| Drucken10.01.2002 

„Grosses Concert”, Brüggen dirigiert Haydn und Beethoven (Steffen Lehmann)

"Grosses Concert", Brüggen dirigiert Haydn und Beethoven

Gewandhausorchester, Dirigent: Frans Brüggen
Solist: Michael Schönheit, Hammerklavier

Joseph Haydn, Sinfonie Nr. 93 D-Dur Hob. I:93
Joseph Haydn, Konzert für Klavier und Orchester D-Dur Hob. XVIII:11
Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60


Sinfonische Handkantenschläge

Die letzten Klänge der Schillerschen ?Ode an die Freude? zu Silvester und Neujahr mögen so manchem Gewandhausbesucher noch in den Ohren geklungen haben, da stand bereits wieder Beethoven, diesmal mit seiner Vierten, auf dem Programm. Vor Beethoven jedoch galt es, sich zunächst an Haydn zu beweisen. Gebückt, leicht zerbrechlich wirkend, erklomm Frans Brüggen das Pult. Doch wie der äußere Eindruck täuschen kann! Ein imposanter doppelter Handkantenschlag, der Bruce Lee zur Ehre gereicht hätte, eröffnete Haydns Sinfonie Nr. 93. Als gälte es, einen Block Ziegelsteine zu zertrümmern, sausten Brüggens rechte und linke Hand hinunter. Das war unmissverständlich.

Und das Orchester folgte auch diesen sonst so unscheinbaren Händen von Beginn an mit Aufmerksamkeit, Eifer und Spiellust. Die Streicher nahmen sogleich Fahrt auf, die Bläser folgten behutsam und wussten mit ihren klaren Akkorden zu gefallen, erinnerten mitunter an Frans Brüggen selbst, dessen Einspielungen mit der Blockflöte längst Legende sind. Da ein kammermusikalisches Einsprengsel, dort ein kurzer Streichquartett-Abschnitt wurden in bester Gewandhaus-Manier bewältigt. Erst als sich mit einem energischen Grummeln des Fagotts die Bläser wieder zurückmeldeten, wurde mit forschem Tempo das Finale angegangen.

Eine kurze Ruhepause für Frans Brüggen gab es bei Haydns Klavierkonzert. Aber nur scheinbar, denn gespannt verfolgte Brüggen Michael Schönheits virtuose Auseinandersetzung mit dem Hammerklavier. Der helle, gestochene Klang des Soloinstruments wurde durch die kleine Orchesterbesetzung, für die sich Brüggen entschieden hatte, um sich der historischen Aufführungspraxis so weit wie möglich anzunähern, noch zusätzlich verstärkt.

Der Gewandhausorganist begann rasant. Die Akkorde reihten sich aneinander wie auf einer Perlenschnur. Die Bläser übten vornehme Zurückhaltung, so dass im dritten Satz das ungarisch anmutende Motiv sehr schön hervortreten konnte. Solist und Dirigent steckten sich gegenseitig mit ihren schnellen Tempi an. Schönheit begann, auf seinem Stuhl zu federn, während seine Schultern wie das Pendel einer Uhr ausschlugen, und Brüggen griff mit seinen langen Armen fast selber in die Klaviatur.

In einem Brief an den Kurfürsten Maximilian vom November 1793 schrieb Haydn: ?Kenner und Nichtkenner müssen ... eingestehen, dass Beethoven mit der Zeit die Stelle eines der größten Tonkünstler in Europa vertreten werde.? Fast fünfzehn Jahre später hatte Beethoven die ihm prophezeite Stelle längst eingenommen. Besonders die Jahre 1806 und 1807 waren überaus schaffensreich. Und die persönlichen Glücksmomente, die Beethoven in dieser Zeit erfuhr, fanden in der vierten Sinfonie ihren Widerhall.

Beethovens Vierte beginnt langsam, doch bald schon kündet Paukenwirbel von einem Tempowechsel: Die Bögen der Streicher fliegen plötzlich nur so über die Saiten und schön akzentuierte Bläsersoli schließen sich an. Es ist ein stetes Anschwellen und Verebben. Brüggens sparsame und präzise Gestik gab in mehr als gelungener Weise diesem Werk die von Beethovens Zeitgenossen so gelobte ?edle Simplizität?. So erklang bis in die Schlussakkorde hinein ein Konzert voller Esprit und Jubel. Die Besucher dankten es mit langem Applaus.

(Steffen Lehmann)

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