Matthias Wießner | Drucken06.10.2002 

Dresdener Triosonaten des 18. Jahrhunderts

Ein Konzert im Rahmen der Festtage für Alte Musik

Das Abschlusskonzert der "Festtage der Alten Musik" gestaltete die Batzdorfer Hofkapelle in der Leipziger Reformierten Kirche. Das auf historischen Instrumenten spielende Spezialensemble vereinigt Musiker aus Dresden, Berlin, Leipzig und Köln. Es hat seit seinem Gründungsdatum im Jahr 1992 ein vielfältiges Repertoire, insbesondere auf dem Gebiet der Oper des frühen 18. Jahrhunderts, erarbeitet. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt bei der ebenso reichhaltigen wie weitgehend unbekannten Dresdner Opern- und Orchestermusik des 18. Jahrhunderts. An diesem Abend stellten uns die Batzdorfer Beispiele dieses Repertoires vor.

Ein vom Ensemble besonders gepflegter Komponist ist der berühmte Vertreter der neapolitanischen Oper, Nicola Porpora (1686-1768), dessen Sonate V, e-Moll aus der "Sinfonie da camera a tre" zu Beginn zu hören war. Porpora war von 1747 bis 1751 in kurfürstlich-sächsischen Diensten am Dresdner Hof. Ein Konkurrent Porporas um die Gunst des adligen Londoner Opernpublikums war in den 1730er Jahren Georg Friedrich Händel, von dem das Ensemble die Dresdener Sonate F-Dur (HWV 292) spielte.

Der aus dem schlesischen Breslau stammende Sylvius Leopold Weiss (1686-1750) wurde am 23. August 1718 zum Kurfürstlich Sächsischen und Königlich Polnischen Kammermusikus berufen. Seine Tätigkeit in Dresden als bestbezahltester Musiker am Hofe fällt in die glänzendste Epoche des sächsischen Hof- und Kunstlebens, in die Spätzeit Augusts des Starken und die ersten beiden Dezennien der Regierung Friedrich Augusts II. Weiss zählte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den berühmtesten Lautenisten Europas und war als Virtuose und als Lehrer gleichermaßen begehrt. Doch bereits zu seiner Zeit hatte die Laute nicht mehr die Bedeutung, die sie im 17. Jahrhundert vor allem in Frankreich hatte. Nach seinem Tod geriet dieses Instrument für über zweihundert Jahre fast völlig aus dem Blickfeld der Konzertanbieter. Die umfangreiche Lautenliteratur von Weiss zurück in den Konzertsaal zu holen, ist ein lobenswertes Anliegen, zumal der kontemplative Ton der von Stefan Maass gespielten Laute an diesem Abend einen Ruhepunkt zu den gespielten Sonaten mit dem Gesamtensemble bildete.

Ein weiterer fast vergessener Komponist der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist der in Dresden geborene und später am preußischen Hof wirkende Carl Heinrich Graun (1703 oder 1704-1759). Das Zärtliche, Rührende, Flehende in seiner Musik haben seine Zeitgenossen gerühmt. Von dem scheinbar auch mit "weicher Seele" ausgestattete Graun heisst es, er habe sich eine Niederlage seines Königs im Siebenjährigen Krieg so zu Herzen genommen, dass ihn eine Krankheit befiel, von der er sich nicht mehr erholen sollte. Ein kriegerisches Ereignis hatte Graun auch zu seinem Concerto für Cembalo "La Battaglia Del Ré di Prussia" angeregt. Michaela Hasselt stellte das virtuose, jedoch gar nicht so kriegerisch wirkende Stück dem Publikum vor. Die Zartheit des Cembaloklangs kontrastierte auf interessante Weise zu dem in Töne gegossenen Schlachtengemälde.

Den Konzertabschluss bestritt das Ensemble mit La Folia (RV 63) von Antonio Vivaldi. Die Folia (auch: Follia, Folie) ist ein nur aus wenigen Quellen bekannter spanisch-portugiesischer Volkstanz aus dem Mittelalter. Die Musiker der Renaissance und des Barock wurden durch die Lebendigkeit und musikalische Vielfalt der Folia zu Kompositionen angeregt, die heute u.a. als Pavane, Folie d'Espagne, Sarabande oder Chaconne bekannt sind. Diese Kunsttänze und Variationen sind oft sehr virtuos, in der mittelalterlichen Folia ist der wilde Charakter weitgehend verloren gegangen.

Die bei den Konzerten der Batzdorfer zu spürende spielerische Munterkeit und Finesse sprang an diesem Abend nicht so recht auf das Publikum über. Das mag am zahlenmäßig dürftigen Auditorium und an der doch recht kühlen Atmosphäre im Neorenaissancebau der Reformierten Kirche und den vielen leeren Kirchenbänken liegen. Ein Abend im Gohliser Schlößchen oder der Handelsbörse wäre der Barockmusik wohl dienlicher gewesen. Freuen können wir uns auf eine bereits abgeschlossene Aufnahme von Dresdener Triosonaten mit dem Ensemble.

Konzert im Rahmen der Festtage für Alte Musik in Leipzig
Batzdorfer Hofkapelle
Daniel Deuter, Wolfgang von Kessinger - Violine
Bernhard Hentrich - Violoncello
Stefan Maass, Stephan Rath - Laute
Michaela Hasselt - Cembalo

Nicola Porpora: Sonate V, E-Moll
Carl Heinrich Graun: La Battaglia del Ré di Prussia
Georg Friedrich Händel: Dresdner Sonate in F-Dur, HWV 392 F-Dur
Silvius Leopold Weiß: Suite F-Dur
Anonymos: Sonata H-Moll
Antonio Vivaldi: La Folia, Sonate D-Moll op. 1 Nr. 12 RV 63

6. Oktober 2002, Reformierte Kirche am Tröndlingring

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