Matthias Wießner | Drucken08.05.2002 

Unvorstellbares vom Hofe des Sonnenkönigs

Grandes Scènes de Lully zum Bachfest

Der Aufforderung des Dirigenten: "Stellen Sie sich vor, Sie sind zur Zeit des Sonnenkönigs am Hof von Versailles!" zu Beginn eines Parcours durch die musikdramatische Welt Jean-Baptiste Lullys war im nüchternen 60er Jahre Opernhaus von Leipzig schwer zu folgen. Der Maître de Plaisir des Abends, William Christie, gab jedoch mit seinem Ensemble Les Arts Florissants sein Bestes, um uns in die luftige und spielerische Welt des französischen Barock zu entführen. Lully wurde erst vor kurzem durch das opulent gefilmte Historiengemälde "Der König tanzt" auch für ein breiteres Publikum wieder ins Blickfeld des Interesses gerückt. Der 1632 in Florenz geborene und als Vierzehnjähriger nach Frankreich gelangte Musiker stellte ab 1653 vierunddreißig Jahre lang sein Genie ausschließlich in den Dienst des französischen Königs Ludwig XIV. Lully produzierte die Bühnenwerke für die Repräsentations- und Unterhaltungsbedürfnisse des Hofes regelrecht am Fliesband und hatte für die Umsetzung eine beeindruckende Zahl an Mitwirkenden zur Verfügung. Er leistete einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der französischen Musik, insbesondere zu spezifischen französischen Formen der Oper und arbeitete dazu mit bedeutenden französischen Dichtern seiner Zeit, wie Moliére, Pierre Corneille und Philippe Quinault zusammen. Leider hat sich scheinbar unter den Leipzigern die Kenntnis von der prickelnd perlenden Musik Lullys noch nicht weiter herumgesprochen, denn im Opernhaus blieben etliche Plätze frei.

Offeriert wurde eine Art Galaabend am Hofe des Sonnenkönigs mit Schlüsselszenen aus den lyrischen Tragödien (Armide, Alceste, Atys, Isis, Roland) und Comédies-Ballets (Le Mariage forcé, l'Amour médecin, Georges Dandin, Les Amants magnifiques), der bereits im Januar am Théâtre des Champs-Elysées in Paris Premiere hatte. Mit dem profunden Kenner der französischen Barockmusik, Altmeister der historischen Musizierpraxis und Begründer des Ensembles Les Arts Florissants, William Christie, war ein erstklassiger Interpret der Musik Lullys an die Pleiße gekommen. Dargeboten wurden die aneinandergereihten Perlen der höfischen französischen Barockmusik auf halbszenische Weise und unter vollem Einsatz aller Mitwirkenden.

Der Dirigent stand mit dem Rücken zu seinem auf der Bühne frisch und präzise musizierenden Orchester und trieb mit gesprochenen Texten das Geschehen voran. Sänger und Tänzer trugen farbenfrohe barockisierende Kostüme und zur Illustration dienten von den Protagonisten getragene Requisiten. Am barocken Vorbild orientierten sich auch die Tanzeinlagen von Hél?ne Baldini und Jean-Charles Di Zazzo. Unter den guten Leistungen des Sängerensembles ragten die bekannte Sopranistin Sophie Daneman, die israelische Sopranistin Rinat Shaham u.a. in der Rolle der Armide und als lüsterner Pan der Bassist Boris Grappe heraus.

Gemessen am rauschenden Beifall des Publikums am Schluss der Vorstellung stellte sich die Frage nach dem warum dieses Potpourris nicht mehr und man war eher froh, dass man nicht den anstrengenden Handlungsverläufen einer barocken Oper hatte Folge leisten müssen.

Bachfest 2002:

Les Divertissements de Versailles
Grandes Scénes de Lully (1632-1687)

Distribution
Sophie DANEMAN, Sopran
Emmanuelle HALIMI, Sopran
Isabelle OBADIA, Sopran
Rinat SHAHAM, Sopran
Paul AGNEW, Altus
Cyril AUVITY, Altus
Laurent SLAARS, Tenor
Boris GRAPPE, Bass
François BAZOLA, Bass
Olivier LALLOUETTE, Bass

Hél?ne BALDINI, Tänzerin
Jean-Charles Di ZAZZO, Tänzer

Chor und Orchester: Les Arts Florissants
Musikalische Leitung: William CHRISTIE
Inszenierung: Mireille LARROCHE
Choreographie: Héléne BALDINI

Mittwoch, 8. Mai 2002 - Oper Leipzig

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