Steffen Kühn | Drucken21.02.2006 

Köpfe müssen rollen

Richard Strauss' „Salome” ist zusammenwirkend beim 5. MDR-Rundfunkkonzert

Musiktheater in Leipzig ist seit der Amtszeit von Henri Meier ein sehr kontrovers besetztes Thema. Der erhoffte Schub durch den "Superstar" Chailly ist leider ausgeblieben. Nach der schwierigen Inszenierung von "Un ballo in Maschera", Chaillys erster mit Jubel und Pomp angekündigten Oper in Leipzig, hat sich zudem eine depressive Ernüchterung breitgemacht, zur Freude der Lokalpolitiker, die sich vom Kulturbudget der Stadt angezogen fühlen, wie die Motten vom Licht: Die Ballettschule ist schon geschlossen, die Ballettcompagnie ist bis zur Existenzgrenze dezimiert, die Musikalische Komödie muss sich regelmäßig begieriger Übergriffe erwehren, jetzt werden auch mal Stimmen laut, welche gar die gesamte Oper und/ oder das Schauspielhaus in Frage stellen. Demokratie ist ein "Spiel" sich widerstreitender Kräfte. Da die Leipziger Kulturpolitik wenig inspirierend vor sich hintrudelt, haben es die Gegenkräfte leicht, populistische Stimmungen auszunutzen und zu schüren.

Und nun eine konzertante "Salomé" im 5. Rundfunkkonzert. Schützenhilfe in Sachen Musiktheater vom MDR-Klangkörper? Warum nicht, haben sich zahlreiche Leipziger gesagt und sich auf der anderen Seite des Augustusplatzes im Gewandhaus eingefunden. Strauss' düstere Oper nach einem Drama von Oscar Wilde hat zu Uraufführungszeiten 1905 kontroverse Debatten ausgelöst: "Die Post", Berlin: "das perverse Stück eines perversen Dichters, von [?] Strauss in eine perverse Musik gesetzt [?]", "Neue Freie Presse", Wien: "[?] eine revolutionäre, geistsprühende Musik in einer selbstverständlichen Schönheit."
Bernd Weikl gibt der Stimme des Jochanaan schon von Anfang an einen hochdramatischen Gestus. Seine dunklen nüchternen Kommentare nehmen das "perverse" Ende seiner Enthauptung schon vorweg. Stefanie Friede als Salome erreicht stimmlich eine hohe Authentizität, die laszive Charakteristik der Salome leidet allerdings durch die fehlenden szenischen Möglichkeiten, überhaupt zweifelt man immer mehr an der Sinnfälligkeit dieser konzertanten Aufführung. Gerade die starke Fokussierung auf (über-)sinnliche und körperliche Momente in Strauss' Musikdichtung ist ohne den szenischen Apparat schwer zu transportieren. Musikalische Höhepunkte sind da willkommene Abwechslung: das erste Zusammentreffen von Salome und Jochanaan am Ende des zweiten Satzes, in wilden Hornthemen, die rasende von einer stechenden vertikalen Musik getriebene Salome nach der wiederholten Zurückweisung durch Johanaan. Bezeichnenderweise erreicht Fabio Luisi mit dem MDR-Orchester gerade in Salomes Tanz höchste Qualität. Den wilden Tanzthemen folgen herrlich zarte Bläserflächen, nur die "frechen" Klarinetten versuchen auszubrechen. Mit geschlossenen Augen entstehen die fehlenden Bilder: Eine rasend tanzende, junge Frau versetzt die Festgesellschaft in wilde Erregung, am Ende in derart gesteigerter Spannung, dass der Wunsch nach dem Kopf des Jochanaan alle "beseelt" daherstarren lässt.

Leipzigs Kulturpolitik wird man mit solchen Konzerten nicht aus der Erstarrung lösen können. Ohne gleich die "Köpfe rollen zu lassen" sollte man sich im ersten Schritt auf die spezifischen Stärken konzentrieren: Das MDR-Orchester auf inspirierende Sinfonik, auch und gerade im zeitgenössigen Bereich, die Musiktheaterproduktionen auf der Opernseite des Augustusplatzes wieder mit genialischem Anspruch, ohne die kurzfristige Fokussierung auf gute Auslastungszahlen.

Konzertantes Musiktheater

5. Rundfunkkonzert des MDR

Richard Strauss (1864-1949): "Salome" op. 54
Drama in einem Aufzug, Text: Richard Strauss
nach dem Drama "Salomé" von Oscar Wilde

Solisten und das MDR-Sinfonieorchester
Fabio Luisi - Dirigent

Dienstag, 07.02.2006, 20 Uhr, Gewandhaus, Großer Saal

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