| Drucken03.01.2001 

Leipzigs Aufstieg zur modernen Musikstadt

Ein Forschungsprojekt am Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig

Der eminente Rang von Leipzigs musikalischer Tradition ist unumstritten. Gerade im vergangenen Jahr war der 250. Todestag von Bach wieder Anlass, Leipzig als Musikstadt ins Zentrum der Publizität zu rücken. Freilich scheint die übermächtige Ausstrahlung der musikalischen Stadtheiligen - Bach und Mendelssohn - den Blick auf andere, musikgeschichtlich nicht minder relevante Personen und Perioden ein wenig zu erschweren. Was zum Beispiel zwischen Bach und Mendelssohn in Leipzig geschah, wird kaum, und wenn, dann nur partiell, thematisiert. Oft genug beschränkt sich die Rückbesinnung auf regelmäßig wiederkehrende Jubiläumsfeiern.

Gerade die Zeit zwischen Bachs Tod und dem Engagement von Mendelssohn als Gewandhauskapellmeister ist eine der fruchtbarsten Perioden in der Musikgeschichte der Stadt, weil in dieser Zeit die musikalischen Institutionen entstanden, die das moderne, in wesentlichen Zügen bis heute erhaltene Musikleben bestimmen. Nun trägt leider auch die Spezialisierung in den Wissenschaften wenig dazu bei, von einer Epoche im Ganzen, zumal wenn sie durch keine übermächtigen Einzelerscheinungen der Werk- und Ideengeschichte dominiert wird, ein komplexes und dennoch nuanciertes Bild zu erstellen.

Aus diesem Grund und auch, weil Arnold Schering, der wichtigste Chronist der Musikgeschichte von Leipzig, seine Darstellung mit dem Jahr 1800 enden lässt, wurde am Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, welches Musikleben und Musikbewusstsein dieser Stadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts systematisch erschließen soll. Das besondere Interesse gilt dabei dem Zusammenspiel einer neuen Form von musikalischer Publizistik, die mit der Gründung der Allgemeinen musikalischen Zeitung 1798 ihren Anfang nahm, und der Entwicklung des Musiklebens, welches vor allem durch die ebenfalls neue Form eines öffentlichen Konzertwesens geprägt wurde. Entscheidend ist dabei auch die Rolle, die das städtische Umfeld und die seit jeher einzigartige Verknüpfung (mit all ihren positiven wie negativen Konsequenzen) verschiedenster Institutionen und Personen in Leipzig spielt.

Eine methodologische Herausforderung ist hierfür die Untersuchung der zeitlich simultanen, vom Niveau her jedoch durchaus "ungleichzeitigen" Entwicklungsstufen in der Werk-, Ideen- und Institutionengeschichte, die in den bürgerlichen Gremien des Musiklebens und der Publizistik auf engstem Raum miteinander konfrontiert waren. Gilt es doch hier, das komplexe Bild eines Zeitabschnitts zu entwerfen, in den die Entstehung des klassischen Werkkanons (u.a. die Beethoven-Rezeption des Gewandhauses) und dessen vorwiegend romantische Deutung (u.a. Hoffmann in der AMZ) durch die Zeitgenossen fällt. Dazu gehört nicht zuletzt auch die Entstehung des Historismus in der Musik und die beginnende Divergenz von artifizieller und Unterhaltungsmusik. Und hinter all dem steckt jenes im 19. Jahrhundert beginnende neue Bewusstsein für die allgemeine Bedeutung der Musik und jene ebenfalls neue Identität des Künstlertums, die noch heute unser größtenteils "bürgerliches" Kunstverständnis in großem Maße prägen.

Mit der Ausrichtung einer Konferenz im September 2001 (21.- 23. 9.) beabsichtigt nun das Leipziger Institut für Musikwissenschaft, die besagte Problemstellung im Vergleich verschiedener städtischer Entwicklungen in Deutschland und Europa zu diskutieren. Dabei besteht die Hoffnung, dass bestimmte Tendenzen der Entwicklung zu Tage treten, die sich über ihre lokale Bedeutung hinaus verallgemeinern lassen. Neben den Fachkollegen aus dem deutschen Raum und den Mitarbeitern des Projekts werden Wissenschaftler von österreichischen, schweizer und amerikanischen Universitäten an der Veranstaltung aktiv teilnehmen.

Leipzigs Aufstieg zur modernen Musikstadt - Bürgerliches Musikleben und musikalische Publizistik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Ein Forschungsprojekt am Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig

Projektleiter: Prof. Dr. Wilhelm Seidel

wiss. Mitarbeiter:
Dr. Wolfgang Gersthofer
Doz. Dr. Lothar Schmidt
Susanne Krostewitz
Marcus Erb-Szymanski


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