Tom Fischer | Drucken05.11.2002 

Der Höhepunkt der Jazzsaison

Adam Holzman & Brave New World spielen im Spizz

Das Taxi bremst. Der Fahrer muss mein "Halb-auf-der-Strasse-stehen-und-Winken" doch noch als Wunsch, irgendwo hin gefahren zu werden, interpretiert haben. "Zum Adam Holzman - Konzert, schnell!", hätte ich gerne gesagt, aber da wird mir klar, dass selbst "Zum Konzert des ehemaligen Miles-Davis Keyboarders (und musikalschen Leiters) bitte!" einen während der zirka 10minütigen Fahrt nicht zu bewältigenden Fragenkatalog öffnen würde. Ergo gebe ich mich mit "Zum Spizz!" zufrieden.

Glücklicherweise verzögert sich der auf 20.00 Uhr (mit Ausrufezeichen) fixierte Beginn um genau die knappe Stunde meiner Verspätung. Der Raum verdunkelt sich, Adam Holzman schleicht zu seinen Arbeitsgeräten (analoge und digitale Tasteninstrumente, Spielzeugtelefon). Zirka 120 Zuhörer und -schauer verfolgen diesen Vorgang. Vor anderthalb Dekaden spielte Holzman noch vor Tausenden. Wegen dieser Zeit muss er auch das Attribut `der Miles-Davis-Keyboarder´ ertragen. Und deshalb spielen an diesem Abend Adam Holzman & Brave New World, denn man braucht die Zugkraft des berühmten Namens, selbst wenn es nur darum geht, letztlich vor eben diesen 120 (so wie an diesem Abend) und nicht vor 12 (wie am Abend zuvor in Salzburg) Leuten zu spielen. Denn ansonsten sieht man hier nicht einen Superstar oder -namen mit Begleitband, sondern fünf exzellente Musiker, die alle glänzen und sich in gleichem Maße dem Gesamtwerk unterordnen.

Dieses Gesamtwerk wiederum wird neuerdings ausschließlich im Eigenvertrieb produziert und verkauft, besonders in den USA ein klares Statement gegen das System der Monopolisten, des Extremkapitalismus. Holzman baut einen Klangkosmos auf, den der dazukommende italienische Schlagzeuger Alex Elena mit einem harten, direkten Beat in Myriaden kleiner Töne zersprengt, die wiederum der ewig ruhende Pol, der Bassbär Freddy Cash Jr., auf einem tieffrequentigen Teppich einsammelt und neu zusammenfügt. Aaron Heick, Saxophonist der Weltklasse, schickt erfolgreich den Melodiesuchtrupp auf Reisen, während der Aushilfsgitarrist Alan B. noch mit der Tücke des `Es ist alles angeschlossen und hat Strom und trotzdem kommt aus meiner Klampfe nichts raus´ kämpft. Doch das Aus- und Wiedereinschalten des Verstärkers löst das Problem. Als Zuhörer weiß man schon nach diesen ersten zehn Minuten, dass alle inneren Fluchtwege geschlossen sind, man ist Teil der Musik und braucht schon ein Höchstmaß an Ignoranz oder Blasenschwäche um den Raum jetzt noch zu verlassen.

Insgesamt wirkt die Musik mehr funk- als jazzorientiert, wobei besonders Holzman seine Herkunft nicht unbedingt leugnen kann und als letzte Zugabe den seligen Miles spielt. Holzman ist mit Leib und Seele New Yorker, und dementsprechend klingt das Set im Ganzen wie der vertonte Big Apple. Da steht Hektik Melancholie gegenüber, da vermischen sich verschiedene Kulturen und setzen sich dann wieder voneinander ab, da gibt es die Faszination der Komplexität und die Schönheit des Schlichten, vergegenwärtigt sich die Wut der Bronx, die Arroganz der Wallstreet.

Der `Jazz-Gould´ gibt inhaltlich und ablauftechnisch den Ton an, spielt mit der rechten Hand wieselflink auf seinem Korg, während er mit der linken Flächen drückt oder Basslinien spielt, hält sich jedoch zugunsten der anderen zurück, um nur die kleinen Lücken mit seiner musikalischen Virtuosität und Coolness sinnvoll zu füllen. Besonders eindrucksvoll ist es, wenn er mit Heick (und seinem kleinen Korg) zusammen eine Bläsersektion bildet, die an Homogenität den Brasstwins aus Atlanta, Eric Leeds und Matt Blistan, in nichts nachsteht.

Rhythmisch trägt ´Nesthäkchen´ Elena die anderen auf der zwischen `straight´ und `kaum mitzählbar´ tendierenden Beatbasis. Die Vielfalt, die auch seine Aufnahmen auszeichnet (er arbeitete u.a. sowohl mit Aretha Franklin wie auch mit Iron Maiden respektive Bruce Dickinson zusammen) kommt auch live positiv zum Vorschein, und tröstet über das Ausscheiden von Juju House hinweg.

Freddy Cash Jr. geht locker bei allem mit, legt ein die Unterlippen auf den Brustkorb beförderndes dreiminütiges Basssolo hin, versinkt in sich, durchlebt das Tun der anderen. (Und baut sich vor dem Publikum auf, wirft die Arme von sich und sagt: Isch lieba disch!)

Aaron Heick, seit einer Dekade Mitstreiter Holzmans, trägt oft die melodische Alleinverantwortung, die er professionell wie virtuos meistert. Klezmerelemente mischen sich mit Pop-, Jazz-, Blues- oder Funkstilistik. Heick, der u.a. an vielen Chaka Khan Einspielungen beteiligt war, steht im Rampenlicht und wirkt doch nicht vordergründig.

Alan B., der Mitch Stein vertritt, entpuppt sich als Hundertprozent sicherer Rhythmusgitarrist, der, auf Zeichen Holzmans, nach vorne tritt und mit sichtbarem Genuss recht schräg, aber geschmackvoll, seine Soli zelebriert.

Zweieinhalb Stunden Musik auf höchstem Niveau und eine Band, die sicht- und hörbar ihren Spaß hat und die Euphorie des Publikums genießt, machen diesen Abend zu einem der musikalischen Höhepunkt der diesjährigen, sich in der veranstaltungstechnischen Flaute befindlichen Leipziger Kulturszene - und rechtfertigen meinen gefährlichen Einsatz zum Stoppen des Taxis.

Nun, da das Licht eine dreiviertel Stunde nach Konzertende angeht und alle noch verbliebenen Gäste einschließlich der mit ihnen Bier trinkenden und sich unterhaltenden Musiker herauskomplimentiert werden (sie sollen in der vergnügungskillenden Atmosphäre des Cafés über dem Keller weiter trinken, was , im krassen Gegensatz zu der homophilen, kraft- und hoffnungsvollen Musik steht), hoffe ich, dass auf meinem Rückweg das Stoppen des Taxis wieder erfolgreich und gesundheitlich folgenlos glücken wird. Und wenn nicht, dann werde ich wenigstens mit einem reichlichen Maß an mehr Energie, Inspiration und Hoffnung auf Leipzigs Pflaster enden.

Adam Holzman & Brave New World

05.11.02 Spizz

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