| Drucken20.10.2001 

„Inner Circle – Symphonic Expressions” (Nico Thom)

20. Oktober 2001 Gewandhaus Großer Saal

?Inner Circle - Symphonic Expressions?

David Timm ? Klavier, Komposition, Dirigat
Reiko Brockelt ? Altsaxophon, Komposition
Damien Diaz ? Solotanz
Matthias Buchholz ? Kontrabaß
Johannes Gebhardt ? Orgel
Matthias Zeller ? Percussion
Wolfram Dix ? Schlagzeug, Percussion
Ralf Schneider ? Schlagzeug
Thomas Prokein ? Konzertmeister der 1. Violinen
Wolfgang Singer ? Konzertmeister der 2. Violinen
Mendelssohnorchester

Eindrücke eines Synästheten

Ein leiser, fast gehauchter, purpurfarbener Orchesterakkord breitet sich langsam gleich einem Nebelschwall auf der Bühne des Leipziger Gewandhauses aus. Konzentrierte Augen starren auf Notenpapier, Hände versuchen den leisesten Strich auf den Geigen, angewinkelte Arme scheinen bewegungslos. Der hagere Dirigent leitet mit sinnlichen Bewegungen den stillen Fluß des Orchesters. Sein Dirigierstab malt gleichmäßig hellblaue Achten in die Luft.

Vor dem dunklen Klangkörper liegt quer zum Publikum ein mittelgroßer halbnackter Mann mit schulterlangem schwarzem Haar. Sein sehniger Körper ist gestreckt und seine ockerfarbene Haut gespannt. Die Bühne ist in gleißendes Licht getaucht, das Publikum versteckt sich hinter der schützenden Fassade der Dunkelheit.

Trommelstöcke beginnen kleine, spitze, lila Punkte zu setzen, die mit breitem Orange vom Orchester über- und untermalt werden. Der Tänzer richtet sich auf und geht zu ballettartigen Choreographien über, bei denen er die naturbraune Fläche des Bühnenparketts mit einbezieht.

Ein gelber Strahl durchbricht den mechanischen Gang des Orchesterapparates, der daraufhin eingeschüchtert abklingt und Platz macht für das intime Spiel der beiden Protagonisten: David Timm und Reiko Brockelt. Sie werfen sich gegenseitig die Pinsel zu und schöpfen aus dem schier unendlichen Farbenspektrum ihrer individuellen Einbildungskraft. Sie spielen sich frei von matten, grauen Alltagsklängen und tauchen ein in das Reich der Farbe und Form.

Bewegungsabläufe des Tänzers werden begleitet von eruptiven Orchesterausbrüchen, die sich wie riesige Wellen auftürmen und über dem hektischen Menschlein, das mit den Armen rudernd nach Rettung sucht, zusammenfallen. Flimmerhärchen in Gehörgängen neigen sich gleich einer Baumallee bei heftigem Sturm. Ein Gong speit goldenen Glitzerstaub und tiefschwarze Orgelsounds bahnen sich ihren Weg zu den Hörern.

Weiße Perlen fallen aus der Klaviertastatur und werden vom roten, engmaschigen Netz der Streicher aufgefangen. Das Altsaxophon kratzt wie mit Fingernägeln über die Cymbels des Schlagzeugs, und dumpfe Bongos kommentieren mit trockenen, holzigen Schlägen. Gezupfte Baßtöne werden von hellgrünen, grellen Bläserklängen geschnitten und von schlangenhaften Celli umwoben.

Der Orchesterklang, einer kleinen Quelle entsprungen, entwickelt sich zu einem Fluß, später zu einem reißenden Strom, verjüngt sich zwischendurch und generiert viele kleine Flußarme, die letztendlich gemeinsam in einem blauen Ozean münden. Die Musik verklingt, Stille kehrt ein, Bewegungen kommen zur Ruhe, das Saallicht geht an und klatschende Hände gehen bald darauf nach Hause.

(Nico Thom)

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