Steffen Kühn | Drucken16.06.2009 

Kontraste beim Bachfest

Das Leipziger Barockorchester spielt das Auftragswerk "Voyage X" von Toshio Hosokawa sowie das "Brandenburgische Konzert Nr. 5"

Das diesjährige Auftragswerk des Bachfestes setzt auf Kontraste: Bachs vielschichtige Polyphonie der Töne gegen die Singularität des einzelnen Tones traditioneller japanischer Shakuhachi-Musik. Die Musik für die japanische Bambusflöte Shakuhachi ist etwa zur gleichen Zeit wie die Bachs entstanden, während des 16./17. Jahrhunderts. Stilistisch ist sie aber denkbar weit entfernt. Es handelt sich um meditative Musik, die in Zen-Tempeln entstand. In einfaches Bambusrohr wurden Löcher gebohrt und durch kräftiges Ein- und Ausatmen ein Ton erzeugt, der für europäische Ohren einen sehr asiatischen, zum Teil pfeifenden Klang erzeugt. Die sehr farbige und signalhafte Farbe dieser Töne wurde in letzter Zeit auch immer wieder in Filmmusiken genutzt, auch in der Popmusik beispielsweise bei Peter Gabriel oder Roger Waters sind diese traditionellen Klänge zu hören.

Mit Tadashi Tajima, der in traditioneller japanischer Kleidung auftritt, hat die musikFabrik aus Köln einen renommierten Shakuhachi-Musiker als Solisten an der Seite. Tajima beginnt Voyage X mit der Erforschung eines Tones, ganz langsam wird der Ton so groß, dass man Harmonien hört, dann immer größer bis der Ton den ganzen Raum der Thomaskirche erfüllt. In ein tiefes Grummeln des Ensembles irrlichtert die Harfe und bringt immer wieder helle Farben in das Spiel. Die zwei Percussionisten attackieren heftig, langsam schwingt sich das Ensemble ein und nähert sich so dem Ein- und Ausatmen der Shakuhachi. Hosokawa zeichnet verschlungene musikalische Gebilde. Die Strukturen entwickeln sich nicht linear, kein Anfang und kein Ende. Eine Suche mit offenem Ausgang in einem sphärischen Raum. Genüsslich kann man in die Klänge hineinhorchen. Im Vordergrund der Musik stehen Bewegungen, Richtungen; Momente der konzentrierten Spannung entstehen dabei beim Zuhörer. Die Thomaskirche scheint für diese Art des richtungslosen Schwingens der ideale Ort zu sein. Viel Applaus in der leider nur spärlich besetzten Thomaskirche.

Für das Brandenburgische Konzert Nr. 5 hat man das Leipziger Barockorchester vor der Orgel auf der Seitenempore platziert, szenisch-dramaturgisch ist das sicher eine gute Idee, aber akustisch konnte diese Anordnung nicht überzeugen. Gerade nach dem satten Sound der Uraufführung wirkte die Aufführung doch sehr blass, was sicher nicht an den Musikern des Leipziger Barockorchesters lag!

Nach einem traditionellen japanischen Stück für Shakuhachi wird Voyage X am Ende des Programms noch einmal wiederholt. Im Verein für musikalische Privataufführungen, den Arnold Schönberg im November 1918 in Wien gründete, war es in den Statuen vorgeschrieben, dass Uraufführungen zweimal gespielt werden mussten. Eine Praxis, die sich nicht erhalten konnte, der vordergründig didaktische Ansatz hat sicher dazu beigetragen. Am heutigen Abend aber funktioniert Schönbergs Idee. Man hat Gelegenheit sich auf die Musik einzulassen, bis der Ton einen einhüllt, bis sich alle Gedanken auf die akustischen Aktionen konzentrieren, ein fast therapeutischer Effekt stellt sich ein, wenn da nicht das Schlagzeug immer wieder schmerzhaft für Spannung sorgen würde. Ein starker Kontrast, der beim zweiten Hören deutlicher wird und den Musikern der musikFabrik Köln und natürlich Tadashi Tajima noch einmal einen kräftigen Schlussapplaus einbringt.

Bachfest 2009
Thomaskirche Leipzig

Toshio Hosokawa: Voyage X (Uraufführung) für Shakuhachi und Kammerorchester
Johann Sebastian Bach: Brandenburgisches Konzert Nr. 5 D-Dur, BWV 1050 für Traversflöte, Violine, Cembalo, Streicher und Basso continuo
Shakuhachi: Tadashi Tajima
musikFabrik
Leitung: Ilan Volkov
Cembalo: Christine Schornsheim
Leipziger Barockorchester

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