| Drucken16.12.2001 

Gewandhausquartett mit Haydn, Britten und Dvorak (Gerhard Lock)

Gewandhausquartett mit Haydn, Britten und Dvorak

Gewandhaus-Quartett
(Frank-Michael Erben, 1. Violine; Conrad Suske, 2. Violine;
Volker Metz, Viola; Jürnjakob Timm, Violoncello)

Joseph Haydn (17321809)
Streichquartett C-Dur op. 33 Nr. 3 Hob. III:39 (?Vogelquartett?)
Benjamin Britten (19131976)
Drei Divertimenti für Streichquartett
Antonín Dvorák (18411904)
Streichquartett AsDur op. 105


Klangsinnliche Kammermusik im Gewandhaus

?Gantz neu Besondere art?, so hob Joseph Haydn selbst die Bedeutung seiner sechs im Jahre 1782 veröffentlichten Quartette Opus 33 hervor. Dabei ist es nicht mehr so sehr die Experimentierfreudigkeit seiner ersten Quartette, die geradezu auf sprichwörtliche Neuheit drängte; vielmehr ist es die Schlichtheit und Liedhaftigkeit besonders des am heutigen Abend erklungenen sogenannten ?Vogelquartetts?, die die von Haydn angesprochene ?Besondere art? in sich birgt. So konnte der Hörer denn ein im wahrsten Sinne des Wortes sehr gut harmonierendes Gewandhaus-Quartett erleben, welches höchste Quartettkunst bot. Wenn Alfred Einstein bezogen auf das zweite Thema des Kopfsatzes meinte, es erscheine wie ?bei geöffnetem Fenster komponiert?, so konnte man diesen Eindruck Dank der klangsinnlichen und homogenen Interpretation durchaus nachempfinden. Die Kürze des Finales überraschte ein wenig. Man hätte noch viel länger dieser motorischbewegten Musik lauschen wollen, doch so findet Haydn ein prägnantes, ein maßvolles Finale für sein C-Dur-Quartett.

Vor der Pause erklangen Benjamin Brittens Drei Divertimenti für Streichquartett. Es sind dies drei Charakterstücke, die den Zeitgeist der Musik der 1920/30er Jahre deutlich hören lassen. 1933 für eine fünfteilige Suite namens ?Alla Quartetto serioso? für Streichquartett geplant, wurden die drei vollendeten Stücke von Britten in überarbeiteter Fassung als ?Three Divertimenti? 1936 veröffentlicht und in London erneut aufgeführt. Dass Britten sie ?Divertimenti? nannte, erinnert an Haydns frühe Streichquartette, die ja ebenfalls den Titel ?Divertimenti a quattro? tragen und Brittens Verbundenheit mit der Streichquartett-Tradition wird hier dem Namen nach greifbar. Nichtsdestotrotz klingen Brittens Charakterstücke in eigener Qualität und mit der oben angesprochenen Zeitgeist-Charakteristik, die in dissonanzreichen Akkorden, aber auch durch Quintklänge hörbar wird.

Zum Zeitgeist gehört auch die Neoklassizistik und eine Prise Groteskes. Alles dies findet man bei Britten und so läßt sich über das erste Stück ?March? wie folgt berichten: Ein Unisono-Klang, der aber gänzlich anders, als bei Haydn daherkommt - er ist viel spröder -, eröffnet den Satz. Die nachfolgenden, durch Verwendung aller vier jeweiligen Saiten der Geigenfamilie hervorgerufenen Quintklänge erinnern durchaus an einen Dudelsack und die Sprödigkeit der neoklassizistischen Harmonik erinnert an Hindemith. Mit raffiniert eingesetzten Flagoletts und kleinen Glissandi endete der ?Marsch?, der jedoch gar nicht wie eine vielleicht erwartete Parodie klingt.

Im ?Waltz? fehlte zu Beginn ein wenig das sogenannte ?Walzerflair?, aber die auch hier hörbare Sprödigkeit der Klänge zeigt ebenfalls das Klangbild der 1920/30 Jahre - Assoziationen an Paul Hindemith (1895-1963) oder H.-G. Burghardt (19091993) seien hier gestattet, die sich beispielsweise durch Pentatonik, auch durch Verwendung reinen Molls beschreiben lassen. Auch hier ein reizvoller Flagolettabschluss, der das zweite Stück mit Raffinessement beendet. Die ?Burlesque?, deren Name ja aus dem italienischen ?burla? für Spaß, Spott kommt, ist ein sehr motorisches Stück, aber sie klingt nicht unbedingt heiter. Eher war auch sie geprägt durch Sprödigkeit und oftmals verwendete Unisoni. Nun denn, die Divertimenti wurden vom Gewandhaus-Quartett souverän vorgetragen und sind eine sehr ausdrucksstarke Musik.

?Seit ich aus Amerika gekommen bin, habe ich die Feder nicht angerührt, und so ist auch das neue Quartett, das ich in New York angefangen habe, noch nicht fertig... Hier in Vysoká ist mir leid um die Zeit und ich genieße lieber Gottes Natur!? So schrieb Antonín Dvorák 1895 an den Cellisten des Böhmischen Streichquartetts. Während seiner dann folgenden Lehrtätigkeit am Prager Konservatorium jedoch war er nach eigenem Bekunden ?sehr fleißig? und so konnte das Publikum der Gewandhaus-Kammermusik denn als letztes Werk des Abends Dvoráks 1896 vollendetes As-Dur Streichquartett erleben.

Der erste Satz bot viele überraschende harmonische Wendungen und die schon u.a. bei Haydn so charakteristischen neapolitanischen Sextakkorde findet man natürlich bei Dvorák ebenso. Der zweite Satz beginnt mit einem charakteristischen Cellothema. Bemerkenswert sind ferner die abwärtsführenden Kadenzketten, die in rhythmischen Varianten nicht nur im zweiten, sondern auch im vierten Satz wiedererscheinen. Dem folgt eine zarte, liebliche romantische Melodie mit einfacher Begleitung, schön, schlicht, liedhaft gespielt vom Gewandhaus-Quartett.

Überhaupt hat die erste Violine, ähnlich wie bei Haydn`schen Quartetten, sehr viele solistische Passagen zu spielen und die Qualität des Ensembles besteht darin, dass keiner der Instrumentalisten hervorsticht ? vielmehr ist es immer ein gemeinsamer und homogener Klang. Sowohl im zweiten, als auch im vierten Satz blitzt ?böhmisches Feuer? auf, obwohl das Quartett insgesamt eher lyrisch gehalten ist. Besonders im dritten Satz ?Lento e molto cantabile? kam dies in der klangsinnlichen Interpretation sehr schön zum Ausdruck.
So war denn dieser Kammermusikabend musikalisch vielfältig, hervorragend musiziert und bot dem zahlreich erschienenen, auch ausländischen sowie mit jung und alt gemischten Publikum ein sehr schönes Konzerterlebnis am dritten Advent.

(Gerhard Lock)

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