Frank Sindermann | Drucken17.10.2003 

In jeder Hinsicht herausragend

Ein Klavierabend im Gewandhaus mit Bernd Glemser

Klavierabende sind wahrlich keine Seltenheit im Konzertbetrieb, und Kompositionen von Beethoven, Liszt und Schumann finden sich in 90% ihrer Programme. Dass der Klavierabend mit Bernd Glemser dennoch zu einem durchweg herausragenden Ereignis wurde, liegt zum einen an der geschickten Zusammenstellung der ausgewählten Werke, vor allem aber am phänomenalen Spiel des Pianisten selbst.

Der erste Teil des Konzerts ist sehr durchdacht angelegt: Nach einer frühen Beethoven-Sonate, die technisch wie musikalisch einen eher moderaten Auftakt darstellt, folgt als eigentlicher Schwerpunkt die gewichtige, gedankenschwere Sonate a-Moll op. Post. 143 von Franz Schubert. Vor der Pause wird den Ohren mit zwei populären Werken von Franz Liszt dann noch etwas unbeschwerte Virtuosität (unbeschwert für das Publikum) zur Erholung gegönnt. Der zweite Teil bietet mit den Symphonischen Etüden von Robert Schumann ein pianistisches Bravourstück der besonderen Art.

An und für sich ist es schon mehr als bewundernswert, wenn ein Pianist ein solches Programm technisch makellos oder zumindest fehlerfrei bewältigt. Bei Bernd Glemser ist pianistische Perfektion allerdings nur der (selbstverständliche) Ausgangspunkt für die künstlerische Gestaltung. Wo andere Pianisten mit wahnwitzigen Läufen, weiten Lagen etc. zu kämpfen haben, gestaltet Glemser große Bögen, schattiert Klangfarben in delikatesten Abstufungen und musiziert mit einer Leichtigkeit, als seien die unzähligen Schwierigkeiten der Werke keine wirklichen Herausforderungen für ihn. Das Finale der "Symphonischen Etüden", welches wirklich wie der Klavierauszug eines Sinfonie-Finales wirkt, beendet ein Konzert, wie man es auf ähnlichem Niveau nur äußerst selten erleben kann. Eine hoch virtuose Zugabe rundet den Abend ab.

Wer nun denkt, ein derart begnadeter Pianist müsse doch zweifellos eitel oder gar arrogant wirken, sieht sich getäuscht: Bernd Glemser tritt bescheiden und zurückhaltend auf, auch bei der anschließenden Autogrammstunde gewinnt er die Zuneigung des Publikums durch seine wohltuende Natürlichkeit.

Das i-Tüpfelchen des Konzerts war übrigens Glemsers Interpretation von Schuberts "Ständchen" in der Bearbeitung von Franz Liszt. Eine der Strophe ist als Echo angelegt: Während die Melodie fortgesetzt wird, ertönt wie aus weiter Ferne eine Reminiszenz an den jeweils vorangegangenen Teil. Wie Glemser die beiden Ebenen voneinander zu trennen vermochte, übertrifft alles Vorstellbare. So wurde ein eher harmloses Stück Musik zum heimlichen Höhepunkt eines Abends, der an Höhepunkten wahrlich nicht arm war.

Ludwig van Beethoven: Klaviersonate E-Dur op. 14,1
Franz Schubert: Klaviersonate a-Moll op. post. 143
Schubert/Liszt: Ständchen
Franz Liszt: Valse Caprice A-Dur aus Soirées de Vienne
Robert Schumann : Symphonische Etüden op. 13

Bernd Glemser, Klavier

17. Oktober 2003, Gewandhaus, Großer Saal

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