| Drucken09.11.2001 

Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem (Steffen Lehmann)

09. November 2001 Gewandhaus Großer Saal

Gewandhausorchester, Dirigent: Herbert Blomstedt
Gewandhauschor, Gewandhaus-Kammerchor
Christiane Oelze, Sopran
Matthias Goerne, Bariton
Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem

?Denn es wird die Posaune schallen?

Man könnte geneigt sein, den Verantwortlichen im Gewandhaus besonderes Fingerspitzengefühl bei der Spielplangestaltung zu unterstellen. Denn im vergangenen Jahr konnte niemand ahnen, in welchem Ausmaß die Aufführung des ?Requiems? von Brahms den Nerv der Zeit treffen würde. Auf die apokalyptischen Ereignisse des Septembers reagierten viele amerikanische Sinfonieorchester mit Programmänderungen. Die Berliner Philharmoniker, im September auf einer Gastspiel-Reise in New York, änderten ebenfalls ihr Programm. Statt der sechs Orchesterstücke von Anton Webern, der Siebten von Mahler und Auszügen aus Wagneropern spielte man Beethovens Fünfte, Siebte und die Egmont-Ouvertüre. Das karikierte ein Kritiker der ?New York Times? mit einer Bemerkung von Leonard Bernstein, dass Dirigenten in Momenten der Krise nichts anderes wüssten, als sich in den Humanismus Beethovenscher Musik zu flüchten.

Auch Kurt Masur und die New Yorker Philharmoniker stellten ihr Programm für das Eröffnungskonzert der neuen Saison um. Und der gleiche Kritiker resümierte über diese Änderung, der Abend wäre ?erhebend? gewesen. Was haben Kurt Masur und die Philharmoniker gemacht? Sie spielten ?Ein Deutsches Requiem? von Johannes Brahms.

Und die Aufführung des Gewandhausorchesters und aller Beteiligten geriet eindrucksvoll. Dass Brahms mit seinem Requiem keine ?Missa pro defunctis?, also keine Totenmesse im Sinn hat, wird dem Hörer schnell offenbar. Der Eingangschoral ?Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden? erhebt sich zwar noch düster und langsam aus der Tiefe des Raumes, aber schon an der Stelle ?Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten? wird Brahms??frohmachende? Botschaft in dieser Aufführung offenkundig. Und so geht es im zweiten Satz weiter: Das Schlagzeug wird im Akkord bearbeitet, die Bässe grummeln im Hintergrund, die Blechbläser tönen wie Nadelstiche und die Violinen erscheinen mit wunderbar warmem Klang. In diesem Labyrinth der Töne agiert Blomstedt als begeisterter erster Vorsänger, mit einer Verve, als wolle er die Chöre stimulieren und zusätzliche Sicherheit geben. Eine Hilfestellung, die beide Chöre an diesem Abend gewiss nicht benötigen.

Im dritten Satz - endlich - ist die Zeit der Solisten gekommen. Besonders Matthias Goerne, so schien es, hatte bis dahin auf seinem Stuhl unter dem Warten zu leiden. Vom ersten Takt an verriet sein rhythmisch wiegender Kopf, das Scharren mit den Füßen und sein leises Mitsingen die Intensität, mit der er das Werk von Anfang an miterlebt. Die Verzweiflung vor der Begrenztheit des Lebens bringt Goerne faszinierend zum Ausdruck. Das Flehen, die Zerrissenheit klingen bei ihm niemals pathetisch, niemals aufgesetzt und gerade dadurch umso eindringlicher. In seinem steten inspizierenden Blick auf das Spiel der zweiten Violinen lag wohl auch das Bedauern darüber, dass sein Part nur so kurz währte.

Christiane Oelze hatte sich gar bis zum fünften Satz zu gedulden. Streicher und Holzbläser begleiten sie dann mit sanften Klängen bei ihrem Solo, dass sich in atemberaubende Höhen empor schwingt. Im vorletzten Satz avancierte die Verkündigung des Jüngsten Gerichts zu einem Ausbruch an Hoffnung und Zuversicht: Hier lässt Brahms noch einmal die Blechbläser erschallen und die Streicher sind im Dauereinsatz. Die Versöhnung wartet im Finale. Von Oboen und Harfe unterlegt wird die Botschaft ?Selig sind die Toten, die im Herrn sterben...dass sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach?. Am Ende lässt sich Herbert Blomstedt Zeit, bevor er den Taktstock sinken lässt. Die letzten Töne entschwinden geheimnisvoll. Keine unvermittelt losbrechende Jubelarie erfüllt den Saal. Sie hätte die Aufführung nicht aufgewertet. Für den lang anhaltenden Beifall ist anschließend noch genügend Zeit ...

(Steffen Lehmann)

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