| Drucken07.02.2002 

„Grosses Concert” mit Sinfonien von Nielsen und Beethoven (Steffen Lehmann)

07.02.2002, "Grosses Concert", Gewandhausorchester, Dirigent: Herbert Blomstedt

Carl Nielsen, Sinfonie Nr. 6 (?Sinfonia semplice?)
Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

?Dem Zeitalter ein blaues Auge verpassen?

Das ?Große Concert? dieser und der vergangenen Woche lockte mit einem sehr publikumswirksamen Programm. Letzte Woche nahm man vor der Pause gern Sibelius in Kauf, um sich danach der Fünften von Bruckner hingeben zu können. Ähnliches galt für den vergangenen Donnerstagabend, an dem Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester vor der Pause ihren Nielsen-Zyklus fortsetzten, danach aber Beethovens Siebte ins Rennen schickten. Und für eine gepflegte Beethovensche Sinfonie tut der Leipziger Konzertfreund bekanntlich fast alles.

Nielsens sechs Sinfonien zählen noch immer nicht zu den Stammgästen in den Konzertsälen. Dabei war schon 1934 im Atlantisbuch der Musik zu lesen, Nielsen sei "unter allen nordischen Komponisten der weitaus stärkste und bedeutendste" und habe "bei höchster nationaler Charakteristik Weltgeltung erlangt". Ein Umstand, der wohl auch Blomstedt bewogen hat, seinem skandinavischen Landsmann stets die gebührende Anerkennung zuteil werden zu lassen.

Nach Nielsens eigenen Bekundungen sollte die Sechste Sinfonie ?ganz idyllisch im Charakter? sein. Und so beginnt sie denn auch mit viermaligem Glockenspiel und Pizzicato der Celli. Aber die Idylle trügt: dunkel, wie eine Unwetterwarnung, kommen die Akkorde der Violinen daher. Immer wieder müssen die Hörner herbeieilen, um die dunklen Wolken zu vertreiben. Nielsen bedient sich hier brachialer Formen, die im zweiten Satz mit einem Schlagzeugwirbel wie Maschinengewehrfeuer ihre Fortsetzung finden. Denn Nielsen wusste eines: ?Es ist eine Tatsache, dass derjenige, der die härtere Faust schwingt, am längsten in Erinnerung bleibt."

In diesem Sinne mühten sich auch Blomstedt und die Musiker, der harten Faust Nielsen Gewicht zu verleihen, sei?s, um dem ?Zeitalter? oder wenigstens dem Publikum ?ein blaues Auge zu verpassen?. Im Finale überschlagen sich die Ereignisse. Unvermittelt erscheint eine Walzermelodie, von den Blechbläsern brachial zur Seite gedrängt. Fanfarenklänge künden vom Schluss, aber nicht freudig, erwartungsfroh, sondern dunkel, grollend. Unter aufmerksamer Beobachtung der Kameras des MDR Fernsehens, das das Konzert aufzeichnete, endet unter mehr als freundlichem Applaus eine gar nicht ?einfache? Sinfonie.

Nach der Pause also Beethoven. Die Siebte Beethovens ist von Richard Wagner einmal mit der berühmten Bemerkung von der ?Apotheose des Tanzes? umschrieben worden. Beethoven geriet die Uraufführung (unter seinem Dirigat) im Dezember 1813 in Wien zu einem seiner größten Triumphe. 18 erste Violinen, 12 Celli und 7 Kontrabässe sorgten für die nötige instrumentale Unterstützung. Auch in Leipzig fand die Sinfonie nach der ersten Aufführung 1816 ?lebhaftesten Enthusiasmus?, wie Friedrich Rochlitz, der Redakteur der Allgemeinen Musikalischen Zeitung, notierte. Das gleiche Blatt bezeichnete sie als ?die melodiereichste, gefälligste und fasslichste unter allen Beethoven?schen Symphonien.?

Nach der langsamen und monumentalen Einleitung nehmen die Streicher einen langen Anlauf, die Holzbläser besänftigen mit einer zarten Melodie und das alles nur von Blomstedts linkem Zeigefinger dirigiert. Ein Griff zum Taktstock und die Tempi werden plötzlich schneller, triumphierend, tänzerisch, die Streicher bewegen sich nun in an- und abschwellenden Akkorden. Der zweite Satz, für viele Verehrer Sinnbild der Gefälligkeit und Fasslichkeit, eröffnete andächtig mit Celli und Bratschen. Die Feierlichkeit einer Prozession zieht sich durch den ganzen Satz hindurch, nur kurz aufgebrochen durch lebhafte Ausbrüche des Orchesters.
So langsam wie die Sinfonie begonnen hat, so turbulent und rasant geht sie im Finale ihrem Ende entgegen. Blomstedt fordert mit rudernden Armen seine Musiker. In diesem Schlussteil wird sich aller Zügel entledigt. Fanfarenstöße der Bläser, flimmernde Violinen sind Auftakt für Minuten voller Euphorie, Wildheit und einen Orkan der Begeisterung. Eine gelungene Generalprobe für das kommende Japan-Gastspiel und viel Beifall.


(Steffen Lehmann)

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