| Drucken19.02.2002 

„Komponisten als Dirigenten”, Rundfunkkonzert mit Ruzicka und Mahler (Frank Sindermann)

19.02.2002 "Komponisten als Dirigenten"

Peter Ruzicka:

- Nachtstück (aufgegebenes Werk) für Orchester
- Erinnerung. Spuren für Klarinette und Orchester
- Satyagraha. Annäherung und Entfernung für Orchester

Gustav Mahler:

- Blumine
- Totenfeier

MDR Sinfonieorchester
Jörg Widmann, Klarinette
Dirigent: Peter Ruzicka


Komponisten als Dirigenten ? Neue (?) Musik im Gewandhaus

Peter Ruzickas ?Nachtstück? (1997) beginnt mit Stille. Diese wird bald von Flageolettklängen der Streicher unterbrochen. Nach mehrmaligem Neuansatz erklingt eine Ferntrompete. Einzelne musikalische Episoden verdichten sich zunehmend, bis nach einem Crescendo ein Höhepunkt mit ostinaten Motiven erreicht wird. Nach eingetretener Beruhigung werden in den Streichern erstmals melodische Ansätze vernehmlich, nachdem das Geschehen bisher eher aus punktuellen Ereignissen bestanden hat. Die Bewegung geht immer mehr zurück, bis das Stück in einer an den Anfang erinnernden Stille verklingt.

?Was will uns der Künstler damit sagen?? Nun, glaubt man seinen eigenen Worten, dann eine Menge. Ruzicka spricht von der Nacht als ?Sinnbild für die Entgrenzung des Ichs?, von einem ?Abschied?, der ?in Auflösungsfeldern thematisiert? werde. Betrachtet man die Musik unabhängig von solchen metaphysischen Implikationen, enttäuscht sie. Eine grob betrachtet dreiteilige Form, eine von Ives ?geliehene? Ferntrompete (Solist: Bernd Bartels), allerlei lustiges Schlagwerk, eine übertrieben große Orchesterbesetzung: All das wirkt wie im musikalischen Antiquariat der 60er Jahre zusammengesucht, was kein Problem wäre, hätte Ruzicka diese Elemente benutzt, um aus ihnen etwas Neues oder Individuelles zu schaffen. Leider bleibt es jedoch bei einer bloßen interpretatorischen Vereinnahmung von Altbekanntem, Originalität ist Fehlanzeige.

Was dem ?Nachtstück? fehlt, findet sich im zweiten Stück des Abends schon eher: ?Erinnerung. Spuren für Klarinette und Orchester? (2000) erweist sich als ein Werk eigener Prägung, das die klanglichen Möglichkeiten des Soloinstruments zwischen kantabler Linie und nervenzerreißendem Schrei geschickt ausnutzt. Nach solistischem Einsatz der Klarinette setzt eine sich steigernde Entwicklung ein, die abrupt abgebrochen wird. Ein neuer Ansatz wird unternommen. Tonbandeinspielungen von menschlichen Geräuschen und einer Mozartparaphrase, die später krebsgängig wiederholt werden, treten in einen Dialog mit dem Solisten, bis dieser das Stück, klanglich reizvoll mit Tuba und Streichern kombiniert, beendet. Der Klarinettist Jörg Widmann und das Orchester spielen mit großem Engagement, was Ruzickas Musik zusätzlich zugute kommt.

Setzt Ruzicka die Streicher im ?Nachtstück? und der ?Erinnerung? eher als Klangfarbe ein, sind sie in dem Stück ?Satyagraha? (?Festhalten an der Wahrheit?, 1985) von großer melodischer Bedeutung. Im Unisono eröffnen sie eine recht einfallslose Komposition, die banale Momente nicht verleugnen kann. Bis zum Überdruss spinnen die Streicher ihre Linie aus, begleitet von belanglosen Schlagzeugeffekten. Ein kurzes Crescendo führt zu einem tumultuarischen Abschnitt in lärmender Lautstärke, jetzt auch unter Mitwirkung der Bläser. Nach einem völligen Zusammenbruch setzen die Streicher erneut mit ihrer Kantilene an. Am Schluss tritt noch eine Ferntrompete hinzu, wodurch ein Bezug zum ersten Werk des Abends hergestellt wird. Dieser Bezug existiert aber leider auch in anderer Hinsicht: Beide Werke sind ähnlich langatmig, um nicht zu sagen, uninteressant. Eine nichtssagende Streichermelodie als unumstößliche Überzeugung, eine chaotische Passage als Anfechtung, eine Rückkehr des stoischen Themas als Bestätigung der Überzeugung: nicht gerade fantasiereich!

Nach der Pause widmen sich das Orchester und Ruzicka zwei eher unbekannten Kompositionen Gustav Mahlers, denen gemeinsam ist, dass sie aus Sinfoniekonzeptionen entstanden sind. Das recht kurze Stück ?Blumine? war ursprünglich ein Teil der ersten Sinfonie, bei der ?Totenfeier? handelt es sich um die Frühfassung des ersten Satzes der zweiten Sinfonie. Die Wahl, Ruzickas Kompositionen mit diesen Werken zu kombinieren, hat Vor- und Nachteile: Da Ruzicka selbst Mahler als eines seiner Vorbilder bezeichnet hat, ergibt es durchaus Sinn, Werke Mahlers mit seinen eigenen in einem Konzert aufzuführen. Andererseits ist diese Auswahl wohl mit daran schuld, dass das Konzert so miserabel besucht ist; eine Ergänzung der neuen Werke mit zugkräftigeren Repertoirestücken hätte vielleicht ein größeres Publikum mobilisiert. Künstlerisch konsequenter war aber natürlich die gewählte Lösung.

Zu den Aufführungen von ?Blumine? und ?Totenfeier? ist nicht viel zu sagen. Sie gerieten anständig, nicht mehr und nicht weniger. Der Schluss des ersteren Werkes misslang fast völlig, dafür gab es erfreuliche Soli (Oboe, Trompete) zu hören. Die ?Totenfeier? geriet insgesamt besser. Auch hier fiel aber vor allem ein Einzelmoment positiv auf, nämlich das schöne Duett zwischen Solovioline (Andreas Hartmann) und Flöte. Die links vom Dirigenten platzierten Hörner boten eine gute Leistung, die übrigen Blechbläser hatten teilweise doch so ihre Probleme. Am Ende stand, wie auch schon im ersten Teil des Konzerts, freundlicher, wenn auch nicht begeisterter Applaus.

(Frank Sindermann)

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