| Drucken24.01.2002 

„Grosses Concert” mit Stenhammar, Sibelius und Schumann (Frank Sindermann)

"Grosses Concert" mit Stenhammer, Sibelius und Schumann

Wilhelm Stenhammar: Serenade für großes Orchester op. 31
Robert Schumann: Klavierkonzert a-Moll op. 54
Franz Berwald: Sinfonie singuli?re

Gewandhausorchester, Dirigent: Herbert Blomstedt
Solistin: Hél?ne Grimaud

Ein Dauerbrenner und zwei Entdeckungen

Der schwedische Komponist Wilhelm Stenhammar (1871-1927) verband in seinem Werk spätromantische Harmonik mit einem speziellen ?nordischen? Idiom. Er bediente sich auch manchmal folkloristischer Elemente, band diese jedoch immer in handwerklich anspruchsvolle Kompositionen ein. Auch die Serenade op. 31 ist ein sehr interessantes Werk. Wie der Titel erwarten lässt, hat es eher unterhaltenden Charakter. Von besonderem Reiz ist das häufige Spiel mit klanglichen Effekten. Die immer neuen Klangfarben-Kombinationen machen einfach Spaß, halten das Interesse ständig aufrecht. Prägnante Themen gibt es kaum, dafür viele kleinere Motive, die geschickt verarbeitet werden.

Eine unruhig dahin huschende Ouvertüre eröffnet die Serenade. Offensichtlich hoch motiviert stürzten Blomstedt und sein Orchester sich in das Geschehen, die vielen originellen Einfälle genüsslich auskostend. Mit ähnlichem Eifer wurden die übrigen Sätze angegangen, wie z. B. die leicht melancholische Canzonetta oder das geheimnisvolle Notturno. Das Finale musizierten die Gewandhäusler als musikalischen Kehraus, der lapidare Schluss der Komposition erregte auch beim Publikum sichtlich Heiterkeit. Diese Aufführung zeigt deutlich, wie sehr es sich lohnt, auch einmal unbekannte Musik vorzustellen, wenn es mit so hohem Engagement geschieht, wie in diesem Fall.

Das Klavierkonzert Robert Schumanns ist hingegen wirklich kein unbekanntes Werk. Überraschungen sind hier allenfalls von der Ausführung zu erwarten, das Stück selbst ist hinlänglich bekannt. Die Solistin des Abends, die französische Pianistin Hél?ne Grimaud, genießt einen hervorragenden Ruf. Dass dieses zu Recht so ist, bewies sie an diesem Abend zweifelsfrei. Ihre Interpretation des Evergreens in a-Moll trug stark individuelle Züge und war durch eine durchweg stark erregte Grundhaltung gekennzeichnet. Das zeigte sich schon im ersten Satz, den Grimaud sehr schnell und teilweise recht scharf spielte. Was auf der einen Seite dramatische Spannung erzeugte, führte auf der anderen Seite zu mancher Einbuße an Klarheit des Tons und struktureller Deutlichkeit. So verschwand in der Solokadenz einiges an Substanz unter dem Teppich ungezügelter Virtuosität. Zum Glück litt das Zusammenspiel mit dem Orchester nicht unter Grimauds vorantreibendem Spiel. Und das ist auch wichtig, da ja das dialogische Prinzip ein wesentliches Merkmal dieses Klavierkonzerts ist. Blomstedt erwies sich als aufmerksamer Begleiter, wenn es ihm auch nicht immer gelang, die Energie der Pianistin auf das Orchester zu übertragen. Man kann Grimauds Interpretationsansatz begrüßen oder ablehnen - in sich war er jedenfalls stimmig. Die technische Ausgestaltung geriet sowieso tadellos.

Nach der Pause stand wieder das Werk eines schwedischen Komponisten auf dem Programm, nämlich die ?Sinfonie singuli?re? von Franz Berwald (1796-1868). Nach der ersten und vierten Sinfonie dieses Komponisten wandte sich Blomstedt damit dem heute wohl populärsten Werk Berwalds zu. Mehr noch als die anderen Sinfonien offenbart die ?Sinfonie singuli?re? Berwalds Hang zum Experimentieren und zu skurrilen Effekten. So zieht der Komponist z. B. das Scherzo in den langsamen Satz hinein, wodurch eine Art Fünfsätzigkeit entsteht. Außerdem zitiert er den langsamen Satz im Finale erneut, welches zu allem Überfluss auch noch in c-Moll steht - sehr ungewöhnlich für eine Sinfonie in Dur. Im Übrigen geizt Berwald nicht mit schroffen Einwürfen, abrupten dynamischen Wechseln und ähnlichen Überraschungen, so dass verständlich scheint, warum die Zeitgenossen mit der Musik Berwalds nicht viel anfangen konnten.

Berwald selbst bekam die ?Sinfonie singuli?re? nie zu hören. Blomstedt hatte das Werk 1965 im Rahmen der Berwald-Gesamtausgabe ediert; außerdem saß an diesem Abend ein Nachfahre Berwalds im Orchester. Beste Voraussetzungen für eine gelungene Aufführung! Und tatsächlich gab es eine Sinfonie zu hören, die kaum Wünsche offen ließ. Zügige Tempi in den Ecksätzen, ein wunderbar zart gespieltes Adagio und ein präzise dargebotenes Scherzo konnten rundum überzeugen. Nur die dynamische Staffelung geriet nicht immer korrekt. So drängten sich zum Beispiel im ersten Satz die Posaunen etwas in den Vordergrund, obwohl sie laut Partitur nicht lauter als die anderen Blechbläser spielen sollten. Von solchen Kleinigkeiten abgesehen, gelang dem Gewandhausorchester ein überzeugendes Plädoyer für einen oft als langweilig bezeichneten Komponisten. Es bleibt abzuwarten, ob Blomstedt sich auch noch der zweiten Sinfonie, der ?Sinfonie capricieuse?, annimmt. Es wäre zu hoffen.

(Frank Sindermann)

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