Frank Sindermann | Drucken21.10.2014 

Ernste Schönheit und matter Jubel

Nikolaj Znaider spielt das wohl berühmteste Violinkonzert der Welt und Riccardo Chailly versucht eine sinfonische Ehrenrettung

Riccardo Chailly (Foto: Gert Mothes)

Gegensätzlicher könnten die beiden Werke kaum sein, die im heutigen Grossen Concert aufeinandertreffen. Im ersten Teil des Konzerts Beethovens Violinkonzert, das auf äußerliche Effekte weitestgehend verzichtet, dafür aber einen unerschöpflichen Reichtum an musikalischen Ideen in sich birgt, nach der Pause Dmitri Schostakowitschs 12. Sinfonie, ein Werk, bei dem es sich über weite Strecken genau umgekehrt verhält.

Für eine gelungene Interpretation des Violinkonzerts op. 61 ist es unverzichtbar, sich auf dessen sinfonisches Prinzip einzulassen. Wenn der Solist sich hier zu sehr in den Vordergrund drängt, geht Beethovens bahnbrechendes Konzept nicht auf. Das anzustrebende Ideal ist hier ein gleichberechtigtes Miteinander von Solist und Orchester. Für diese Art des Musizierens ist Nikolaj Znaider schlicht die Idealbesetzung. Niemals stellt er seine technische Perfektion bloß zur Schau, niemals vergisst er, dass er im hervorragend disponierten Gewandhausorchester weit mehr zur Seite hat als eine gefällige Begleitung, nämlich einen ebenbürtigen Partner, der an allen Pulten überzeugt und an vielen begeistert (Holzbläser!). Riccardo Chailly geht das Konzert würdevoll und ernst an, ohne jedoch die gesanglichen Seiten zu vernachlässigen. Diese bemerkenswerte Kombination aus Ernst und Schönheit macht diese Aufführung zu einem Musterbeispiel für den Wahlspruch des Gewandhauses: „Res severa verum Gaudium“ – wahre Freude ist eine ernste Sache.

Wie anders Schostakowitschs Zwölfte! Dieses umstrittene Werk, das sich so schwer zwischen Anbiederung an die Staatsmacht und versteckter Kritik an selbiger verorten lässt, wird eher als eines seiner schwächeren gesehen und daher recht selten gespielt. Chailly scheint sich vorgenommen zu haben, die Sinfonie so überzeugend wie irgend möglich klingen zu lassen, anstatt sie als Dokument eines mehr oder weniger freiwilligen Scheiterns zu präsentieren. Die ungeheure Dynamik, mit der Chailly die Sinfonie angeht, hilft über manche Längen hinweg, und selbst das lärmende Finale wirkt hier erstaunlich kraftvoll. Fast könnte man diese Interpretation als Hinweis darauf werten, Schostakowitschs Jubel sei vielleicht durchaus ernst gemeint – der begeisterte Beifall des Gewandhauspublikums legt diesen Schluss jedenfalls nahe. Nur wer genau hinhört, bemerkt die Ermattung, die über dem Ende liegt, als habe sich die Musik zu Tode gesiegt.

Großes Concert

Ludwig van Beethoven: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61

Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 12 d-Moll op. 112 „Das Jahr 1917“

Solist: Nikolaj Znaider, Violine

Dirigent: Riccardo Chailly

10. Oktober 2014, Gewandhaus, Großer Saal


Die Aufführung vom Sonntag im Gewandhaus kann noch bis 13. Januar 2015 in der Arte-Mediathek angesehen werden.

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