| Drucken25.11.2001 

Johannes Brahms: „Ein deutsches Requiem” (Marcus Erb-Szymanski)

25. November 2001
Gewandhaus, Großer Saal

Johannes Brahms: ?Ein deutsches Requiem?

MDR Sinfonieorchester, MDR Rundfunkchor
Dirigent: Fabio Luisi, Choreinstudierung: Howard Arman
Solisten:
Sabine Passow, Sopran
Roman Trekel, Bariton

Die Würde der Langsamkeit

Es ist schon verblüffend, wie langsam Chor und Orchester beginnen, wie sie mit leiser Seligkeit jeden Ton auskosten in den wohligen Schattierungen des Piano-Pianissimo. Würde, Anmut und Gemessenheit spricht aus diesem Spiel, und es wird schnell deutlich, daß Luisi das ungewöhnliche Tempo gewählt hat, damit sich die klare und zugleich expressive Gestaltung ungehindert bis in den letzten kleinen Winkeln entfalten kann. Der Dirigent nutzt dabei die Fähigkeit des Chores, die Spannung auch fast in der Stille und bei minimaler Bewegtheit zu halten, um das Pathos der Musik von allem Pathologischen, allen sentimentalen Effekten zu reinigen und dennoch die große Ruhe und Kraft dieser künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Tod zu bewahren. Das gilt ebenso für die rasanten Teile, in denen die rhythmische Präzision und Prononciertheit das Tempo niemals aus den Fugen geraten läßt.

Die Beherrschtheit der Musizierhaltung setzt sich in dem imposanten zweiten Teil des Werks fort. Das Donnerwort des Chores: ?Denn alles Fleisch es ist wie Gras? wird lange im Orchester vorbereitet. Wieder ist es die Langsamkeit, die den Musikern die Zeit gibt, jedes Detail wunderbar auszuformen und dabei ein kontinuierliches Crescendo aufzubauen, das im gewaltigen Einsatz des Chores seine Erfüllung findet. Es zeigt sich bei Luisi mitunter die Tendenz, in größeren Vokalwerken die Singstimmen wie Instrumentalstimmen zu behandeln und ihnen die sinfonisch-begleitenden Elemente nicht unterzuordnen. Das wertet natürlich die rein musikalischen Aspekte eines Werks auf, stört aber mitunter auch die Balance zwischen dem vertonten Text und den instrumentalen Abläufen. Doch wenn ein solches Vorhaben gelingt, entsteht wie heute eine wunderbare Homogenität des Gesamtklangs. Nicht nur in diesem zweiten Teil wirken die vokalen Partien des Chores wie eine kontinuierliche Fortsetzung und Steigerung der instrumentalen Vorgänge. Das hängt auch damit zusammen, daß sich der Chor mit großer Souveränität gegenüber dem Orchester zu behaupten weiß und daß beim Orchester, wenns drauf ankommt, der Klang samtweich werden kann.

Und es ist natürlich auch den Solisten zu verdanken. Roman Trekel singt klar, beherrscht und vermag sich dramatisch enorm zu steigern. Sabine Passow entwickelt zu den Worten ?Ihr habt nun Traurigkeit...? ein fast inniges und zärtliches Verhältnis. Beide Sänger besitzen Stimmen, die intensiv genug sind, sich gegen die Klangmassen durchzusetzen und dennoch niemals schneidend oder aufdringlich wirken.

Die Begeisterung des vollen Hauses nach dem grandiosen Schlußchor haben sich die Beteiligten verdient. Fabio Luisi vermeidet es, sich allein beklatschen zu lassen, und er wirft seine Blumen den Frauen des Chores zu. Es war ein schönes, ein gemeinsames Werk aller Beteiligten, dieses Brahms-Requiem zum Totensonntag im Gewandhaus.


(Marcus Erb-Szymanski)

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