Gerhard Lock | Drucken21.08.2002 

Bach, Jazz und traditionelle Volkskultur unter einem Dach vereint

Gespräch mit dem Leipziger Organisten David Timm während des Tallinner Orgelfestivals

Das Tallinna Rahvusvaheline Orelifestival (Internationales Tallinner Orgelfestival) wurde 1987 vom Organisten und noch heutigen Organisator Andres Uibo (geb. 1956) in der estnischen Hauptstadt Tallinn gegründet. Das nun schon zum 16. Mal stattfindende Ereignis mit Interpreten aus Deutschland, Estland, Frankreich, Italien, Monaco, der Schweiz und den USA machte die Konzertbesucher auch mit Kirchen und Orgeln in ganz Estland bekannt. Von 28 Konzerten in zehn Tagen fanden elf in Tallinn statt, sieben im Badeort Pärnu und neun in kleineren und kleinen Kirchen in ganz Estland. Gespielt wurden neben Werke von Bach, Liszt, Reger, Mendelssohn, Brahms, Mozart auch Franzosen wie Tournemire und Ropartz, sowie italienische alte Musik. Das Ensemble "Vox Clamantis" unter Jaan Eik Tulve sang gregorianische Gesänge und es gab zwei Konzerte in Zusammenarbeit mit parallel laufenden Musikfestivals in Estland (Rameau und Improvisationen auf Themen von Bach mit Orgel, Schlagwerk und elektronischen Instrumenten). Des weiteren wurde die Telemann'sche Mattheus Passion von 1730 unter Leitung des bekannten Hortus"Musicus"Dirigenten Andres Mustonen in Tallinn als Abschlusskonzert aufgeführt. Und da es ein Festival in Estland ist, fehlten auch einige estnische Komponisten wie Artur Kapp (1878-1952), Cyrillus Kreek (1889?1962) und Edgar Arro (1911-1978) nicht. Es erklangen Choralvorspiele sowie estnische geistliche Volkslieder in Bearbeitungen für Chor oder Orgel. Ein besonderes und seltenes Erlebnis war die Gegenüberstellung des mehrstimmigen [!] traditionellen Gesangs der Setus aus Südestland mit stimmungsvollen Orgelbearbeitungen Arros von ursprünglich überwiegend einstimmigen Volksweisen aus verschiedenen Regionen Estlands. Somit stützt sich das Programm des Festivals prinzipiell auf drei Säulen: Zum einen altbekannte Namen der Orgeltradition, zum anderen selten in Konzert- und Kirchenräumen aufgeführte, in traditioneller Überlieferung bisweilen geschätzte 2000 Jahre alte estnische Volksmusik (sowie deren Bearbeitung) und als dritte Säule auch die Konzerte David Timms mit dem estnischen Saxophonisten Lembit Saarsalu. Saarsalu konzertiert seit den 1960er Jahren in aller Welt mit Jazz und vor allem mit von seiner heimatlichen Volksmusik inspirierter Musik.

David Timm wurde 1969 in Waren an der Müritz geboren. Er sang im Thomanerchor Leipzig und wurde später dort erster Präfekt des Chores. 1989-1995 studierte Timm an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig Kirchenmusik, Orgel (bei Hannes Kästner und Arvid Gast) und Improvisation bei Volker Bräutigam. Er absolvierte ferner ein Meisterklassenstudium im Fach Klavier bei Markus Tomas in Leipzig und studierte einige Zeit am Salzburger Mozarteum. Timm hat erste Preise bei Wettbewerben im Bereich Klavier- und Orgelimprovisation gewonnen (Weimar 1991, 1997 und Schwäbisch Gmünd). 1998 erhielt er gemeinsam mit Reiko Brockelt (Saxophon) das "Leipziger Nachwuchsjazzstipendium". Seit 1998 unterrichtet er Chordirigieren an der Kirchenmusikschule Halle und Orgelimprovisation an der Musikhochschule Leipzig.

Schon zum XV. Tallinner Orgelfestival 2001 konnte Timm als Chordirigent gemeinsam mit dem Leipziger Vocalensemble große Aufmerksamkeit erringen. Mehr noch haben jedoch seine Konzerte mit Improvisationen und Jazz auf der Orgel beeindruckt, so dass man ihn in diesem Jahr erneut einlud. Auch diesmal musizierte er gemeinsam mit dem renommierten estnischen Saxophonisten Lembit Saarsalu. Im Anschluss an das Konzert in Keila am 10. August 2002 sprach Gerhard Lock mit ihm.
Lembit Saarsalu und David Timm als Duo. Das gab`s schon im vorigen Jahr beim Orgelfestival. Wann und wie seid ihr miteinander bekannt geworden?

Lembit und ich sind vom künstlerischen Leiter des Festivals Andres Uibo zusammengeführt worden. Uibo suchte jemanden, der Jazz auf der Orgel machen würde und erhielt im Zuge der letztjährigen Choreinladung [Anm.: Leipziger Vokalensembles, Leitung David Timm] eine CD-Aufnahme von mir. Der Chor schwärmt noch heute von dieser Reise. Auch der Deutsche Musikrat hat damals die Reise des Vokalensembles unterstützt, sonst wäre sie mit c.a. 30 Choristen finanziell nicht möglich gewesen. So kamen Lembit und ich zusammen. Wir brachten beide eigene Stücke mit und bearbeiten im Prinzip folgende drei Felder: Estnische Musik (Bearbeitungen von Lembit für Jazz), Jazzbearbeitungen von mir und natürlich Jazzstandarts. So waren es im Jazzteil in Keila u. a. folgende Stücke:
Lembit Saarsalu: Samba
Standart "My romance"
Uno Naissoo: Jazzkompositionen
J. S. Bach: a-Moll Samba, d-Moll Swing
Saarsalu: Bearbeitung der estnischen Tanzweise "Targa rehealune" ("Unter der Tenne des Klugen").
Auch bei den anderen Konzerten sah das Programm ähnlich aus, aber natürlich geraten die Improvisationen immer wieder anders, so dass es nie ganz gleich ist.Im Verlauf des diesjährigen Orgelfestivals habt ihr schon achtmal an verschiedenen Orten Estlands zusammen gespielt (Tallinn, Niguliste -Kirche, Stenbock-haus auf dem Domberg; Pärnu Elisabeth-Kirche; Valga Jaani-Kirche; Nissi Kirche, Haapsalu Domkirche; Suure-Jaani Kirche und Keila Kirche). Welche der Kirchen haben Dir besonders gefallen und was kannst Du über die Orgellandschaft sagen?

Wenn man zu Konzerten fährt, sich vorbereitet, die Orgeln testet, bleibt zunächst kaum Zeit für intensivere Beschäftigung mit Ort und Kirche. Einen ersten Eindruck hat man allerdings trotzdem und ich muss sagen, dass mir besonders die Kirchen in den kleinen Orten gefallen haben. Sie erinnern mich an meine Mecklenburgische Heimat, zum Teil war das auch bei den Orgeln so.

Von den Orgeln möchte ich hier stellvertretend drei nennen, die mir sehr gefallen. Die Orgel der Elisabeth?Kirche in Pärnu ist ein romantisches Instrument der Firma Kolbe aus Riga. In Valga [Anm.: An der estnisch?lettischen Grenze] gibt es eine gute Ladegast-Orgel und auch das estnische Instrument in Suure-Jaani [Anm.: Groß-Johannes in Mittelestland] gefällt mir sehr. Überhaupt ist die Orgellandschaft in Estland hoch interessant. Es lohnt sich, sie kennen zu lernen.

Beispielsweise steht in Keila die erste Orgel der Welt mit pneumatischer Kegelladentraktur. Es ist ein Instrument der Firma Walcker aus dem zweiten Drittel des 19. Jh., die nach dem Ersten Weltkrieg von der Tallinner Firma A. A. Terkmann umgebaut wurde. Interessanterweise heißt der Ort Keila ins Deutsche übersetzt ebenfalls Kegel. Dies ist jedoch ein Zufall und hat keinen Zusammenhang zur Kegelladentraktur dieser Orgel.Die Improvisation ist eine sehr feinfühlige Sache, das Zusammenspiel muss gut funktionieren...

...ja absolut. Und es ist nie das Gleiche, was improvisiert wird. Jedes Mal klingen die Stücke anders, obwohl natürlich das Grundgerüst beim Jazz feststeht und wir vorher festlegen, welche Registrierung ich zu Beginn der Stücke einstellen muss, damit die Atmosphäre gut ist. Alles andere entwickelt sich dann von selbst und die Variationen sind immer wieder spannend. Und außerdem wird Jazz überall auf der Welt verstanden, da ist es egal, ob ich mit einem Esten, einem Franzosen oder einem Amerikaner musiziere.Nun von der Jazzimprovisation kurz zu Deiner eigenen Orgelsinfonie auf Bachsche Themen. Hier beeindruckte mich vor allem die formale Geschlossenheit und die Stiltreue.

Es ist gut, wenn man bestimmte Grundformen wie Sonatensatz, ein schönes Adagio, ein Scherzo oder eine Toccata hat, nach denen man dann gut improvisieren kann. Und natürlich hängt es auch davon ab, was ich gerade spiele, womit ich gerade konzertiere, was ich "in den Fingern" habe. So etwas fließt in solch eine Improvisation mit ein. Was ich in Keila gespielt habe, ist eine spätromantische Stilkopie: Liszt, Reger, auch französische Komponisten wie Saint Saëns, César Franck haben Pate gestanden.Jazz auf der Orgel ist meiner Ansicht nach immer noch eine ungewöhnliche Sache, sowohl in Estland, als auch in Deutschland. Wie hat das Publikum reagiert? Ganz banal gefragt, wo war das beste Publikum?

Nun ja, wo es am besten war, kann ich schlecht sagen. Manchmal wurde stehend applaudiert [Anm.: wie z.B. auch in Keila], manchmal war die Reaktion eher verhalten. Die Esten z.B. reagieren nicht so extrovertiert, wie andernorts das Publikum. Aber mir gefällt, dass die Esten trotzdem sehr aufmerksam zuhören. Es zählt für mich nicht immer nur das Zurückgeben, d. h. der Applaus für eine gute Leistung, sondern auch das intensive Zuhören, und das habe ich bei der Bevölkerung Estlands, sowohl bei der russischsprachigen, als auch bei der estnischsprachigen so erlebt.

Ja, das Publikum in Estland ist ein gutes und es nimmt Jazz in der Kirche dankbar an. Natürlich hat der Jazz im Grunde genommen seine Wurzeln sowohl in der amerikanischen Gospelmusik, als auch in der europäischen Musiktradition (und damit auch bei Bach) und beides ist Musik, die in der Kirche gespielt wird. Auch in der Jazzmusik drückt sich die Seele der Menschen aus.

Die Orgel kann verschiedenste Orchesterinstrumente darstellen, also kann sie auch Jazzinstrumente imitieren. Es macht Spaß, dies an jeder Orgel neu zu testen.Nun zu Estland: Wie gefällt es Dir hier?

Es gefällt mir sehr gut in Estland. Ich bin sehr gern hier. Auch das Leipziger Vocalensemble schwärmt noch heute von unseren Konzerten vor einem Jahr. Und: Es wird höchste Zeit, hierher zu fahren, sonst wird alles von Touristen überschwemmt.Du hast an der Estnischen Musikakademie in Tallinn sowohl Bach als auch Jazzimprovisation unterrichtet. Wie verlief Deine Meisterklasse?

Ein wenig hattest Du ja auch zugehört, kannst also bestätigen, dass die Teilnehmer sehr aufgeschlossen waren, bei Bach und besonders auch beim Jazz, der für sie Neuland war. Sie haben sich erfolgreich bemüht und sind sehr talentiert.Was würdest Du zum Niveau des Orgelfestivals sagen?

Da möchte ich meine Person jetzt vollkommen ausnehmen. Meiner Ansicht nach hat dieses Festival ein sehr hohes Niveau, auch wenn man bedenkt, aus wie vielen Ländern die Interpreten sind.Vielen Dank für das Gespräch und ich hoffe, Dich im nächsten Jahr wieder in Estland hören zu können.

Wenn man mich einlädt, bin ich nächstes Jahr gern wieder mit dabei.

XVI. Internationales Orgelfestival Tallinn/Estland, 2.-11. August 2002
Festivalprogramm und eine Übersicht über alle Interpreten, Ensembles und Dirigenten 1987?2000 findet sich unter folgender Adresse: http://www.hot.ee/eoy/orelifestival.html

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