| Drucken21.11.2001 

Franz Schubert: Winterreise (Frank Sindermann)

21. November 2001 Gewandhaus, Mendelssohn-Saal,

Franz Schubert, ?Winterreise?, D 911

(Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller)

Marek Rzepka, Baß-Bariton
René Speer, Flügel

?Ich bin zu Ende mit allen Träumen? ? eine Reise in den ewigen Schnee

Gegen die ?Lustigen Musikanten? im großen Saal hat es so ein Liederabend nicht leicht: Während ersterem die Massen nur so zuströmen (und das bei Preisen bis über 100 DM), findet letzterer oft vor spärlich besetzten Reihen und einem relativ konstanten Kreis von Interessierten statt. Eine Ausnahme bilden hier die Feiertage, an denen auch diejenigen den Weg ins Konzert finden, die sich dort sonst eher selten sehen lassen. So konnten sich der polnische Baß-Bariton Marek Rzepka und sein Begleiter René Speer am Buß- und Bettag über einen ausverkauften Saal freuen. Allerdings hatte das Programm mit Sicherheit seinen eigenen Anteil an der großen Resonanz, gehört doch Schuberts ?Winterreise? zu den beliebtesten Liederzyklen überhaupt. Dementsprechend hoch sind natürlich auch die Erwartungen.

Die beiden Interpreten konnten diese Erwartungen grundsätzlich erfüllen. Sie boten eine durchgängig überzeugende ?Winterreise?, indem sie ebenso den großen Bogen des Zyklus wie die Nuancen des einzelnen Liedes im Auge behielten. Den größeren Anteil daran hatte sicherlich Marek Rzepka, dem einzelne Nummern außerordentlich subtil gerieten. So wußten gleich im ersten Lied, ?Gute Nacht? die dynamischen und stimmlichen Abstufungen zu beeindrucken. Als vorzüglich erwies sich die Textverständlichkeit, die nur in besonders schnellen Passagen merklich abnahm (so z. B. in ?Erstarrung? oder ?Rückblick?). Textfehler unterliefen dem auswendig singenden Rzepka so gut wie nie (nur in ?Frühlingstraum?, wo er ?Herze? statt ?Auge? sang, was dem positiven Eindruck aber keinen Abbruch tat). Die Intonation geriet, von einigen schnellen Figuren einmal abgesehen, vorbildlich. Die Stimme Rzepkas verfügt über ein breites Spektrum dynamischer Abstufungen. Die Höhen klangen teilweise etwas bemüht, die tiefen Töne (wie in ?Irrlicht?) mitunter etwas schwach. An der Atemtechnik könnte sicherlich auch noch etwas gefeilt werden. So atmete Rzepka manchmal mitten in Sätzen (?ihr grünen Totenkränze ? könnt wohl die Zeichen sein?) oder verfiel am Ende lang gehaltener Töne in ein übermäßiges Vibrato. Vollauf überzeugen konnten allerdings die gestalterische Phantasie des Sängers, der jedem Stimmungsumschwung nachging und die Trostlosigkeit und Verzweiflung in den Texten Gestalt annehmen ließ, weit entfernt von einem bloßen Absingen und durchaus mit dem nötigen Mut, das Schöne dem Wahrhaftigen unterzuordnen.

Der Pianist René Speer erwies sich grundsätzlich als solider Begleiter. Technisch dem Werk im großen und ganzen gewachsen, geriet er in virtuosen Passagen dennoch in arge Bedrängnis, hastete zu sehr den Noten hinterher, um noch gestalten zu können (so z. B. in ?Rückblick?). Doch auch in technisch weniger anspruchsvollen Liedern konnte Speer nicht völlig überzeugen. Allzu selten spielte er wirklich leise, die dynamischen Abstufungen bewegten sich insgesamt in zu engem Rahmen. In den Soloabschnitten des Klaviers setzte Speer eigene Akzente. Man muß sich allerdings wirklich fragen, warum er den Schlußteil von ?Das Wirtshaus? derart brutal spielte; in den Noten steht es jedenfalls nicht, und sinnvoll motiviert scheint es auch nicht. Ein größeres Problem stellte das Zusammenspiel von Solist und Begleiter dar: Manchmal legte Speer in der Einleitung ein anderes Tempo vor, als dasjenige, in dem Rzepka dann sang. Zu oft stimmten auch die Einsätze nicht, war das Klavier zu früh oder zu spät. Im Zweifelsfall ist es aber die Aufgabe des Begleiters, sich nach dem Sänger zu richten, nicht umgekehrt. Überhaupt gab es zu wenig Kontakt zwischen den beiden Musikern, was dazu führte, daß an Stellen mit Übergängen, Verlangsamung, Beschleunigung etc. die Homogenität des Zusammenspiels manchmal etwas zu wünschen übrig ließ.

Im Gedächtnis werden aber die wirklich großen Momente bleiben, so z. B. die ergreifende Gestaltung des Weinens in ?Letzte Hoffnung? oder der Schluß des Liedes ?Der greise Kopf? (?auf dieser ganzen Reise?), Momente an denen beide Beteiligten Anteil hatten und die neugierig auf den weiteren Werdegang des Duos machen. Freundlicher bis begeisterter Applaus (leider viel zu früh einsetzend) und Ansätze zu stehenden Ovationen belohnten die Künstler für ihre Darbietung. Ob es nötig ist, der endlosen Liste von ?Winterreisen? auf CD noch eine weitere hinzuzufügen, wie es das Duo demnächst tun wird, sei dahingestellt als Interpreten auf dem Podium boten Marek Rzepka und René Speer alles in allem eine sehr sorgfältige und durchaus individuelle Interpretation.

Während das Publikum des Liederabends das Gewandhaus verließ, tummelten sich im großen Saal weiterhin die ?Lustigen Musikanten?, in denkbar großem Gegensatz zum ?Leiermann? bei Schubert, dem Inbegriff eines ?unlustigen? Musikanten, von dem es noch dazu heißt ?und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer?...

(Frank Sindermann)

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