| Drucken14.02.2002 

„Grosses Concert” mit Werken von Strauss und Mozart (Juliette Appold)

14.02.2002 "Grosses Concert"
Gewandhausorchester, Dirigent: Herbert Blomstedt

Solisten:
Anna Garzuly, Flöte
Naoko Yoshino, Harfe

Richard Strauss:
Serenade Es-Dur op. 7 für 13 Blasinstrumente
Metamorphosen. Studie für 23 Solostreicher

Wolfgang Amadeus Mozart:
Konzert für Flöte, Harfe und Orchester C-Dur KV 299
Sinfonie D-Dur KV 385 (?Haffner-Sinfonie?)

Als die Welt noch heil schien

Die deutlich von Mozart inspirierte Serenade Es-Dur op. 7 komponierte Richard Strauss bereits im Alter von 17 Jahren. Zu dieser Zeit war Strauss? Welt noch heil, und das hört man dem Stück auch an. In der Besetzung mit je zwei Flöten, Oboen, Klarinetten und Fagotten, sowie vier Hörnern und einem Kontrafagott entwickeln sich sehr harmonische, manchmal ländlich klingende, mal zum Tanz, mal zum Zurücklehnen animierende Klänge. Auch wenn man hochromantische Elemente erkennen kann, bleiben diese noch gemäßigt. Alles in allem ist dies ein angenehmer Konzertbeginn. Schade nur, dass mancher Einsatz der Hornspieler nicht so präzise kommt, wie man es sich gewünscht hätte.

Danach folgt der erste musikalische Höhepunkt des Abends: Strauss? ?Metamorphosen?. Im Gegensatz zu der doch eher heiteren Serenade wird die Dramatik dieses Werkes besonders deutlich. Der Hintergrund: Strauss komponierte dieses Werk 1945 ?in memoriam? ? und dachte dabei an bedeutende deutsche Städte wie Dresden, Weimar und München, die während des Zweiten Weltkriegs zerstört worden waren. Ein Moll-Klang, von tiefen Streichern gespielt, eröffnet das Stück und bildet damit den Grundton. Doch es bleibt nicht dabei; denn dieser Klang windet sich und wird mit einem Rhythmus verbunden, der unweigerlich an ein schmerzhaftes Klagen erinnert. Diese Art von Trauer wird durch alle Streicher weitergegeben und dabei klanglich und harmonisch sehr dicht verwoben. Die Abwärtsbewegung der Bratschen-Melodie unterstreicht die bereits gedämpfte Stimmung. Hier und da leuchten Dur-Passagen auf, die wie eine Erinnerung an die Schönheit des Verlorenen wirken. Die Solo-Bratschistin und die Cellisten interpretieren diese Momente vollkommen überzeugend, wie auch später die weiteren Streicher-Solisten. Wie der Titel schon andeutet, kann man keine eigentliche Melodie fassen: Kaum meint man, ein Motiv in seinem Fortgang greifen zu können, ist dieses schon fast unbemerkt verwandelt. Übrig bleibt eine große Fortbewegung einzelner Motive, die Schmerz, Leid und die Erinnerung an das Schöne erklingen lassen. Auch musikalische Assoziationen werden hervorgerufen: Es gibt in diesem Stück einige Momente, die an Wagner erinnern, z. B. eine harmonische Wendung, die an die Tonfolge zum Tristan-Akkord denken lässt ? vielleicht wird hier eine andere Art Liebestod dargestellt? Ansätze zu fugierten Teilen gibt es auch ? ist dies vielleicht ein Zeichen dafür, dass die kunstvolle Musik Bachs endgültig der Vergangenheit angehört? Gegen Ende des Werks zitiert Strauss den Trauermarsch aus Beethovens ?Eroica?, so dass nun jedem Zuhörer klar wird, worum es in dieser Musik geht. Diese herausragende Musik wird großartig interpretiert und erhält nach einem kurzen besinnlichen Augenblick den wohlverdienten Applaus.

Nach der Pause kehrt die Musik wieder in die ?gute alte Zeit? zurück. Himmlische Musik erklingt mit Mozarts Konzert für Flöte und Harfe. Die beiden Solistinnen, Anna Garzuly (Flöte) und Naoko Yoshino (Harfe), ergänzen sich sehr gut und spielen ihre Parts mit Präzision, Gefühl und Ausdruck. An der Begleitung gibt es bei diesem bekannten Werk nichts auszusetzen, vielleicht wünscht man sich hier und da, dass das Orchester die Solisten etwas zurückhaltender begleiten möge. Störend wirkt nur, dass sich nach dem ruhigen zweiten Satz im Publikum ein fürchterlicher und offenbar kollektiver Husten-Anfall ausbreitet, so dass man zeitweise das Gefühl bekommt, in einem Sanatorium zu sein. Dennoch verliert die gelungene Interpretation dieses liebreizenden Konzerts dadurch kaum an Wirkung.

Einen zweiten Höhepunkt erreicht der Abend mit der Aufführung der ?Haffner?-Sinfonie. Schien das Flötenkonzert relativ unschuldig und liebenswert, finden sich hier triumphale Töne, woran schon der Oktavsprung mit Paukenwirbel zu Beginn keinen Zweifel lässt. Das zügige Tempo erhält durch das ausgewogene Zusammenspiel der Instrumentalisten einen energievollen Schwung. Auch die klaren tonalen Verhältnisse verbreiten Zuversicht. Ein aufsteigender Dreiklang wird im zweiten Satz durch die Stimmen gereicht, wobei die melodischen Linien sich sofort einprägen. Das schreitende Tempo des dritten Satzes verleiht der Musik eine würdevollen Ausdruck. Im vierten Satz geht es dann wieder ?zur Sache?. Mit effektvollem Paukenwirbel und galoppierendem Tempo glänzt das Orchester, wobei es die vom Dirigenten angezeigten dynamischen Nuancen tadellos übernimmt. Da stimmt auch jeder Einsatz, und so erscheint die doch sehr bekannte Sinfonie vollkommen frisch und unverbraucht.

(Juliette Appold)

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