Steffen Kühn | Drucken23.01.2012 

Die Komponistin unserer Zeit

Die deutsche Erstaufführung des Klarinettenkonzertes von Kaija Saariaho im Gewandhaus

Kaija Saariaho, Gewinnerin des Léonie-Sonning-Musikpreises 2011
(Foto: Priska Ketterer / Léonie Sonning Music Foundation)

„Korvat auki“ – Ohren auf, der Name der Gruppe für Neue Musik, welche die finnische Komponistin Kaija Saariaho während ihres Studiums an der Sibelius Akademie mitbegründete, ist zum steten Programm der wohl heute bekanntesten lebenden Komponistin geworden. Seit ihren ersten großen sinfonischen Werken Du cristal und ... à la fumée aus dem Jahre 1990 ist sie nicht mehr wegzudenken aus dem zeitgenössischen Musikschaffen, weltweit kann man sicher ohne Übertreibung sagen, denn ihre Werke werden von allen großen Orchestern in Europa. Amerika, Asien und Japan aufgeführt.

Was ist das Geheimnis ihres Erfolges, wie funktioniert die Musik, der in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag begehenden Musikerin? Neben der handwerklichen Perfektion ihrer Werke könnte man das Besondere ihres Schaffens in der Herangehensweise vermuten. Kaija Saariaho sucht für neue Werke symbolisch – geschichtliche und kunsthistorische Inspirationsquellen, oder auch elementare Bilder wie in Du cristal und ... à la fumée.

Auch ihr Klarinettenkonzert D´om le vrai sens (2010 uraufgeführt) hat sie thematisch aufgeladen. Sechs mittelalterliche Wandteppiche Die Dame und das Einhorn symbolisieren die fünf Sinne: Hören, Sehen, Riechen, Tasten, Schmecken. Der sechste Teppich hat den mehrdeutigen Titel A mon seul Désir. Saariahos Stück hat wie die Serie der Teppiche sechs Teile und übersetzt den kunsthistorischen Gegenstand, die Inspirationsquelle in Klang.

Der Kontrast zwischen Solisten und Orchester wird räumlich inszeniert. Im ersten Teil ist die Klarinette nicht zu sehen, im abgedunkelten Gewandhaus nähern sich von irgendwo die ersten Linien des Solisten und beginnen sich unter die trockenen Flächen des Orchesterklangs zu legen. 2. Satz – Sehen: Kari Kriikku nähert sich spielerisch der Bühne, dem Orchester. Die bis hier sehr räumliche Struktur konzentriert sich, Vertikalität kommt hinzu. Die zum Teil extremen Aktionen der Klarinette verhaken sich im Orchester, ein voller klarer Ton der Holzklangplatten eines Xylophons bringt Wärme in die Partitur. Wunderbar wie sich die Themen des Solisten und des Orchesters, in dem Moment ineinander schieben als sich der Solist unter das Orchester mischt. Wie Bilder von weiten Landschaften, die man übereinander schieben würde. Doch immer kurz bevor man das Gefühl bekommt nur ein Bild zu sehen, eine Deckungsgleichheit erahnt, bricht die Partitur. Oft mit röhrenden Tönen der Klarinette, die von Kari Kriikku großartig in pantomimische Szenen gesetzt werden.

Der 4. Satz – Tasten reagiert sehr perkussiv, jetzt entsteht eine Rhythmik, die Schlagwerke türmen kunstvolle Strukturen. Die Farben jetzt heller, eine heitere Stimmung entsteht, man beginnt zu lächeln, dem Stück gelingt es tatsächlich die Sinne der Zuhörer anzusprechen. Der Schluss des Stückes entlässt die Zuhörer aber nicht, langsam und auch etwas bedrohlich wird der Frage nachgegangen was denn nun der sechste Sinn sein soll. Sirenenhaft verabschiedet sich die Klarinette.

Großartig diese deutsche Erstaufführung des neusten Stückes von Kaija Saariaho. Großartig das Stück, großartig das Gewandhausorchester unter Vladimir Jurowski und großartig, den wohl außergewöhnlichsten Klarinettisten unserer Zeit Kari Kriikku erlebt zu haben. Das waren 35 Minuten sinnlicher Genuss, Spannung pur – Kaija Saariaho ist die lebende Komponistin unserer Zeit!

Großes Concert

Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie G – Dur KV 318

Kaija Saariaho: D´om le vrai sens für Klarinette und Orchester

Alfred Schnittke: Sinfonie Nr. 3

Klarinette: Kari Kriikku

Dirgent: Vladimir Jurowski

Gewandhausorchester

13. Januar 2012, Gewandhaus Großer Saal


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