| Drucken31.01.2002 

„Grosses Concert” mit Sibelius und Bruckner (Juliette Appold)

31.01.2002 "Grosses Concert"


Jean Sibelius: 7. Sinfonie
Anton Bruckner: 5. Sinfonie (Originalfassung)

Gewandhausorchester, Dirigent: Herbert Blomstedt


Kraft und Energie fürs Publikum

Im 19. Jahrhundert strebten die Komponisten in ihren Werken vermehrt nach musikalischer Einheit. Als Teil dieser Tradition kann auch die 7. Sinfonie von Jean Sibelius verstanden werden, die in einem einzigen Satz alles zu Sagende vereinen will. Dabei scheint das Prinzip motivischer Variation nur die Grundlage für eine Darstellung von Stimmungen zu sein. Gedämpft wirkende Klänge und gemeinsam in mäßigem Tempo musizierte aufsteigende Tonleiterschritte im Quintraum tauchen den Zuhörer von Beginn an in eine Atmosphäre trüb gefärbter Ruhe. Wie auftauchende Trolle wirken da staccato gespielte Passagen, die aus synkopischen Verwirrungen hier und da hervorkommen. Tonmalerische Wirkung hat auch der Moment, in dem das Orchester in melodisch wellenförmiger Bewegung und mit aufbäumender Dynamik sich wie der stürmende Wind gebärdet. Zeitweilig wendet sich die Musik nach Dur und nimmt einen tänzerischen Charakter an, wobei sich Holzbläser und Streicher gegenseitig ablösen. Doch nach größeren Steigerungen folgen auch schüchterne Momente, die durch Halbtonschritte markiert werden. Man weiß nicht, wo die Musik hin will ? bleibt sie wohl im Trüben? Aus tiefer Lage bewegen sich die Tonleiterschritte dann unermüdlich im Unisono aufwärts, bis sich die aufgebaute Spannung letztendlich in einen freudigen C-Dur-Klang auflöst. Nicht umsonst wurde Sibelius? 7. Sinfonie des öfteren als der Höhepunkt und Abschluß seines symphonischen Schaffens beschrieben.

Kompositorisch interessant sind die Sinfonien Bruckners besonders dort, wo sie von der Norm abweichen. So exponiert er in seinen ersten Sätzen oft gleich drei Themen und entwickelt aus ihnen noch weitere. Man kann als Zuhörer auch gewisse Symmetrien der kompositorischen Anlage nachvollziehen. Doch dies allein kann nicht der Grund für die überwältigende Wirkung solcher Werke wie der fünften Sinfonie sein, die an diesem Abend eine hervorragende Aufführung erlebte. Die Fünfte beginnt mit einer von Pizzicati begleiteten, an eine Bachsche Air erinnernden Melodie. Ein gebrochener Akkord im Orchester schließt sich an, der durch einen Blechbläser-Choral fortgesetzt wird. Dabei wirkt dieser ?Choral? wie ein Gigant, der zuvor huldvoll von zwei Seiten zum Einsatz geladen wurde. Wenn dann wunderbare, tänzerische Klarinettenklänge von singenden Oboentönen weitergeführt werden, begleitet von absolut präzise zupfenden Streichern, so ist dies für den Zuhörer eine wahre Freude. Etwas sauberer hätte allerdings das Zusammenspiel der Hörner in deren ?Quartett-Solo? sein dürfen. Die drei Themen lösen sich gegenseitig ab und münden nach einem großen Crescendo in einen gebrochenen Dur-Dreiklang. Gegen Ende des ersten Satzes steht dann eine Kadenzfolge im Mittelpunkt, aber die erwartete Tonika, die immer wieder reizvoll umspielt wird, wird nicht erreicht.

Auch im zweiten Satz wird der Klang zunächst von einer Melodie im Pizzicato geprägt, welche sich mit dem Einsatz eines lyrischen Themas der Oboe zu einer zurückhaltenden Begleitung formiert. Man fühlt sich in dieser sanften Musik sofort geborgen. Klarinette und Flöte schließen sich der Oboe an, wobei hier melodisch die absteigende Quinte von Bedeutung ist. Leicht wiegt die Musik den Zuhörer dann ein, wenn Zweier- und Dreierrhythmen aufeinandertreffen. Warme und kraftvolle Klänge der Blechblasinstrumente kontrastieren und ergänzen zugleich die weichen Holzbläsertöne. Ebenso werden Momente von Innigkeit und Liebe vertont, in einer Weise, wie man sie sich zu einer romantischen Szene vorstellen würde. Hinzu kommen sequenzierende Passagen in aufsteigender Bewegung, die dabei als Ausdruck der Zuversicht und Kraft erscheinen mögen, die Bruckner aus seiner Religiosität geschöpft hat.

Im dritten Satz wechselt sich ein heiterer Walzer mit einem stringenten Vierer-Takt ab. Fast komisch wirken die virtuosen Einwürfe der Klarinette. Der Satz scheint insgesamt ?wie aus dem Leben gegriffen?. Wie in den vorangegangen Sätzen sind sich auch hier alle Instrumentalisten in ihrer agogischen und dynamischen Bewegung vollkommen einig, und auch dem Dirigenten sieht man an, daß er an seiner Arbeit Freude hat.
Im letzten Satz schließt sich der Kreis. Er nimmt die im ersten Satz exponierten Themen auf und verflicht sie mit einigen rhythmischen Eigenarten des zweiten Satzes. Die großartigen Choräle, die lyrischen Momente, das Gigantische, das Zurückhaltende und das vorwärts Drängende: All diese schon zuvor erklungenen Elemente werden in kunstvoller Weise miteinander verwoben. Das wohl durchdringendste Thema zeichnet sich durch eine kadenzartige Tonfolge mit Quintsprung aus, die mit den anderen Elementen nach allen Regeln der Kunst in der Art einer Fuge durchgeführt wird. Die dynamische und klangfarbliche Weite gibt dem Ganzen etwas Gigantisches, Erhabenes, Übergroßes. Mit einem breiten Choral und einem entsprechenden Schlußakkord endet die Symphonie und entläßt das nun mit Kraft und Energie erfüllte Publikum.

(Juliette Appold)

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