Steffen Kühn | Drucken28.11.2006 

Musik etwa nur zur Unterhaltung?

„Gesprächskonzert” : Ein Musikalischer Dialog in Dresden mit Bernd Frankes Mindaugas Urbaitis

Bernd Franke, Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste ist Gast- und Ideengeber des heutigen Abends. Auf den zahlreichen Reisen, die er unternimmt, um neues musikalisches Material zu sammeln, ergeben sich stets Kontakte zu den dort lebenden Musikern. Den Komponisten Mindaugas Urbaitis hat er letztes Jahr auf einer Reise in Litauen getroffen. Gemeinsamkeiten mit Mindaugas Urbaitis sieht Bernd Franke nicht in speziellen Techniken oder Auffassungen von Musik. Künstlerische Offenheit, Neugier und nicht zuletzt persönliche Sympathien waren für ihn die Gründe den Kollegen nach Dresden einzuladen.

Wie viele Komponisten seiner Generation hat Mindaugas Urbaitis die formalen Entwicklungen der zeitgenössischen Musik miterlebt und mitgestaltet. Auf die Fragen von Jörn-Peter Hiekel berichtet er von seinen Erfahrungen: Serialismus, Aleatorik, Experimentalmusik, Minimalismus, Computermusik da sind sie, die vertrauten Kategorien der neueren Musikgeschichte. Seinen jetzigen Stil beschreibt er als "kein Minimalismus, sondern eine Art der Reduktion". Minimalismus, das Stichwort für Bernd Franke: Den starken Einfluss von Minimalismus amerikanischer Prägung in Litauen sieht er schon in der frühen litauischen Musikgeschichte, wo sich Beispiele finden lassen, die aus der Wiederholung einfachster Formen ihre Spannung generieren.Quartetto per archi ist ein sehr dynamisches, energiegeladenes Stück. Selbst in ruhigen Abschnitten erzeugen die ausgezeichneten Musiker des Ciurlionis-Quartetts knisternde Spannung, die Töne werden angestoßen und in einer Art natürlichen Trägheit entwickeln sie erst nach Bruchteilen von Sekunden ihre volle Intensität. Dieser Effekt wird überlagert mit minimal verschobenen Zeitachsen der einzelnen Stimmen: man spielt hintereinanderher, überholt sich, bleibt zurück. Eine volksliedhafte einfache Melodie schafft eine assoziative Linie, der Schluss ein zauberhaftes Beispiel wie sich Musik einfach in Nichts auflösen kann.

Bernd Franke ist nicht bereit über die Ästhetik von The way down is the way up viele Worte zu verlieren, Musik sei schließlich zum Hören da. In seinem neuen Stück experimentiert er mit der traditionellen Notierung von E-Musik. In Satz zwei, vier und sechs ist der Takt klassisch fixiert, die Sätze eins, drei und fünf müssen ohne Partitur auskommen, wie im Jazz hat jede Stimme ein Thema, das Tempo und Zusammenspiel entsteht intuitiv zwischen den Musikern, die aufeinander hören und reagieren müssen. Franke spielt mit freien und gebundenen Sektionen und verschiedenen Dichten. Fast romantische Linien entwickeln sich, doch kurz bevor es richtig "schön" wird ändert sich die Richtung, die Farbe oder die Intensität. Rhythmische Aktionen schärfen die Sinne, die minimalen Verschiebungen öffnen immer wieder neue Perspektiven. Die Musiker des Ciurlionis-Quartetts sind phantastisch aufeinander eingestellt, winzige Nuancierungen werden sofort aufgenommen und weiterentwickelt, außerdem spürt man eine greifbare Offenheit gegenüber neuer Musik.

Das leider spärliche Publikum applaudiert nach beiden Stücken uneingeschränkt, das Gespräch schlägt leider nicht zum Publikum über. Wahrscheinlich zu weitgefächert sind die angesprochenen Themen, schnell ist man über die Musikästhetik in einer Diskussion über musikalische Entwicklung vor und nach der politischen Wende. Bernd Franke räumt mit dem Vorurteil auf, vor der Wende hätte es keinen intellektuellen Austausch zwischen Ost und West gegeben. Jörn-Peter Hiekel steigert sich in seiner gutgemeinten westdeutschen Aufarbeitung zu der Frage, weshalb denn Urbaitis und Franke nach dem Fall der alten Systeme heute noch Musik machen würden, etwa nur zur Unterhaltung. Eine Naivität die wehtut, und leider auch gefährlich ist, aber heute ging es ja eigentlich um Musik und die war ob nun vor der Wende - Urbaitis oder ganz aktuell - Franke sehr unterhaltsam!

Gesprächskonzert - Musikalischer Dialog: Bernd Franke Mindaugas Urbaitis

Sächsische Akademie der Künste

Bernd Franke (geb. 1959) The way down is the way up (2006)
Uraufführung
Mindaugas Urbaitis (geb. 1952) Quartetto per archi (1978)
Ciurlionis-Quartett, Vilnius
Jonas Tankevicius, 1. Violine
Darius Diksaitis, 2. Violine
Gediminas Dacinskas, Viola
Saulius Lipcius, Violoncello
Jörn-Peter Hiekel, Moderation

Mittwoch, 22. November 2006, 20 Uhr, Blockhaus, Neustädter Markt 19, Festsaal

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