Frank Sindermann | Drucken06.09.2015 

Zwischen Shakespeare und Nietzsche eingeklemmt

Umrahmt von zwei Strauss-Tondichtungen spielt Violinist Christian Tetzlaff mit dem Gewandhausorchester Mozarts Violinkonzert in G-Dur

Christian Tetzlaff (Foto: Giorgia Bertazzi)

„Ich wusste gar nicht, dass das von dem ist!“ Wie dieser Konzertbesucher im Gewandhausfoyer werden auch viele andere gedacht haben. So berühmt, ja, geradezu ikonisch die Einleitung zu Richard Strauss‘ Tondichtung „Also sprach Zarathustra“ durch Film und Fernsehen auch geworden ist, so unbekannt ist leider der nicht unbeträchtliche Rest der Komposition. Das Publikum im fast ausverkauften Gewandhaussaal hatte nun im Rahmen der Mozart-Strauss-Trilogie des Gewandhauses die Gelegenheit, das ganze Werk kennenzulernen.

Eröffnet wird das Konzert allerdings mit „Macbeth“, einem seltsam schroffen Werk des jungen Strauss, dessen Ecken und Kanten Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly keineswegs zu verbergen sucht, sondern überzeugend in sein dramatisches Konzept integriert. Dazu gehört auch der düster dräuende Klang des Gewandhausorchesters, das selten derartig fahl, bisweilen geradezu schneidend und schrill klingt. Technisch bewegt sich die Aufführung auf höchstem Niveau. Vom Flötensolo à la „Rosenkavalier“ bis zu den teils halsbrecherischen Streicherpassagen zeigt sich das Orchester wie schon im ersten Konzert des Zyklus (zur Rezension) in Bestform. Dass die dramatisch auftrumpfenden Tutti deutlich transparenter geraten als noch vor einer Woche, kommt dem Werk, das ein gewisses Schattendasein im Konzertrepertoire fristet, sehr zu Gute. Das Leipziger Publikum, dem im Programmheft ein eher kühles Verhältnis zu Strauss nachgesagt wird, wirkt nach dem abrupten Schluss des „Macbeth“ zunächst etwas irritiert und spendet dann bescheidenen Höflichkeitsapplaus.

Auch heute wirkt das zwischen die Strauss-Blöcke eingefügte Mozart-Konzert wie ein Fremdkörper – zu groß sind die Unterschiede in Ausdruck, Stil und Besetzung. Andererseits zeigt der Kontrast zwischen Strauss‘ spätestromantischen Tondichtungen und Mozarts himmlischem Violinkonzert G-Dur KV 216 eindrucksvoll die Wandlungsfähigkeit des Orchesters, das nach Strauss mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit in den Klassik-Modus umschaltet. Christian Tetzlaff erweist sich – abgesehen von seinen hervorragenden geigerischen Qualitäten – als hellhöriger Partner des Orchesters, welches Riccardo Chailly seinerseits überaus umsichtig auf den Solisten reagieren lässt. Ein Musterbeispiel musikalischen Dialoges.

Als Zugabe spielt der vom Publikum begeistert gefeierte Christian Tetzlaff das „Andante“ aus der Sonate Nr. 2 für Violine solo BWV 1003. Das ist zwar einerseits ein wenig wie Eulen nach Athen tragen, andererseits: Wer könnte etwas dagegen haben, derart schöne Musik wieder und immer wieder aufs Neue zu hören? Als die letzten zarten Töne im Nichts verklingen, ist der Jubel jedenfalls immens. Wer mehr davon möchte, hat übrigens beim nächsten Bachfest die Gelegenheit dazu: Am 14. Juni 2016 wird Christian Tetzlaff Bachs sämtliche Sonaten und Partiten in der Thomaskirche spielen.

Nach der Pause folgt dann schließlich der „Zarathustra“, jenes etwas sperrige musikalische Philosophie-Seminar nach Nietzsche, das bei näherem Hinhören mehr Schönheiten und interessante Ideen enthält, als man an einem Konzertabend erfassen kann. Das Programmheft hilft dabei übrigens ausgezeichnet. Die Texte sind größtenteils fachlich fundiert, dabei angenehm locker formuliert und ermöglichen ein gewinnbringendes Nachvollziehen und Einordnen der gespielten Musik. Amüsant sind allenfalls die hin und wieder begegnenden sprachlich aufgebauschten Allgemeinplätze und Tautologien („eine unendliche Geschichte also, die niemals endet“).

Musikalisch lässt die Darbietung keine Wünsche offen – ganz im Gegenteil: Die Präzision, mit der Chailly jedes noch so kleine Detail der überbordenden Partitur ans Licht holt und der große Bogen, den er vom majestätischen Sonnenaufgangsbeginn bis zum letzten Kontrabass-Pizzicato spannt, lässt wehmütig an den jüngst bekannt gewordenen frühzeitigen Rückzug des Dirigenten aus Leipzig denken. Andererseits: Chailly geht zum Ende der Saison und die hat eben erst begonnen.

Mozart-Strauss-Zyklus, zweites Konzert

Richard Strauss:

• Macbeth op. 23

• Also sprach Zarathustra op. 30

Wolfgang Amadeus Mozart:

• Violinkonzert G-Dur KV 216

Gewandhausorchester

Dirigent: Riccardo Chailly

Solist: Christian Tetzlaff, Violine

Gewandhaus, Großer Saal, 4. September 2015

Drittes und letztes Konzert des Mozart-Strauss-Zyklus am 1./2. Oktober

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