelte dem Sänger zum Teil begeistert zu. Besitzt er auch nicht die Stimmgewalt und die musikalische Ausstrahlungskraft seines Vorgängers in dieser Rolle, Tommi Hakala, so ist seine Leistung, die er an diesem Abend vorlegt, zweifellos beachtlich. Stimmliche Varianz, gute Intonation und eine gewisse lyrische Natürlichkeit geben seinem geschmeidigen Gesang etwas Angenehmes. Das darstellerische Talent entspricht dem mit der von Bujor durch sportive Wendigkeit erzeugten Bühnenpräsenz, die sich gerade in der dämonischen Aktivität Mephistos als glaubhaft erweist.

Robert Chafin singt in Leipzig nicht nur den Eneas in Berlioz "Trojanern" sondern nun auch den Faust an der Seite von Cornelia Helfricht. Seine Interpretation wirkt durchgehend angemessen; dass die lyrischen Passagen dieses Fausts vorzüglich und reibungslos klingen, ist ebenso unverkennbar. Dennoch erscheint Cornelia Helfricht in der Rolle der Maguerite als die eigentlich herausragende Stimme dieses Abends. Ihr kräftiges Volumen, die authentische, koloritreiche musikalisch-sängerische Darstellung wirken überzeugend und beweisen, dass man es hier mit einer charaktervollen Stimme zu tun hat. Dem dramatischen Gestus, der musikalisch-gestalterischen Aussage, die in dieser ursprünglich szenischen und konzertanten Oper ganz in der sängerischen Arbeit liegen sollte, wird sie in ihrer überlegten Interpretation am meisten gerecht. Tuomas Pursio als Brander singt mit der Ballade in Auerbachs Keller eine typisch Berliozsche Einlage mit der passenden Haltung.
Der Opernchor stand hinter seiner eigenen Leistung etwas zurück. Dynamische und rhythmische Akzentuierung waren ebenso wie Homogenität insbesondere in der Schlusspassage von Fausts Höllenfahrt im Vergleich zu der packenden Interpretation von vor drei Jahren schon mal besser. Insgesamt tat das der im Großen und Ganzen soliden Ausführung der für dieses Werk zentralen Chorpassagen jedoch wenig Abbruch.

Das Gewandhausorchester unter der musikalischen Leitung des bulgarischen Dirigenten Ivan Anguélov bot ein ähnliches Bild. Das Orchester befand sich in relativ guter Verfassung. Während insbesondere Holzbläser durch farbige Begleitung auffielen, war beispielsweise die Cello-Einlage als Begleitung von Maguerites großer Arie weniger überzeugend.
Alles in allem war das Potential der musikalischen Vorlage allenfalls durch die Solisten ausgereizt. Das ist umso bedauerlicher, da diese Oper in dieser Saison nur dreimal gegeben wird. Dabei ist keine andere Oper des laufenden Spielplans so aktuell wie diese, so sehr von dem Wissen um die Unzulänglichkeiten der Gegenwart bestimmt. Denn so einen raffinierten Ausbund an aufregender Durchtriebenheit sieht man nicht alle Tage.

Hector Berlioz: La Damnation de Faust

Inszenierung : Daniel Mesguich
Musikalische Leitung : Ivan Anguélov
Gewandhausorchester

22. Januar 2005, Oper Leipzig

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