| Drucken26.04.2001 

Gewandhausorchester spielt Martinu, Hartmann und Schubert (Marcus Erb-Szymanski)

26. April 2001 Gewandhaus Großer Saal

Gewandhausorchester unter Leitung von Hartmut Haenchen

Solisten:
Sabine Meyer, Klarinette
Gewandhaus-Quartett mit
Frank-Michael Erben, Conrad Suske, Volker Metz, Jürnjakob Timm

Bohuslav Martinu: Mahnmal für Lidice
Karl Amadeus Hartmann: Kammerkonzert für Klarinette, Streichquartett und Streichorchester
Franz Schubert: Große Sinfonie C-Dur D 944

Die Flut der Emphase
Hartmut Haenchen zu Gast in Leipzig

Es waren viele gekommen, Hartmut Haenchen als Dirigent des Gewandhauses zu erleben. Nach dem Hickhack um seine Engagement an der Oper, das nun aus welchen Gründen auch immer offensichtlich endgültig nicht zustande kommt, ließ er es sich nicht nehmen, als Gast des Orchesters, dem er als musikalischer Chef an der Oper vorgestanden hätte, seine Visitenkarte abzugeben.

Schon die Programmgestaltung wäre ein Thema für sich. Modernes vor der Pause, einen Klassiker danach. So bedient man nicht nur die bestimmten, sondern auch die unbestimmten Erwartungen, und das macht ein Konzert reizvoll.

Martinus ?Mahnmal für Lidice? ist ein Werk, das benommen wirkt. Benommen von dem schrecklichen Anlass zu seiner Komposition, dem Massaker von Lidice im zweiten Weltkrieg. Alle Bewegungen verharren in langsamen Tonschritten, die Musik tritt in merkwürdiger Weise auf der Stelle. Es sind allein die dynamischen Kontraste, die den schwerfälligen Bewegungen Ausdruck abringen, aber nicht verhindern können, dass der Komponist als Schöpfer und Mensch wie gelähmt erscheint. Auch als Hörer fällt es schwer, zu solcher Musik etwas zu sagen, auch auf ihn wirkt sie irgendwie lähmend, was ja vermutlich auch so sein soll.

Hartmanns Kammerkonzert dagegen besteht aus drei wunderschönen Sätzen, voll blühender Melodien und interessanter Wendungen. Allerdings wollen sie nicht so recht zusammenpassen und es bleibt fraglich, warum sie Hartmann überhaupt zu einem einzigen Konzert zusammengeschweißt hat. Auch sind die Möglichkeiten, die das Streichquartett als konzertierendes Ensemble in einem solchen Werk besitzt, nicht gerade ausgeschöpft worden. Aber dennoch ist es bewundernswert, wie kantabel Musik auch im 20. Jahrhundert gelingen kann (zumal wenn sie so schön wie an diesem Abend aufgeführt wird), ohne an irgend einer Stelle dem Trivialitätsverdacht ausgesetzt zu sein. Doch Hartmann hin, Martinu her, Schuberts Große C-Dur Sinfonie duldet keine andere Musik neben sich, lässt sie in der Erinnerung verblassen.

Die Frage, ob Schubert mehr Klassiker oder Romantiker ist, beantwortet Haenchen durch die Art, wie er dieses Werk angeht, ziemlich deutlich. Schon der erste Satz, indem er das ?non troppo? seines Allegros vergißt, wird nach der Einleitung ziemlich schnell eine Art ?Davidsbündlermarsch?. Zupackend und unnachgiebig in der Bewegung, ohne jede Verbindlichkeit in den dynamischen Kontrasten und dennoch sehr sanft in den Melodien - was gerade bei den Blechbläsern Eindruck macht - liegt der Schwerpunkt eindeutig auf den nichtstrukturellen Elementen dieser Musik. Und so zeigt sich auch, wie folgerichtig und konsequent das Ende dieses Satzes ist, wo sich in der Coda die thematischen Entwicklungen in reine Vitalität der Motorik auflösen, bevor sie sich in der agogischen Kraft der Langsamkeit bündeln, mit der das Einleitungsthema gleich einem Fazit noch einmal zurückkehrt.

Im zweiten Satz dagegen imponieren vor allem die Holzbläser, vorneweg die wunderbare Oboe, mit fließenden und dennoch wehmütigen Melodien, die hier allerdings nicht marschieren, sonder eher in der abendlichen Sommersonne spazieren gehen. Ein sanftes Schreiten in a-Moll, vom Charakter her ganz ähnlich dem Allegretto in Beethovens 7. Sinfonie. Doch über die Befindlichkeit der einzelnen Melodiestimmen setzt sich das Orchester mit seinen herben, mitunter fast schon zu militanten Einsätzen immer wieder hinweg. Aber Haenchen führt seine Musiker unbeirrt und unaufhaltsam zum Kulminationspunkt, jenem Aufschrei im dreifachen Forte, dem eine Generalpause folgt, die noch dreimal schreiender ist. Doch ehe das Blut in den Andern erstarrt, taucht die Oboe wieder auf, leise und tröstlich, um uns mit dem Geschehenen zu versöhnen.

Lediglich mit dem dritten Satz scheint der Dirigent nicht allzu viel anfangen zu können. Das Pendeln zwischen dem Dreiertakt als Naturgewalt im Scherzo und als heimatlich-lieblicher Tanz im Trio ist ein wenig unentschlossen. Zwar ist das Scherzo wieder recht herzhaft, aber das Trio schleppt sich doch ein wenig hin, ohne recht zu wissen, was es mit sich anfangen soll.

Imposant ist dafür dann der fast schon Attacca-Übergang zum vierten Satz. Hier lässt Haenchen alle Zügel schießen und setzte sich mit einem Jubeltempo über alle thematische Arbeit hinweg. Aber das ist nicht kritisch gemeint. Denn so wird schon das Anfangsthema gleich zu einem emphatischen Aufschwung, zum Signal einer neuen Zeit, das gerade auch wieder in bezug auf Schumann nicht ungehört geblieben ist. Und in der Folge hört man dann den Inhalt, das Euphorische, über die Ufer der Form treten. Eben das scheint Prinzip in diesem Werk, wenigstens, wenn es so aufgeführt wird, so aufgeführt werden kann, denn es ist schon erstaunlich, wie das Orchester bis zum Schluss dieses Tempo ohne Verschleiß durchhält.

(Marcus Erb-Szymanski)

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