Steffen Kühn | Drucken27.08.2012 

Musikalische Netzwerke

Musikgeschichte zum Anfassen: Heinz Holliger und das Zehetmair-Quartett begeistern bei den Salzburger Festspielen

Das Mozarteum in Salzburg (Foto: Salzburger Festspiele)

Heinz Holliger ist eines der Multitalente der Neuen Musik unserer Zeit. Zwar noch eine Generation jünger als Pierre Boulez, bei dem er Komposition studierte, zählt er jedoch schon zu den Urgesteinen der Musikavantgarde. Als Oboist hat er mit den avanciertesten Orchestern und Ensembles der ganzen Welt musiziert, später hat er diese Orchester dirigiert und seit mehreren Jahren bereichert er die Literatur mit seinen Kompositionen. Kurzum: Holliger ist überaus vielseitig und ist weltweit vernetzt, was seine Konzertprogramme zu etwas Besonderem macht. Mit dem Zehetmair-Quartett pflegt er lange musikalische Kontakte und mit seinem Komponisten-Kollegen Elliot Carter ist er durch gegenseitige Inbezugsetzungen und Widmungen sehr eng verbunden. Carters Oboenkonzert des heutigen Programms ist Heinz Holliger gewidmet, bei Holligers 2. Streichquartett verhält es sich umgekehrt.

Wie eng der Kontakt ist, demonstriert Holliger nach dem zweiten Stück des heutigen Abends – dem Oboenquartett von Elliot Carter. Nach dem Applaus kommt Holliger verschmitzt auf die Bühne zurück und kündigt ein Zwischenstück an, um die Zeit zu überbrücken, weil die Bratsche für das nächste Stück erst umgestimmt werden muss. Holliger berichtet vom Neujahrsgruß seines Kollegen Carter: „Stellen sie sich vor, schickt mir der 103-jährige Elliot Carter ein neues Stück für Oboe einfach so per Fax.“ Ficment No. 6 ist eine typische Komposition Carters – hochkomplexe Musik für den Aufführenden, für die Zuhörer ein glasklares Musikerlebnis, dynamisch und farbenreich aufgeführt durch Heinz Holliger. Jubel, Applaus! Wieder kommt Holliger zurück auf die Bühne, er will unbedingt noch etwas loswerden: „Meine Damen und Herren, nehmen Sie das bitte als Illustration zu dem Vorurteil, dass die Neue Musik abseits steht bei den Festwochen, gerade hörten sie übrigens die österreichische Erstaufführung.“ Und mit verschmitzter Mine verlässt er die Bühne abermals.

Das sind die Geschichten, welche die Neue Musik nötig hat, gute Programme ja, das ist die Voraussetzung für gelungene Konzertabende. Aber es braucht auch unbedingt die Personen, die mit Empathie und Authentizität hinter der Musik stehen. Die Person Heinz Holliger hält das umfangreiche Programm im Großen Saal des Mozarteums heute Abend zusammen. Die beiden Klassiker zu Beginn und am Ende des Konzertes – Mozarts Oboenquartett in F-Dur und Schumanns Streichquartett in A-Dur Nr. 1 bewältigen das Zehetmair-Quartett und Heinz Holliger in einer musikalischen Professionalität. Der Schlusschoral von Schumanns Streichquartett gerät so wunderbar knarzig und sperrig, ist in einem so subtilen Kontrast zum restlichen Stück herausgearbeitet, dass man da schon die Neue Musik unserer Tage vermuten könnte. Höhepunkt des Abends ist die Interpretation von Holligers Drei Skizzen für Violine und Viola. Thomas Zehetmair und Ruth Killius finden zu einem geradezu intimen Zusammenspiel. Eine trockene flirrend-schwebende Struktur im ersten Teil wird kontrastiert durch eine virtuos-humorvolle Skizze im Mittelteil des Stückes. Der letzte Teil nimmt Ideen von Holligers 2. Streichquartett vorweg – choralartig entwickelt sich eine dichte Struktur, die jeweilige Singstimme der Instrumente überrascht mit weichen Klangfarben bevor die Partitur die beiden Instrumente zu einem Instrument zusammenführt und letztlich verschmelzen lässt. Bravo!

Neben dieser geballten Professionalität – Mozart, Holliger, Carter, Schumann – hat es die Uraufführung des jungen lettischen Komponisten Gustav Friedrichsohn natürlich nicht leicht. Sein Stück From darkness on a shadowed path ist gleichsam für Violine und Viola komponiert. Es ist inspiriert vom hochpoetischen Gedicht der japanischen Dichterin Izumi Shibiku (976 bis ca. 1030):

From darkness
On a shadowed path
I must take my way
Let it faintly shine
The moon upon the mountain’s edge

Auf eine ruhige Einleitung folgen komplexe Aktionen, die beiden Instrumente in asynchronem Nebeneinander. Unerwartetes synchrones Spiel bildet die Ausnahme und wird kontrastreich eingesetzt. Im Weiteren tauchen schon gespielte Szenen als Fragmente wieder auf, werden umspielt oder verschmolzen. Technisch hochprofessionell umgesetzt, geht in dem 13-minütigen Stück die Spannung beim ersten Hören noch etwas verloren. Weitere Aufführungen sollten unbedingt folgen!

Heinz Holligers 2. Streichquartett ist ein illustres Beispiel für sein Inbezugsetzen. In einer Art musikalischem Amalgam schimmert die ganze Musikgeschichte durch. Die Streichquartette von Debussy, Ravel, Berg, Bartok und Veress werden sichtbar. Der Schlusschoral steht im direkten Bezug zu Schumanns 1. Quartett, jenem Werk, das heute auch im Programm ist. Ein komplexes Werk, welches den Zuhörern in dem mehr als zweistündigen Konzertprogramm noch einiges abverlangt. Das konzentrierte Spiel des Zehetmair-Quartetts lässt aber niemals die Spannung vermissen und so endet der Abend im fast ausverkauften Großen Saal des Mozarteums grandios.

Salzburger Festspiele 2012 contemporary 9

Wolfgang A. Mozart: Oboenquartett F-Dur KV 370

Elliott Carter: Oboenquartett (2001)

Heinz Holliger: Drei Skizzen für Violine und Viola (2006)

Gustav Friedrichsohn: From Darkness on a Shadowed Path für Violine und Viola (2011/12) Heinz Holiger: Streichquartett Nr. 2 (2007) – To Elliott Carter

Robert Schumann: Streichquartett Nr. 1 a-Moll op. 41/1

Oboe: Heinz Holliger

Zehetmair Quartett

13. 8. 2012, Mozarteum, Salzburg


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