Frank Sindermann | Drucken03.11.2002 

Nicht neu - aber gut!

Das Grosse Concert im Rahmen der Mendelssohn-Festtage mit Werken von Mendelssohn und Schumann

Ein Konzert im Rahmen der Mendelssohn-Festtage mit Werken von Mendelssohn und Schumann zu bestreiten, zeugt nicht eben von Kreativität und Wagemut, ist aber auf der anderen Seite ein sicherer Erfolgsgarant und beschert den Veranstaltern zuverlässig ein ausverkauftes Haus. Überraschungen kann man in Konzerten dieser Art allenfalls mit der Lupe (oder dem Mikroskop) finden - falls man sie überhaupt sucht. Reine Klassiker-Programme können nämlich durchaus ihren Reiz haben, falls eine inspirierte Aufführung die Wiederbegegnung mit altbekannten Werken zum Ereignis macht. Dann muss auch nicht das Programmheft bemüht werden, um Mendelssohns zweites Klavierkonzert zum musikalischen Underdog zu stilisieren, weil es ja "in den Schatten des ersten" geraten sei. Und tatsächlich war solches nicht nötig angesichts einer beinahe mustergültigen Interpretation durch Peter Rösel und das Gewandhausorchester. So hört man auch Bekanntes immer wieder gern.

Schon der Beginn von Mendelssohns Klavierkonzert op. 40 zeigt deutlich an, wohin die Reise gehen soll: äußerst zurückhaltend der Orchestereinsatz, langsam und hauchzart der Soloeinsatz des Klaviers. Es ist eine introvertierte Sicht, die Rösel und Blomstedt präsentieren. Die dramatischen Momente des ersten Satzes ähneln eher düsteren Schatten als schwerem Gewitter, und Delikatesse hat gegenüber großer Geste stets den Vorrang. Der zweite Satz wird zum Gedicht in Tönen, zur Meditation Peter Rösels am Klavier, dezent begleitet von einem Orchesterklang der gedeckten Farben, nicht grell strahlend, sondern zart leuchtend. (Dass ausgerechnet in diesem Satz der inzwischen fast schon übliche Handy-Terror im Publikum einsetzt, zeigt eindrücklich, welche Lächerlichkeit und Nichtigkeit dieser eigentlich praktischen Erfindung anhaften kann, und lässt darüber nachdenken, wie der technische Fortschritt inzwischen bis in die Sphäre der Kunst vordringt, aber gleichzeitig von dieser ad absurdum geführt und als störender Fremdkörper bloßgestellt wird.) Nach einem flott angegangenen Finalsatz und einer begeistert erklatschten Zugabe geht es in die Pause. Zur Halbzeit kann man für den zweiten Teil des Abends nur das Beste erwarten; denn auch im Eingangsstück des Abends, Mendelssohns Ouvertüre zur "Schönen Melusine", hat sich das Gewandhausorchester schon von seiner besten Seite gezeigt.

Schumanns Vierte bietet den Gewandhäuslern und ihrem Chef Herbert Blomstedt nach der Pause Gelegenheit, ihr ganzes Können zu zeigen und zu beweisen, dass sie mit Recht Weltrang beanspruchen. Und die Musiker lassen keinen Moment lang einen Zweifel daran aufkommen, wie wichtig es ihnen damit ist. Eine verhangene, fast drohend wirkende Einleitung lässt schon den Beginn der Sinfonie zum Musiktheater ohne Text werden und zieht unmittelbar das Publikum in den Bann des Geschehens. Die gleichsam überirdischen Soli der Holzbläser im zweiten Satz und ein überschäumendes Scherzo mit stark kontrastierendem Trio sorgen für helle Freude, und wenn nach Schumanns recht eigenwilliger Überleitung zum letzten Satz - einer vom Orchester phänomenal ausgestalteten Steigerung - schließlich das triumphale Thema des Finales erklingt, dann weiß man endgültig, was man soeben erlebt hat: ein Muster an Orchesterkultur. Das Gewandhausorchester hat mit dieser Aufführung eindrucksvoll bewiesen, dass es völlig zu Recht eine große internationale Wertschätzung genießt. Wenn das Orchester sein enormes Potenzial nur etwas häufiger in den Dienst unbekannterer (oder gar neuer!) Werke stellen würde, wäre das Glück perfekt.

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