Johanna Gross | Drucken28.09.2002 

Ein ernüchterter Traum

Das Gewandhausorchester unter Daniel Harding spielt Werke von Schostakowitsch, Brahms und Britten

Aus der Traum. Der Traum von der Entstehung eines besseren und wohlwollenderen Modells menschlichen Zusammenlebens nach erfolgreicher Zerschlagung der zaristischen Feudalmacht und nach einer Phase bitterster Entbehrungen. Stalin hielt das Zepter fest in der Hand und knebelte das Land. Verschleppungen, heimliche Hinrichtungen, Beseitigung missliebiger Intellektueller waren an der Nachtordnung. Wieder einmal fraß eine Revolution ihre eigenen Kinder.

Wer Schostakowitsch näher betrachtet, das Gesicht eines hypernervös und gehetzt wirkenden Mannes, der als Repräsentant der neuen sowjetischen Musik gehandelt, hinter den Kulissen jedoch immer wieder gemaßregelt und zu offiziellen Entschuldigungen für seine "Entgleisungen" gezwungen wurde, dem wird beim Hören der Musik dessen diffizile Situation alsbald gegenwärtig: der schmale Grat zwischen Regimeentsprechung und Nichtverleugnung der eigenen Kunst. Da vermag man kaum noch objektiv zur Sache zu gehen.

Die vierte Symphonie ist das bis dato gewaltigste Orchesterwerk Schostakowitschs und wohl auch das extremste. Sie spiegelt ein düsteres Kapitel seiner Lebensgeschichte. Geplant als sein "kompositorisches Credo", konnte sie 25 Jahre nicht zur Aufführung gebracht werden, da Stalin kurz zuvor Schostakowitschs sehr erfolgreiche Oper Lady Macbeth von Mzensk in einem Artikel der Prawda als Chaos statt Musik (1936) diffamieren hatte lassen.

Wie passt nun dieses Mammutwerk von beispiellos aggressiver und dann wieder leidenschaftlich-zärtlicher Musik mit Musik von Brahms und Britten zusammen? Inhaltlich wie formal gesehen, erscheinen beide vorangegangenen Werke als eine Art Hinführung auf die brachiale Kulmination der Vierten. Der junge, sehr dynamische Dirigent Daniel Harding interpretiert die Haydn-Variationen von Brahms (dessen bekennender Fan er ist) mit viel Gefühl und ausladenden Bewegungen. (Für mein Verhältnis schon beinahe zu schwelgerisch.) Da stellte sich sofort die Frage, ob er dann auch mit solch ausschweifendem Gestus den Schostakowitsch dirigieren würde. Weit gefehlt, bereits die Four Sea Interludes von Benjamin Britten zeigten eine deutliche Änderung.

Von den insgesamt sechs Orchesterzwischenspielen seiner Oper Peter Grimes (1945) stellte Britten vier zu einer Konzertsuite zusammen. Das Programmheft klärt uns über den Inhalt von Brittens tragischer Oper auf. Alles in allem geht es um einen jungen Mann, der des Mordes beschuldigt wird. Der Verdacht scheint sich gegen Ende hin mit seinem selbstgewählten Tod zu bestätigen. Das erste Zwischenspiel (Dämmerung) beginnt mit extrem hohen Flöten und Violinen, deren schriller, zeitweilig auch holprig-unreiner Klang (was aber stellenweise auch dem Gewandhausorchester zuzuschreiben ist) alsbald auf den Beginn der Vierten verweist. Nach einem frischen Sonntagmorgen mit blitzenden Staccatofiguren in den Holzbläsern und einer lauen Sommernacht mit schweren, pompös breitgezogenen Klängen münden die Sea Interludes in einen bedrohlichen Sturm, der mit seinen rasenden Läufen und schrillen Trillern die bedrohliche Stimmung der Schostakowitsch-Symphonie antizipiert.

Mit brachialer Gewalt bricht diese dann über uns herein. Man vermeint geradezu des Komponisten indispositionierte Stellung in Mütterchen Russland am eigene Leibe zu spüren. Formal ausufernd und für ein Riesenorchester konzipiert [2 Piccoloflöten, 4 Flöten, 4 Oboen, 4 Klarinetten, Es-Klarinette (brillant gespielt!!!), Bass-Klarinette, 3 Fagotte, Kontrafagott, 8 Hörner, 4 Trompeten, 3 Posaunen, 2 Tuben, 2 Harfen, umfangreiches Schlagwerk mit Xylophon und Celesta sowie entsprechend großes Streichorchester (allein 8 Bässe)], wirkt sie wie die Musik zu einem surrealistischen Film. Das bisschen Lebensfreude und Humor des zweiten Satzes ist eingepfercht in zwei beängstigend bedrohliche Sätze, deren Spielzeit auch dreifach so lang wie die des Mittelteiles ist. Der erste Satz wird von einem brutalen Marschthema dominiert. Die gequälten Schreie und niederschmetternden Ostinati werden wiederholt durch etliche Soli mit nostalgischem Reminiszenzcharakter unterbrochen, besonders erwähnenswert ist der warme optimistische Klang des Solofagotts. Der dritte Satz ist von einer resignierenden Grunddüsternis gekennzeichnet, beginnend mit einer trauernden Marschmelodie im Fagott. Womöglich noch mannigfaltiger als der erste Satz endet er nach kraftvollem, trauernden Tutti schließlich in leiser Resignation mit dürftigen immer leiser werdenden Celestaklängen über einem unerbittlich schwerfälligen Streicherklangteppich.

Es war bemerkenwert zu beobachten, wie Harding mit der zunehmenden Komplexität der Musik sein Dirigat reduzierte und auf das Wesentliche konzentrierte. Souverän leitete er durch die bombastische Klangfülle der Symphonie und verharrte nach Beendigung in überwältigtem Schweigen, das alsbald durch das ungeduldige Klatschen des nahezu vollbesetzten Gewandhauses unterbrochen wurde.

Mag auch mehr als ein halbes Jahrhundert seit der Entstehung dieser Symphonie vergangen sein, ihre Aktualität hat sie nicht eingebüßt. Vielmehr wirkt sie in ihrer Feststellung, wieder einen Traum zu Grabe getragen zu haben, entsprechend zeitgemäß.

Gewandhausorchester
Dirigent: Daniel Harding

Johannes Brahms: Variationen über ein Thema von Joseph Haydn op. 56a
Benjamin Britten: Four Sea Interludes op. 33a
Dmitri Schostakowitsch: Symphonie Nr.4 c-Moll op.43

28. September, Gewandhaus, Großer Saal

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