Falk Hamann | Drucken08.10.2010 

Gedichtvertonungen und intellektualistische Kollektiv-Improvisationen

Der letzte Konzertabend der 34. Leipziger Jazztage: das Thärichens Tentett, Nostalgia und Steve Coleman & Five Elements

Steve Coleman & Five Elements (Foto: Leipziger Jazztage)

Erst nachdem der neue Tag schon eine halbe Stunde alt war, endete der letzte große Konzertabend der Jazztage und mit ihm eigentlich auch schon fast das diesjährige Festival, welches am Folgetag mit noch drei kleineren Konzerten ausklingen sollte. Für diesen Abend konnten die Veranstalter, gleichsam als „krönenden Abschluss“, den renommierten us-amerikanischen Altsaxophonisten Steve Coleman mit seiner Formation Five Elements gewinnen. Ihm voran gingen noch zwei Konzerte, welche erneut den auf der deutschen Jazzlandschaft liegenden thematischen Schwerpunkt bedienten.

Es eröffnete Thärichens Tentett, eine auf den ersten Blick opulente Formation aus fünf Bläsern, Gesang und einer klassisch besetzten Rhythmusgruppe um den Pianisten Nicolai Thärichen. Diese zwischen Bigband und Combo angesiedelte Besetzung ermöglicht es aber in den Kompositionen, gezielt zwischen kammermusikalischen Besetzungen und einem eher orchestralen Klang zu wechseln; gerade bei den hier gespielten Titeln des aktuellen Albums Farewell Songs, die oft  Vertonungen lyrischer Texte darstellten, kamen diese Gestaltungsmittel gut zum Tragen. Mal sind es wie im Titel „This Time“ intime Passagen zwischen dem Klavier und einer von Andreas Spannagel gefühlvoll gespielten Querflöte, dann wieder kräftige Bläsereinwürfe über einem progressiven Funk-Rhythmus wie „On Being a Woman“, einem Titel nach dem gleichnamigen Gedicht Dorothy Parkers. In diesem kam auch die markante Gestalt des Sängers Michael Schiefel, die wesentlich den Klang des Ensembles bestimmte, am prägnantesten zur Geltung: Wunderbar passte hier sein exaltierter Gesang zum aufmüpfigen Arrangement Thärichens, und erst beides zusammen trug zu einer gelungene Vertonung des zugrunde liegenden Textes bei. Der rockige Sprechgesang unterstrich in seinem Wechsel mit kurzen, rein instrumentalen Einschüben, welche die einzelnen Verse voneinander trennen, schön die durchgängig antithetische Struktur des Textes, in dem das lyrische Subjekt über sein emotionales Hin-und-her-gerissen-Sein klagt. Wie hier so gelingt es den Musikern von Thärichens Tentett auch andernorts musikalisch die jeweils richtige Stimmung zu erzeugen, so dass ihre Musik die originäre Wirkung des jeweiligen Textes verstärkt und beides eine künstlerische Einheit bildet.

Das Trio Nostalgia um den Berliner Posaunisten Nils Wogram, widmete sich hingegen ganz der Tradition instrumentaler Jazzmusik. Die Bezugnahme auf klassische Stilistiken wie Bossa Nova, Bebop oder Ballade der amerikanischen Jazzmusik ist hier überdeutlich, doch erschienen diese im modernen Gewand, was einerseits der Besetzung des Orgeltrios, andererseits der durchaus zeitgenössischen Spielweise der Musiker geschuldet war. Florian Ross an der Hammond B3 versuchte nicht unmittelbar das fehlende Bassinstrument zu ersetzen, sondern beließ es so bei dem eher luftigen Gesamtklang; zu dieser Art von Direktheit gehörte auch, dass weitestgehend auf Effekte verzichtet wurde. Die damit auf das Essentielle reduzierte Musik konzentrierte die Aufmerksamkeit auf die solistischen Leistungen, welche die drei Musiker auch klar unter Beweis stellten. Die Improvisationen von Ross, Wogram wie auch von Schlagzeuger Dejan Terzic, dessen eigentlicher Solopart allerdings leider bis zum letzten Stück „Flashback“ auf sich warten ließ, zeugten nicht nur von souveräner Virtuosität, sondern zeigten auch ein klares Gespür für die solistische Verwendung rhythmischer Elemente wie in Ross' tänzerischer Komposition „Rondo Nr. 7“.

Das schon an den Vorabenden angekündigte „Finale“ bestritten dann Steve Coleman & Five Elements, die an diesem Abend ohne Bass und Schlagzeug auftraten. In dem Konzert, das aus einer einzigen sich fortwährend entwickelnden Kollektiv-Improvisation bestand, agierten so konsequent auch alle fünf Instrumente vollkommen gleichberechtigt: Selbst Pianist David Bryant und Gitarrist Miles Okazaki begaben sich an wirklich keiner Stelle in die zurückhaltende Begleiterrolle. Zudem hielten sie sich – entgegen der Ausrichtung ihrer Instrumente – vorwiegend in einer einstimmigen Spielweise, um die Gleichstellung mit den Blasinstrumenten und der Sängerin Jen Shyu zu gewährleisten. Der Interaktion der fünf Musiker haftete durchgängig ein zurückhaltender Duktus an, selten ging es dynamisch über ein Mezzoforte hinaus. In Verbindung mit den andauernd nur indirekt zutage tretenden kompositorischen Elementen erhielt das Konzert eine zutiefst intellektuelle Note, die alle Heißblütigkeit oder Impulsivität verbat. Subtil tauchte in einer Stimme ein melodisches Motiv auf, das von einer zweiten bzw. dritten Stimme plötzlich unisono übernommen oder harmonisch erweitert wurde, während die erste dasselbe schon wieder variierte. So erwies sich für den Zuhörer vermeintlich Improvisiertes ganz unvermittelt als quasi komponiertes Element. Wird hier der anhaltende Schwebezustand zwischen beidem zum künstlerischen Programm gemacht, das gegen ein Verständnis opponiert, welches Improvisation der Komposition entgegensetzt und damit deren innere Verwandtschaft übersieht, so passt das biographisch gut zu der für Coleman prägenden Beschäftigung mit den theoretischen Grundlagen improvisatorischer Praxis und deren technischer Reproduzierbarkeit. So überaus ansprechend mithin dieses Projekt aus der Sicht musikästhetischer Überlegungen erscheint, enthielt es über die gesamte Aufführungsdauer von fast anderthalb Stunden auch deutliche Längen: Das gemeinsame Hangeln von einer motivischen Idee zur nächsten, das stetige unterschwellige Ablösen von reduzierten kompositorischen Strukturen innerhalb des einheitlichen improvisatorischen Stroms wirkte schnell steril und überbeanspruchte den hier zugrunde liegenden künstlerischen Gehalt.

34. Leipziger Jazztage

Jazz in der Oper

Thärichens Tentett

Nostalgia

Steve Coleman & Five Elements

2. Oktober 2010, Oper Leipzig


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