Juliette Appold | Drucken16.04.2003 

Mich dürstet

Joseph Haydn „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze”, Fassung für Streichquartett im Historischen Sommersaal im Bach-Archiv

Nachdem zuerst die Zuhörer, dann das Streichquartett, den schönen, immer wieder freundlichen Sommersaal betreten haben, führt Bernhard Forck kurz in das Werk ein. Unter anderem sagt er, daß es schon eine Herausforderung sei, sieben aufeinanderfolgende langsame Musikstücke in einer Weise zu spielen, daß einem nicht langweilig wird! Man schaut heimlich auf die Uhr und ist gespannt.

Bereits die Einleitung erweist sich als eine Überraschung. Denn dies ist keine schwere Musik mit tiefer Dramatik. Nein, sie erinnert eher an den Beginn von Mozarts Haffner-Sinfonie. Die Musik lebt und atmet die angenehme Stimmung des Satzes, der mit Maestoso e Adagio überschrieben ist. Nein, langweilig kann einem bei dieser Klangschönheit nicht werden.

Dann kommt die erste Sonata, ein Largo. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Grave e Cantabile. Sorglos, ja fast unschuldig scheint Haydn's musikalische Verspieltheit mit jedem Ton hervorzutreten. Schön, wie die Streicher das Thema fein herausspielen, mit Leichtigkeit und Glanz.Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. So ist die zweite Sonata überschrieben. Zunächst erklingt alles in Moll. Generalpausen durchsetzen den ersten Teil der Melodie. Sie wird von tiefen Tönen begleitet. Darauf erfolgt unerwartet eine zarte Melodie, die von gebrochenen Dur-Akkorden - Alberti-Bässen ähnlich - begleitet wird. Fein und nahezu himmlisch gesungen ist sie: das muß das Paradies sein. Süß und leicht, harmonisch kadenzierend. Doch zurück zur Realität. Im dunklen Grave schreiten wieder die Bässe, gleich wie am Anfang des Satzes, der schneller vorbei ist, als einem lieb ist.Weib, siehe, das ist dein Sohn. Dies ist die dritte Sonata, ebenfalls mit Grave überschrieben. Wieder eine exzellente Darbietung des Quartetts. Der Klang ist nun nicht mehr so brillant wie zuvor. Nein, er ist, passend zu den Worten, weich zurückgenommen. Doch auch hier strahlt Wärme durch, die sanfte Melodie wird abwechselnd von Violine und Cello und von Violine und Viola gespielt. Erste und zweite Violine finden sich mehrfach, nach zierenden Umspielungen, auf einem Ton wieder. Alles klingt sehr ausgeglichen und stimmig. Die dynamischen Steigerungen fügen sich logisch in diese musikalische Erzählung ein. Und das Zuhören wird spannender.Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Entsprechend klingt das Quartett hier vorwurfsvoll, wenn es die ersten Töne der vierten Sonata wiedergibt. Doch der Vorwurf zerfällt in leiser werdende, sequenzierende Tonleiterschritte. Was hilft es schon, anzuklagen, möchte man sich da fragen. Hinzu kommen wieder die lieblichen Verzierungen in der ersten Violine. Übergebundene, aber nicht aufdringliche, Auftakte lassen uns nochmal die Klage nachempfinden. Es gibt trotz der dramatischen Situation Hoffnung: aus den Dur-Klängen und intensiven Momenten lernen wir das.Mich dürstet. Doch es werden unserem Erlöser nur Essig- und Galle-Tropfen gereicht. Und das hört man hier aus den gezupften Tönen, vor allem im Cello. Der Durst, das Flehen nach Flüssigkeit wird durch die zwei absteigenden Töne der Violine so deutlich wiedergegeben, daß man selber anfängt, durstig zu werden. Doch damit nicht genug. Die Viola seufzt, während weitere, sehr trockene, abgesetzte Bogenstriche das Gehörte prägen. Eine zehrende Stimmung tut sich auf. Das Verlangen zieht sich durch alle Streichinstrumente. Es ist bewundernswert, wie das Quartett es schafft, seinen wohligen Klang hier so zu reduzieren, daß man wirklich das Gefühl von Trockenheit und Durst nachempfinden kann.Es ist vollbracht. Dies ist die sechste Sonata. Im Unisono beschließt das Quartett eine absteigende Kadenz. Eine wunderschöne Melodie in der ersten Violine folgt. Sie verschmilzt zu einem Duett mit der zweiten Violine. Die Musiker spielen scharfe Klänge, die sich in weich werdende portato-Striche auflösen. Intensiv verarbeiten sie das Thema, das in einer Stimmung von Hoffnung mündet. Nach einer letzten, dicht repetierten absteigenden Kadenz klingt der Satz leise aus.Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände. Der Klang kommt nun von Ferne, wie ein Schleier, wie ein Geist. Ebenso schreitet der Rhythmus offenbar in des Vaters Hände. Violine I und II spielen mit Dämpfer, begleiten sich in Terz- und Sextabständen. Viola und Cello untermalen diese Musik äußerst zart, der Stimmung entsprechend. Dann löst sich die Melodie von der ersten Violine und wird feinfühlig verziert. Es wird einem ganz andächtig zu Mute. Nach Horn-ähnlichen Klängen löst sich das Ganze in sachten, gezupften Tönen auf.

Das Erdbeben (Il terremoto. Presto e con tutta la forza) folgt. Rasante Tonrepetitionen erklingen, musikalische Blitze steigen im perfekten Unisono auf und ab. Das Beben zeichnet sich in furiosen Tremoli und lauter Dynamik wieder. Auch hier überzeugte das Quartett mit technischer Perfektion, musikalischer Feinfühligkeit und ausgewogenem, immer stimmigem Klang.

Die Herausforderung, sieben langsame Stücke so zu spielen, daß einem nicht langweilig wird, ist also gelungen. Der Abend übertraf die schönsten Vorstellungen und gehört zu den besten Sommersaal-Aufführungen, welche Rezensentin dort gehört hat.

Musik im Kirchenjahr

Joseph Haydn (1732-1809)
Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze
Hob III, 50-56, Fassung für 2 Violinen, Viola und VioloncelloManon Quartett
Ariadne Daskalakis, Violine
Bernhard Forck, Violine
Sebastian Gottschick, Viola
Anna Carewe, Violoncello
Mittwoch, 16. April 2003, Historischer Sommersaal im Bach-Archiv.

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