| Drucken25.08.2001 

Gewandhausorchester spielt Mendelssohn Bartholdy (Juliette Appold)

25. August 2001
Großer Saal des Gewandhauses

Gewandhausorchester, Dirigent: Herbert Blomstedt

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847)

Konzertouvertüre ?Die Hebriden oder Die Fingalshöhle? h-Moll op. 26

Ouvertüre, Notturno, Scherzo und Hochzeitsmarsch aus der Musik zum Schauspiel ?Ein Sommernachtstraum? von William Shakespeare

Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56
(?Schottische Sinfonie?)

Introduktion: Andante con moto - Allegro agitato
Scherzo: Vivace non troppo
Adagio cantabile
Allegro guerriero: Allegro vivacissimo - Finale: Allegro maestoso assai

Endlich September!

?Endlich September!? Mit diesen Worten eröffnete Herbert Blomstedt die neue Saison des Gewandhausorchesters. Eine kurze Ansprache bereitete das Publikum auf das Konzert vor, das gänzlich Mendelssohn gewidmet war. Denn: ?Felix Mendelssohn ist unser Hausgeist? (Blomstedt). Nach dem Konzert gab es - großzügiger Weise - noch Sekt und Häppchen im Foyer, so daß die Stimmung insgesamt tadellos war.

Die Hebriden-Ouvertüre ist in einer Weise komponiert, daß man die Landschaft der Insel erahnen kann. Zunächst ist da die ruhige See (liegende Töne und ein absteigendes Thema im Oktavbereich) auf der sich das Sonnenlicht spiegelt, hervorgerufen durch tremoloartige Terzbewegungen in den hohen Streichern über lang gehaltenen Tönen und dem Eingangsthema im übrigen Orchester. Das Ganze sollte eher hintergründig wirken und geheimnisvoll gespielt werden. Eine scheinbar schwierige Aufgabe...
Dann entsteht durch aufsteigende und crescendierende Melodien und den hinzugekommenen Blechblasinstrumenten ein Bild eines großen Felsens, einer Insel. Aufbrausende Wellen, die dagegen schlagen, werden ebenfalls von wellenförmigen Linien, die dynamisch unterstrichen sind, nachgezeichnet. Dabei könnte die Steigerung wesentlich besser wirken, wenn die dynamischen Möglichkeiten ganz ausgeschöpft würden. Eine lyrische Klarinettenmelodie, hervorragend vom Solisten gespielt, läßt den Zuhörer deutlich erkennen, wie Mendelssohn diese Landschaft geliebt hat. Das Ganze ist also ein programmatisches Werk, das die Feingliedrigkeit einer klassischen Komposition mit romantischer Landschaftsbetrachtung verbindet. Vielleicht hätte die Aufführung etwas spannender gewirkt, wenn der gesamte Saal nicht voll beleuchtet gewesen wäre?

Die Musik zum Sommernachtstraum ist so bekannt, daß die Erwartungshaltung sehr hoch ist. Dirigent und Orchester hatten sichtlich Spaß beim Spiel, so daß kleine Unklarheiten im genauen Zusammenspiel verziehen werden konnten. Mit einer harmonischen Wendung öffnen Holzbläser sinnbildlich den Vorhang zur Ouvertüre und zum Werk. Die schnelle, fast spiccato gespielte Eingangsmelodie hat dann etwas von einem Elfentanz, bei dem sich fabelhafte Wesen graziös und flink bewegen. Präzision ist in den Streichern absolut erforderlich, sonst klingt es wie ein Insektenschwarm. Mit der elfenhaften Musik kontrastieren die warmen Melodien im Wechselspiel zwischen Streichern und Blechbläsern. Darunter gibt es auch sehnsüchtige Klänge in den Geigen, die von liegenden Tönen in den tiefen Streichern untermalt werden. Aber auch Melodien, die nach Ruhe und Zufriedenheit klingen, prägen einen Teil der Komposition. Satte Bogenstriche in Dur-Dreiklängen lassen fast das elfenhafte Motiv vergessen. Es kommt aber immer wieder aus verschiedenen Ecken des Orchesters zum Vorschein. Bevor die Holzbläser den Vorhang wieder schließen, wird das Tempo in allen Stimmen zurückgenommen, was für ein Orchester dieser Größe auch eine Herausforderung darstellt.

Ein Nachtstück (Notturno) folgt. Ein (nicht ganz präziser) Einstieg im Horn wird alsbald von der Melodie abgelöst, die an den Charakter Mendelssohnscher ?Lieder ohne Worte? erinnert. Es ist eine Melodie, die vorwiegend in den Bläsern tönt und durch harmonische Wendungen, Halbtonschritte und gleichmäßiger, aber in sich synkopierter Begleitung Ruhe und Sehnsucht hervorruft. An die Ouvertüre erinnernd, wirkt das Scherzo tänzerisch, leicht und spritzig. Als Zuhörer kann man sich an dem Schwung aufbauschender und abfallender dynamischer Wendungen erfreuen. Wirkungsvoll und überzeugend sind die Melodien der Bläser, die von Zeit zu Zeit von den ?Elfen? umtanzt werden. Das Scherzo hat, im Gegensatz zum Notturno, einen deutlich freudigeren Charakter.

Immer wieder gern gehört wird auch der Hochzeitsmarsch. Voller Glanz und Gloria hört man das Hochzeitspaar zu den fanfarenspielenden Trompeten schreiten. Zu der sanglichen Melodie, die vom wiederkehrenden Marsch umrahmt wird, kann man sich leicht den Austausch der Blicke des Paares vorstellen, fernab von der großen Feier. Ansonsten erfreuen die bekannten Melodien.

Mit der Schottischen Sinfonie wird der zweite Teil des Konzerts bestritten. Wie der Titel verrät, wird auch hier die musikalische Form mit programmatischem Inhalt gefüllt. Informative Hinweise zu Entstehung und Hintergrund der Komposition gibt das gut geschriebene Programmheft. Die auf die Sinfonie bezogene Darstellung der Vielfalt von Motiven, vertonten Gefühlen und Konflikten bleiben bei der Interpretation leider eher im Hintergrund. Schon die ?düstere, schwermütige Einleitung? ist in der Tat etwas schwer und vordergründig, der anschließende schnelle Hauptsatz fängt ebenfalls recht direkt an und bekommt somit einen nüchternen Charakter. Dabei könnten die crescendierenden wellenförmigen Linien bisweilen an die rauhen Stürme an Schottlands Küsten erinnern.

Im zweiten Satz, der sich ohne Pause dem ersten anschließt, bekommt man einen frühlingshaft frischen Klang zu hören. Das durch die Stimmen wandernde Thema ist heiter und ganz im Sinne eines Scherzos. Von dieser Fröhlichkeit grenzt sich das folgende Adagio non troppo ab, das langsam und elegisch, aber nicht schmerzhaft genug zum Ausdruck kommt. Deswegen kann sich auch die liebliche Melodie nicht so abheben, wie man es sich wünscht. Dennoch ein Gefühl der Sehnsucht geweckt. Am besten gefallen Rezensentin die Spielweisen der Klarinetten mit ihren sanften und schönen Melodien. In solchen Momenten zeigen die Musiker des Orchesters wie feinfühlig und präzise sie die Musik und ihre Botschaft darstellen können. Am Ende der Sinfonie klärt sich die musikalische Schwermut auf und findet so ihr glückliches Ende.

Die an diesem Tag gespielten Werke gehören zum Standardrepertoire des Gewandhausorchesters. Wie der Charakter der einzelnen Werke interpretiert wurde, daran gibt es nichts auszusetzen. Aber das ?etwas mehr?, das man bei einem Orchester von Weltrang erwartet, fehlte eben doch.

(Juliette Appold)

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