Julia Eichhorn | Drucken21.10.2019 

Vom Versuch des Aufbruchs, der Resignation und Auferstehung

Hi! Spencer kehrten auf ihrer „Weiter raus“-Tour im Naumanns ein

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Hi! Spencer mit Frontmann Sven Bensmann am Mikro. (Fotos: Robert Schaarschmidt)

Nach ihrem Tourstart einen Tag zuvor in Erfurt begrüßen Hi! Spencer nun das überschaubare Leipziger Publikum. Zumindest hier scheinen die fünf Osnabrücker Mittzwanziger wohl noch ein kleiner Geheimtipp zu sein, von dem man später womöglich einmal sagen wird „Ich habe die Band zuerst gekannt!“

Den roten Faden gefunden

Im Gepäck haben Hi! Spencer 17 Lieder, so dass die Konzertgäste beinahe alle Songs beider bislang veröffentlichten Alben dargeboten bekommen. Ein bunter Mix aus der Indie-Punk-Welt – teils euphorische, teils getragene Songs. Während das Debütalbum „Weiteratmen“ aus dem Jahre 2015 noch eine unstrukturierte Sammlung aller bis dato gemeinsam geschriebenen und komponierten Songs beinhaltete, hat das zweite Studio-Album „Nicht raus, aber weiter“ das feste Thema der Angst: Ängste zu haben, sie zu erkennen, zu akzeptieren und mit ihnen klar zu kommen. Dieser erstmals rote Faden ist laut Sänger Sven Bensmann auch der Grund, weshalb Hi! Spencer dieses Album gedanklich als ihr Erstes betrachten.

Von der Schulband zum Geheimtipp

Hi! Spencer, die in den Medien oft mit Jupiter Jones, Kettcar, Turbostaat und Muff Potter verglichen werden, haben ihre Ursprünge in einer gemeinsamen Schulband in Osnabrück. Dass sich die fünf Musiker als Einheit begreifen und sich als enge Freunde vertraut sind, ist deutlich zu merken. So findet zwar kaum Interaktion und Kommunikation auf der Bühne statt und doch sitzt jeder Übergang, jedes Zusammenspiel und jede Pause. Seien es die euphorischen Songs wie „Weck mich auf“ und „Wo immer du bist“, die ruhigeren grüblerischen Songs wie „Küchentisch“ oder das erzählerisch und gesellschaftskritischer „Hinter dem Mond“ – jeder Ton der Bandmitglieder greift mehr als gelungen ineinander, ebenso wie der Gesang von Bensmann und Co-Sänger Malte Thiede.

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Hi! Spencer im Naumanns im Leipziger Felsenkeller

Der choreografierte, schweigsame Comedian

Sänger Bensmann mag dem einen oder anderen als musikalischer Sidekick der Kult-Comedy Show NightWash bekannt sein. Von dem sonst sehr gesprächigen und unterhaltsamen Comedian ist an diesem Abend jedoch eher wenig zu hören. Zwar überzeugt er durch jeden getroffenen Ton, was dem starken Gesang auf den Studioaufnahmen in keiner Weise nachsteht. Jedoch wirkt die Darbietung fern jeder Spontaneität und Gefühlsregung. Muten die Texte der Alben emotional, nahbar und zutiefst persönlich an, mag dieser Eindruck bis zum Schluss des Konzertes einfach nicht aufkommen. So ist man zwar von der reinen musikalischen Darbietung begeistert. Doch die Emotionen, welche man beim reinen Hören der Alben empfand, werden an diesem Live-Abend kaum erreicht. Für die wenigen nahen Momente sorgt lediglich Co-Sänger Malte Thiede, sobald er in den Vordergrund rückt und das Mikro übernimmt.

Selbstsabotage und Gelähmtheit

Laut Bensmann geht es im neuen Album um das Monster, welches in einem steckt, um Selbstsabotage, Gelähmtheit und darum, wieder den Mut zu fassen und aufzustehen. Dieses breite Spektrum wird textlich, wie musikalisch mitreißend umgesetzt. So kann man das Publikum beim leisen Mitwippen, andächtigem Zuhören, aber auch beim heiser anmutendem Mitgrölen und familiären Pogo-Pit beobachten. Und doch verlässt man nach diesem heimeligen Konzert das Naumanns – etwas ernüchtert und emotional bei weitem nicht so angereichert, wie man es wohl erwartet hatte. Bleibt zu hoffen, dass es keine Ängste sind, welche Bensmann hinter einer imaginären Mauer vom Publikum fernhalten. Und falls doch, fasst er hoffentlich noch den Mut, über diese zu klettern. Textlich, wie auch musikalisch ist es Hi! Spencer zu wünschen, dass sie an Bekanntheit und Authentizität wachsen, um den großen Bands, mit denen sie verglichen werden, nacheifern zu können

Hi! Spencer

"Weiter raus"-Tour 2019

Naumanns Keller, 17. Oktober 2019

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