Sarie Teichfischer | Drucken20.08.2005 

"Komm, da ist mehr!"

Live-Musik und mehr bei dem Internationalen Musikfestival Grimmaer „LiederFlut”

Ich habe Grimma kurz nach der Flut im Sommer 2002 gesehen. Und bin seitdem jeden August da, auch dieses Wochenende zur zweiten LiederFlut. Jedes Jahr ist das Stadtbild stimmiger. Was man bei einem Blick ins Festival-Programmheft auch von der Auswahl der Künstler behaupten kann. Einige deutsche Rock- und Popgrößen, Musiker aus aller Herren Länder und - da kann man Gesa Pankonin vertrauen - genug Kleinode, die es zu entdecken gilt.

Während am Freitag der Regen pünktlich zum Konzertbeginn von Veronika Fischer einsetzt, zeigt sich das Wetter am Samstag kooperativ: Zu Olaf Schubert in die Klosterkirche gehe ich aus Interesse, nicht, weil die Nässe mich dazu zwingt. Aber selbst dann wäre ich dankbar dafür gewesen: Schubert in Hochform, piepsige Stimme und Wunderpullunder, singt von heterosexuellen Detlefs, erzählt von "dramaturgischem Trockenbau". Das Publikum sitzt dicht gedrängt und ist begeistert. Ich auch, fühle mich plötzlich sehr an meinen Mitbewohner Martin erinnert. In den Straßenmusikern zwei Gassen weiter erkenne ich Bekannte wieder, man ahnt ja nicht, was aus Leuten so wird! Die Barley Brothers aus Dresden zum Beispiel: Mit einem sehr souveränen Sänger (und recht originalem Dublin accent) ausgestattet, sind sie die Master der Fußgängerzone; der deutsche Passant lässt sich zum Klatschen hinreißen, wippt mit dem Fuß und rückt auf Zuruf bereitwillig näher. Wenn das nix ist!

Ein halbes Stündchen später auf dem Weg zur Schlossbühne: Klostergasse trostlos, sehr verlorene fünf Stände, der Crepes-Verkäufer lässt sich seine schlechte Laune zu sehr anmerken. Hier zeigt sich, dass die LiederFlut dieses Jahr in den Dimensionen etwas zurückgenommen wurde. Das Programmheft ist diesmal in einer Wochenendbeilage der Leipziger Volkszeitung untergebracht, die Bühne auf der Muldenwiese fällt weg und damit auch die romantische Bootsfähre vom Technischen Hilfswerk. Gerade die letztes Jahr größte Bühne in den Muldenwiesen hatte ja dieses große, dieses Festival-Flair versprüht. Ihre Abstinenz lässt beim Besucher teilweise mehr Volksfest- als Festivalstimmung aufkommen. Mag auch am Publikum liegen: Durchschnittsalter um die 40, Kinder ausgenommen. Bei den Hardcore Hippies aus Torgau sitzt man an Biergarnitur-Tischen und kaut an seiner Bratwurst, da kann man als Sänger noch so sehr Elvis-Anleihen haben, da geht stimmungsmäßig einfach nix. Schade!

Gegen fünf auf dem Weg zu einem der Höhepunkte des Wochenendes - aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht - streife ich vor der Frauenkirche eine Menschenmeute, die sich um Dizzy Spell geschart hat. Menschen im Regen- oder Jeansjacken-Partnerlook, jauchzende Kinder; ein älteres Paar tanzt, er mit dem leeren Kindertragegestell auf dem Rücken. Straßenmusik scheint sich dieses Jahr auf traditionelle Irische Klänge spezialisiert zu haben.

In der Frauenkirche dann - wie sich das gehört - vier weibliche Persönlichkeiten. Suden Aika aus Finnland singen in der Tradition der Runen, aber nicht nur das: Sie erzählen in einer fremden Sprache, die den Zuschauer alles verstehen lässt. Ich schließe die Augen, so wie die Sängerinnen auch und gebe auf, meine Gänsehautschauer zu zählen. Hatte einige Tage vorher etwas von einer Schule für "vocal arts" gelesen, jetzt weiß ich, was gemeint war. Außer, dass die Damen von Suden Aika keine Schule dieser Art brauchten. Bei den Ansagen sprechen sie gebrochen deutsch, und man weiß gar nicht, warum sie das jetzt auch noch können. Wer die Geschichte der Kirche kennt, wird während dieses finnischen Wunders an ein anderes denken: Vor drei Jahren, als das Wasser die Lange Straße entlang geschossen kam, retteten sich 50 Menschen, unter ihnen ein Säugling, auf die Empore über uns. Nach Stunden der Angst und Ungewissheit wurden sie mit Booten befreit. Nach dem Gedenkgottesdienst mit Jürgen Fliege vor drei Jahren ist das jetzt wohl die wahre Andacht.

Das ist Brillianz, sehr unangestrengt und in höchstem Maße intensiv. Zum Abschluss singen die Finninnen ein 20-minütiges episches Gedicht. Sie schrecken vor keiner Art von Gefühl zurück, sie leben alles aus, jetzt und hier in dieser Kirche, die ein finnischer Wald zu werden scheint. Erschrockenheit und Verwunderung in Männergesichtern; soviel ursprüngliche weibliche Kraft ist selten. Ergebene Frauengesichter in den Holzbänken - sie sind gar nicht so lange her, die "Zeiten des Wolfes". Nach unendlicher und trotzdem viel zu kurzer Zeit voll Harmonie, Klagen, Jubel, Wut und Schönheit kommt der Applaus des sich aus den Bänken erhebenden Publikums wie eine Erlösung; die eigenwilligste der Sängerinnen öffnet nur mit Mühe die Augen - ich hätte gern noch etwas von ihrer Geschichte gehört.

Etwas unwillig schleppe ich mich zum nächsten Programmpunkt, Ulla Meinecke auf dem Markt, schlendere aber nach kurzer Zeit weiter zur Schlossbühne, wo eine betörend schöne Sizilianerin Weisen aus 1001 Nacht singt. Mocca d´Oro bleibt trotzdem Hintergrundmusik; vielleicht hält sich die Sängerin zu sehr am Mikrofonständer fest. Dann lieber noch im Städtchen rumlaufen und mal zum Muldenufer gucken gehen. Alles sehr lieblich, sehr neu durch den Wiederaufbau nach dem Hochwasser, winzige Gassen, breite helle Pflasterstraßen. Omis mit Kopftüchern in Hinterhöfen, Wegwarte vor geduckten Häusern. Um neun schaue ich bei Kick la Luna in der Klosterkirche vorbei - sehr angenehm das. Im hinteren Teil des Kirchenschiffs wird diskutiert, geschwatzt und gelacht; ich entdecke zwei Studenten aus Leipzig und kriege einen Luftballon an den Kopf geschmissen. Der Dreikäsehoch feixt und trollt sich.

Halb zehn - ich will eigentlich zu Safi & 7süß - lenke ich meinen Schritt an der Marktbühne vorbei. Stimmung ist gespannt, Instrumente sind gestimmt, da springt dieser Lulatsch mit fliegender Mähne auf die Bühne und bleibt. Genauso wie der Kaugummi in seinem Mund beim Singen. Ich gebe zu, ich bin gebannt; das isser also, Wolf Maahn. Bin vom erstem Moment an Fan, dieses Grinsen sagt FEIERN: Grimma, die Musik und sich selbst. Danke für soviel Selbstironie! "Weil ich wegflieg, wenn Du schmunzelst" - ja, so kann man das auch sagen. Beim "Blinden Passagier" klart der Himmel auf, Gänsehaut trifft Sternschnuppe.

Reiße mich zwischendurch los, um Safi auf der Schlossbühne noch für zwei Songs zu erleben: What a voice! Und was für starke Texte! Das Publikum scheint das nur sehr eingeschränkt zu erkennen, was für eine Verschwendung! Vermutlich rocken die musikverständigen Besucher soeben mit Wolf Maahn noch den Markt. Der mdr-Mensch mit seiner stocksteifen Ansage gehört leider nicht in die vordersten Reihe der Stimmungsmacher, hat aber was von antiquiertem Charme. Während die Transsylvanians ihren Kram aufbauen, klimpert Jack Johnson aus den Boxen - würde mich gar nicht wundern, ihn zwischen Schlagzeugteilen und Verstärkern leibhaftig auf der Bühne sitzen zu sehen. Nur wüsste das außer mir hier wohl kaum jemand zu würdigen. Schnipse also fix noch mal zum Markt rüber, wo Wolf sich gerade in genau so einen roten Ledermantel wirft, wie ich ihn heute trage. Ich wusste, da ist Seelenverwandtschaft... . Zugaben sind kein Problem; Müdigkeit schnell hinter die Bühne geschmissen und noch etwas gerockt. Die Transsylvanians hinterher auf der Schlossbühne haben bei mir keine Chance mehr, trotz Teufelsgeiger, der sein Instrument lässig am Brustbein abstützt. Sollen sich doch die anderen die Wirbelsäule stauchig tanzen.

Sonntag ist Entspannungstag, man sitzt etwas ratlos auf dem Markt rum, hält sich an Regenschirm und heißem Kaffeebecher fest. Die Frau auf der Bühne ist ein Star in ihrem Heimatland Zypern und wirkt unmotiviert - ach so, das war nur der Soundcheck. Im Rathaus schaue ich mir Fotos an vom August 2002, scheint Jahrzehnte her, wenn man Grimma jetzt sieht. In Marthas Schmiede beteilige ich mich am letzten Workshop des Festivals; Elke Voltz verschafft uns Löwenstimmen und neue Lieder, den Kameramännern vom mdr wird´s bald zu laut und unzivilisiert. Ines Agnes Krautwurst im Team mit Stephan König hab ich mir noch angestrichen im Programm, stolpere schon auf dem Weg zur Klosterkirche, versuche drinnen zuzuhören, kann aber irgendwie nicht mehr und komme mit dem Lockenkopf neben mir ins Gespräch. Die Kinderwiese am Muldenufer gucke ich mir noch an, dann schleppe ich mich ins Auto und von da direkt ins Bett. Und, genau wie letztes Jahr, habe ich das gute Gefühl, viel Neues entdeckt und trotzdem genug verpasst zu haben, um nächstes Jahr wieder herzukommen. 12.000 Leute waren da. Wie hat Wolf gesagt? "Komm, da ist mehr!" Bitteschön, es liegt nur an Euch - wenn der Stadtrat von Grimma sein "ja" gibt: Mitte August nächstes Jahr!!

Grimmaer LiederFlut

12. bis 14. August 2005, Grimma

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