Silvio Solar | Drucken17.10.2013 

Die Vielfalt des oft Totgesagten

Die Leipziger Jazztage boten dieses Jahr ein ungemein breites Programm

Joshua Redman (Fotos: Susann Jehnichen)

Es ist schon ein bisschen zu naheliegend, ein Festival demjenigen zu widmen, der das vielleicht abgegriffenste Zitat zur Jazzmusik einst von sich gegeben hat. Frank Zappas Spruch „Jazz ist nicht tot, er riecht nur komisch“ wird seit Jahrzehnten zu Rate gezogen, wenn es darum geht den Status quo der Jazzmusik zu eruieren. Dass man damit aber immer wieder das eigentliche Thema verfehlt, wird gerne vergessen. Den Beweis dafür traten dieses Jahr die 37. Leipziger Jazztage an, die an zehn Tagen ein Programm boten, bei dem die Musik nicht komisch roch oder gar klang, sondern größtenteils von im wahrsten Sinne des Wortes unerhörter Modernität geprägt war.

Den Eröffnungsabend bestritt im UT Connewitz das Eva Klesse Quartett. Eva Klesse ist der Leipziger Jazzszene nicht unbekannt. Ihre Auftritte in der Region sowie im In- und Ausland sind zahlreich und dementsprechend wird ihr Name als großes Talent mit einer vielversprechenden Zukunft gehandelt. Als besonderes Bonbon vor ihrem Konzert erhielt Eva Klesse den Jazznachwuchspreis der Marion Ermer Stiftung. Klesse war die Freude über den hochdotierten Preis und ihre daraus resultierende Nervosität eindeutig anzumerken. Was dann aber im Konzert mit Klesses Mitstreitern Evgeny Ring (sax), Philipp Frischkorn (p) und Robert Lucaciu (b) geboten wurde, war eher weniger preiswürdig. Den Kompositionen fehlte es an Drive und Spannungsaufbau. Teilweise hatte man die Struktur (vor allem bei Klesses als Aufschrei gedachtem „Nie wieder“) der einzelnen Kompositionen zu schnell verstanden, als dass man wirklich Lust gehabt hätte, dem Ganzen aufmerksam zu lauschen. Allem voran, wenn Klesse dazu völlig ohne jeden Groove Schlagzeug spielt und percussionistisch-überkandidelten Feinheiten den Vorrang gibt.

Um einiges grooviger ging es dafür bei Eric Schaefer and The Shredsz zur Sache. Schäfer widmete sich in seinem Programm einem anderen Heroen, dem an verschiedensten Stellen des Festivals gehuldigt wurde. Who is afraid of Richard W.? setzt sich mit Richard Wagner auseinander und zersetzte bekannte und weniger bekannte Melodien aus dem Wagner-Musikdramen-Universum gekonnt in einen Klangteppich aus fetten Bässen, warmen Dub-Orgelklängen und einer hallenden Trompete. Schade, dass Schaefer um einiges weniger an Applaus erhielt, als die vor ihm aufgetretene Eva Klesse. Neben der sehr mitreißenden Musik gab Schaefer auch immer wieder rasante wie kurze Exkurse in die Handlung der zitierten Wagner-Werke.

Eric Schaefer + The Shredsz

Wer in der Lage war, seine sonstigen Hörgewohnheiten völlig über Bord zu werfen, der konnte am nächsten Tag zu Supersilent noch mal ins UT Connewitz gehen. Die Norweger taten sich mit dem Gitarristen Stian Westerhus zusammen und lieferten ein krachiges Avantgarde-Gewitter. Einige konnten nicht fassen, was sie da zu hören bekamen, und hörten andächtig zu, andere suchten mitten im Konzert das Weite, so düster und fremdartig waren die Klänge. Wem von Supersilent und Westerhus noch die Ohren bluteten, der konnte sich dann einen Tag später bei Michael Wollny (p) und Heinz Sauer (ts) in der Michaeliskirche bestens verarzten lassen. Die Akustik in der Kirche war absolut überragend und ließ ein unverstärktes Zusammenspiel des Duos zu. Kein Wunder, dass man nach 80 Minuten unverfälschter Schönheit völlig beseelt die Gohliser Kirche verließ.

Um Frank Zappa kümmerte sich wieder die Band von Werner Neumann, seines Zeichens Professor für Jazzgitarre an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater. Werner Neumanns Quartett, das unter dem Namen Drei vom Rhein auftritt (wieso das Quartett so heißt, wurde im Rahmen des Konzerts in aller gebotenen Kürze erläutert), lieferte energiereiche, passable Bearbeitungen von wohlbekannten Zappa-Stücken. Leider fehlte dem ganzen der schräge (Bühnen-)Humor von Frank Zappa und somit verblasste die dargebotene Virtuosität gerne einmal hinter dem DaddyRock-Gestus der Band, die sich für einige Stücke noch Verstärkung in Form eines Bläser-Trios dazuholte.

Am Donnerstag ging es dann mit dem ersten der drei Konzerte in der Leipziger Oper in die heiße Festival-Phase. Den Anfang machte Daniel Glatzels Andromeda Mega Express Orchestra. Wer das erste Stück, die so genannte Oratüre anhörte, war erstmal ein wenig überfordert. Worauf genau soll das nun hinaus laufen? Ist das Klassik? Ist das Jazz? Oder gar etwas gehobenes Easy Listening mit gelegentlichen humoresken Aussetzern? Vermutlich trifft das alles zu. Die Musik des AMEO kann man nur schwer in Worte fassen, weil sie die Qualitäten verschiedenster Stile in sich vereint, ohne dabei jemals überladen zu wirken. Ganz im Gegenteil: Glatzels Kompositionen gehen sehr gut ins Ohr, machen Spaß und überraschen immer wieder. Unter den Fittichen eines derart begnadeten Komponisten ist es kein Wunder, dass das AMEO in aller Herren Länder zu Gast ist. Dass Glatzel auch noch absolut amüsante Ansagen zwischen den Stücken macht, funktioniert dann aber doch am besten in Deutschland, wie man am immer wieder aufbrandenden Gelächter im Opernhaus bemerkt hat.

Nanne Emilie

Im zweiten Drittel des Abends gab das Dieter Ilg Trio seine Parsifal-Bearbeitung zum Besten. Dieter Ilg ist einer der renommiertesten Bassisten in Deutschland und technisch zweifelsfrei ein absoluter Meister seiner Klasse. Schade nur, dass seine Variationen zu bieder und betulich daherkamen, um wirklich mitzureißen. Aber vielleicht war man noch zu sehr von den bombastischen Klängen des AMEO geplättet, als dass man sich diesen akustischen Kleinoden in gebührender Form hätte widmen wollen.

Nach knapp 130 Jahre alter Musik wurde es mit Bugge Wesseltoft (piano/e-piano/synth), Henrik Schwarz (elec) und Dan Berglung (b) wieder hoch aktuell. Ohne jegliche Zwischenansagen spielte sich das Trio mit schwebender Leichtigkeit durch schräge Drumloops und Grooves, die durch Mark und Bein gingen. Schade, dass bei einem nicht kleinen Teil des Publikums der Jazzbegriff an seine eng umzäunten Grenzen stieß. Wer vorzeitig den Saal verließ, hat mit Bugge Wesseltoft den neben Michael Wollny womöglich besten Pianisten des ganzen Festivals verpasst.

Am Freitag stand dann der zweite lange Konzertabend in der Oper an. Den Anfang machte hierbei der Schweizer Schlagzeuger Samuel Rohrer. Mit Claudio Puntin (cl) und Skuli Sverisson (b) zelebrierte Rohrer in ungewöhnlicher Besetzung eine Musik, die sich einem erst erschloss, als die Hälfte des Konzerts schon vorbei war. Da kann man nur hoffen, dass man noch einmal die Möglichkeit erhält, sich mit dieser Musik von irritierender Schönheit auseinandersetzen zu können.

Eher belanglos wurde es dann im Anschluss bei Nanne Emelie und Band. Die Dänin Emelie ist eines dieser Fräuleinwunder des Jazz, die es verstehen, ein größeres, eher jazzfremdes Publikum für sich vereinnahmen zu können. Das liegt wohl auch an der völlig uninspirierten Themenauswahl für ihre Songs (Liebe, Familie, Geschlechterunterschiede und die Folgen des 11. Septembers!). Alles große Themen, die in ein arg biederes Korsett geschnürt werden. Des Öfteren wünschte man sich, Nanne Emelie möge aufhören zu lächeln und ihren Musikern mehr Raum geben. Immerhin punktete Niels Thybo am Piano mit ein paar Soli.

Eva Klesse

Pure Euphorie hingegen herrschte bei Joshua Redman, der den letzten Teil des Abends mit seinem Quartett bestritt. Bei vier derartig mitreißend spielenden Überprofis trennt sich die Spreu eindeutig vom Weizen, allerdings muss auch gesagt werden, dass Redman neben seinen genialen Sidemen (hier sind vor allem Aaron Goldberg am Piano und Gregory Hutchinson am Schlagzeug über den grünen Klee zu loben) mit seiner manchmal verhuschten Intonation ein wenig verblasst. Die stehenden Ovationen am Ende des Konzerts waren trotzdem absolut gerechtfertigt.

Abschließend sei noch auf zwei Acts des Konzerts am vorletzten Tag der Jazztage hingewiesen. Mike Svoboda und sein Quartett lieferten einen Ausschnitt aus ihrem Programm 14 Versuche, Wagner zu lieben. Mike Svoboda (tb), der neben seinem umfangreichen Wissen über Wagner auch für sich verbuchen kann auf Frank Zappas letztem Album The yellow Shark mitgewirkt zu haben, lieferte einen ziemlich schrägen Beitrag zum Festival. Konzeptionell haben sich einem die Versuche kaum erschlossen. Einen gewissen Humor, der durchaus auch zappaeske Züge trug, konnte man dem Unternehmen unter anderem Nietzsches Gedanken zu Wagner zu vertonen, nicht absprechen.

Pure grandezza gab es dann im Anschluss bei Carla Bley. Die amerikanische Pianistin ist eine der wenigen Frauen, die sich als Instrumentalistin wie Komponistin über Jahrzehnte hinweg in der internationalen Jazzszene behaupten konnte. Man mochte bei vielen Stücken seinen Ohren gar nicht trauen, als man heraushörte, wie unglaublich genau Bley sie für ihr Trio komponiert und arrangiert hat. Ihr Bassist und Lebenspartner Steve Swallow brillierte dabei dank seines lyrischen Bassspiels, während der Saxophonist Andy Sheppard die Kompositionen elegant zu ihrer vollen Schönheit brachte. Es mag ja durchaus zutreffen, dass Carla Bley rein technisch betrachtet keine Pianistin von gigantischer Virtuosität sein mag. Ihr nahezu gänzlich autodidaktisch erlerntes Können bezieht seinen Charme aus der Süffigkeit ihrer Kompositionen, die einem nicht so schnell aus dem Kopf gehen. Die Vielfalt an Ideen erscheint bei der zerbrechlich zarten Carla Bley nahezu unendlich. Alleine dafür gebührt ihr ein Platz im Olymp der unsterblichen Jazzhelden.

37. Leipziger Jazztage

27. September bis 6. Oktober 2013

Leipziger Jazztage

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