Steffen Kühn | Drucken | Kommentar (1)25.03.2010 

Ein Skandal

Kommentar: Der MDR-Klangkörper verabschiedet sich von Neuer Musik

Großer Bahnhof im Panorama-Restaurant: Alle Jahre wieder sucht der MDR für die Vorstellung der Neuen Spielzeit exklusive Orte. Das Präsidium wird heute moderiert von Herrn Thärichen, Unternehmenssprecher des MDR. Er spielt die Bälle zwischen Herrn Dufner - Hauptabteilungsleiter des MDR-Klangkörpers, Herrn Möller - Hörfunkdirektor, Herrn Märkl - Chefdirigent des MDR-Orchesters und Herrn Arman - Leiter des MDR-Chores hin und her.

Alle sind sich einig, welch reiche Tradition es in Mitteldeutschland zu entdecken gibt. Der MDR versucht 2010/11, durch Kooperation mit verschiedensten Institutionen der drei Bundesländer das Thema Klassische Musik stärker zu fördern. Einige Kooperationspartner sind auch persönlich anwesend: Dieter Jaenicke, künstlerischer Leiter des Festspielhauses Hellerau, schwärmt über die tolle Möglichkeit, mit dem MDR zusammen eine Oper uraufzuführen. Herr Rotmann, Organisator des IMPULS-Festivals aus Sachsen-Anhalt, schwärmt ebenso über die phantastische Möglichkeit, welche der MDR bietet. Letztlich erhält David Timm, Universitätsmusikdirektor, noch seinen Werbeblock und darf von der tollen Zusammenarbeit mit dem MDR berichten.

Das klingt alles so neu nicht und vor allem fragt man sich, wo denn der MDR selbst Impulse gibt. Ein großes neues Projekt wird präsentiert: Reiheins. Die Erstausgabe trägt den Titel "musical landscapes". Mitteldeutsche Tradition und jetzt plötzlich dieser modische Titel? Da gibt es dann monatliche Aktionen um ausgewählte Länder wie Italien, USA usw. Musik wird um Visuelles und Kulinarisches ergänzt und wieder freuen sich alle auf die vielen Partner, die mitmachen werden.

Große Freude also allenthalben, doch wo ist das künstlerische Konzept hinter all den Hochglanzbroschüren, die reichhaltig ausgeteilt werden? Weder Jun Märkl noch Howard Arman versuchen auch nur ansatzweise, eine künstlerische Leitlinie hinter all den Aktivitäten sichtbar werden zu lassen. Freilich vergisst man in all den Allgemeinplätzen nie, das Bekenntnis für Neue Musik zu platzieren. Doch wo findet sich die Neue Musik wirklich? Die drei Klangrausch-Konzerte innerhalb des Musiksommers sind gestrichen, von der ambitionierten Sendermusik ist im Programm auch nichts mehr zu finden. Das ist nun wirklich der Abschied von Neuer Musik, nachdem man schon vor einigen Jahren die ambitionierte Merret Forster nach München zum Bayerischen Rundfunk hat ziehen lassen. Und auch die als große Erfolge kommunizierten Kooperationen können daran nichts ändern, kooperiert man doch nur mit bereits etablierten Institutionen. Warum auch ein Risiko eingehen, wo sich doch alle so schön in ihren öffentlich geförderten Bereichen eingerichtet haben - auf der Strecke bleibt freilich der öffentliche Auftrag, den der MDR zu erfüllen hat. Öffentlicher Auftrag heißt künstlerische Entwicklungen zu fördern, die auf Unterstützung angewiesen sind. Das können Komponisten und kleine Initiativen sein, die sich mit Neuer Musik beschäftigen, Zeitgenössischem einen Rahmen/eine Plattform geben - wer könnte das besser als der MDR?

Auch Beethoven war mal neu und wir hätten heute keine Beethoven-Sinfonien, wenn es nicht Förderer wie das Theater an der Wien gegeben hätte, die Beethoven erst die Möglichkeit zum Komponieren und Musizieren geschaffen hätten. Oder Wagner, Goethe, Nietzsche usw. - alle hätten uns ohne ihre Förderer ihre Werke nicht hinterlassen können.

Die historischen Förderer, oft Adlige, gibt es nicht mehr, aber es gibt einen mit fast 1 Mrd. € öffentlichen Geldes ausgestatteten MDR, der diese Pflichten heute übernehmen muss. Er tut dies nicht und das ist ein Skandal an sich und leider auch ein großes Armutszeugnis für die Kulturpolitik ganz Mitteldeutschlands.

Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung der MDR-Saison 2010/11

23. März 2010


Kommentare lesen und hinzufügen (1)

Konzelmann schrieb am 22.06.2010 um 14:38 Uhr:

Dafür wird in der ebenfalls mit erheblichen öffentlichen Mitteln geförderten Oper Leipzig durch das sogenannte "Regietheater" ausreichend modernistische Schindluderei mit wertvollem Kulturgut getrieben.

 
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