Steffen Kühn | Drucken10.04.2013 

Erforschung von Grenzbereichen

Die musikalische Reihe „MaerzMusik 2013“ wusste in Berlin weitestgehend zu begeistern

Slagwerk Den Haag (Foto: Elisabeth Melchior)

Der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender und Matthias Osterwold, der künstlerische Leiter von MaerzMusik, betonen in ihrer Eröffnungsrede besonders den Untertitel: „Festival für Aktuelle Musik“. Bewusst verweigert man sich der allgemein üblichen Bezeichnung Neue Musik, dabei das „N“ stets großgeschrieben. Ein Versuch den üblichen Kanon von E- und U-Musik, von Klassik und Neuer Musik zu verlassen. Kategorisierungen aufzubrechen, ja das ist innovativ und das ist Kunst im eigentlichen Sinn. Doch wenn jemand ausbricht muss er eine Idee haben, wo er hin will. Welche Themen setzt MaerzMusik 2013? Drei thematische Stränge verspricht uns Matthias Osterwold: Schlagwerke, Drama-Monodrama-Melodrama und (Um-)Brüche: Türkei-Levante-Maghreb. Das ist reichlich für ein Festival von neun Tage, außerdem darf man sich noch auf spannungsvolle Verflechtungen dieser Stränge freuen.

Das Festival beginnt mit dem Schlagzeugstück Timbre von Michael Gordon. Frei schwingend aufgehängte Holzbalken werden mit Holz- und Metallhämmern angeschlagen. Die sechs Mitglieder des Schlagwerkensembles Slagwerk Den Haag versetzen diese ungewöhnlichen Instrumente in kontemplative Schwingungen. Dieser trockene und obertonreiche Klang kommt ursprünglich aus den orthodoxen und katholischen Kirchen Mittel- und Osteuropas. Gordons Stück arbeitet mit changierenden musikalischen Strukturen, er stützt sich auf nur zwei dramaturgische Gegensätze, Auf- und Abschwellen und Hoch-Tief. Für das 60-minütige Stück ist das zu wenig, es baut sich kaum eine dramaturgische Entwicklung auf, der kontemplative Charakter wird von der elektronischen Verstärkung des Klanges und vom ringförmigen etwas banalen, auf- und abschwellenden Bühnenlicht gemindert.

Wer die Schlagwerkstücke von Xenakis kennt vermisst schmerzlich das Spannende und Rohe einer auf rhythmische Prozesse basierenden Struktur. Nach einer Stunde Pause geht es am Eröffnungsabend mit Stücken für Schlagzeug-Duo von Christian Wolf weiter.

Robyn Schulkowsky und Joey Baron- zwei kongenial aufeinander hörende Improvisationsschlagzeuger versetzen den großen Saal im Haus der Berliner Festspiele in eine knisternde Atmosphäre. Mit viel Humor interpretieren sie die offenen Partituren von Christian Wolf. Wolfs Denken ist dem des Giacinto Scelsi verwandt, ihn interessiert der „Klang an sich“, deshalb werden bei ihnen auch die Pausen so wichtig. Pausen in denen sich der Klang entfalten kann. Der Klang an sich, befreit von gewohnten harmonischen und rhythmischen Systematiken-das ist er, der Ansatz von MaerzMusik.

Nun ist MaerzMusik 2013 von manchen Stellen der Spiegel der Beliebigkeit vorgehalten worden. Schlagwerker und Musik zu bewegten Bildern, wie passt das zusammen?

Im Stummfilmtheater Delphi in Berlin Weissensee erleben wir am 18. März 2013 Gene Coleman, er hat sich im ersten Teil des Programms mit der Idee des amerikanischen Erfinders, Architekten und Schriftstellers Richard Buckminster Fuller auseinandergesetzt. Sein Werk Spital Network läuft vor Videoprojektionen nach Konzepten von Fuller, phantastische Architekturen werden mit japanischen Schriftzeichen überlagert, zu gigantischen Konstruktionen, die vage an den Berliner Hauptbahnhof erinnern, erklingt die Uraufführung der Partitur, die mit Stimmen, Shō, Koto, Bassklarinette, E-Gitarre, Violoncello und Elektronik besetzt ist. Die Verortung im Delphi gelingt sehr gut und auch das zweite Stück A Page of Madness zu einem Stummfilm von Teinosuke Kinugasa aus dem Jahre 1926 wird durch das Ensemble sehr gut in Szene gesetzt.

Aber MaerzMusik kann auch klassisch. Am 19. März ist das Ensemble Resonanz im wunderbaren Kammermusiksaal der Philharmonie zu erleben: das mit Schlagwerke überschriebene Programm präsentiert Werke von Furrer, Mundry, Mitterer und Poppe. Wo Beat Furrer erwartungsgemäß sehr akademisch rangeht, erwartet uns mit dem Stück Depuis le jour von Isabel Mundry eine überraschende Assemblage von Historie und Moderne. Mundry kombiniert ihre eigene zeitgenössische Herangehensweise mit Zitaten aus der Musikgeschichte. In Depuis le jour hat sie weltliche Choräle des niederländischen Komponisten Jan Pieterzoom integriert. Überraschend wie die ersten Linien der vokalen Vorlagen auftauchen, wie sich aus der Gruppe abstrakter Musik plötzlich formale Fixpunkte aufbauen. Mundrys Stück endet mit raschelndem Papier und sich auflösendem Kratzen –großartig wie das Stück am Ende einfach in sich zusammenfällt.


Gene Coleman - A Page of Madness (Foto: AliGhandtschi Berliner Festspiele)

Solcherart akademische Überlegungen waren vom Konzert im Berghain am 20. März nicht zu erwarten. Wormholes ist ein audiovisuelles Projekt von Mazen Kerbaj und Sharif Sehnaoui. Der Maler, Comiczeichner, Autor und Musiker Mazen Kerbaj hat sich ein Set überlegt, mit dem er interaktiv auf die Klänge von Sharif Sehnaouis Gitarre reagieren kann. Farben werden auf einer Glasfläche ständig in Bewegung gehalten. Aus zufälligen Figuren, Live –Situationen werden durch Überwischen, durch die Veränderung durch Lösungsmittel abstrakte Texturen. Kerbaj verändert seine visuellen Improvisationen mit Trinkhalmen, als Blasrohr umfunktioniert treibt er die Bewegungen der Flüssigkeiten auf seinem Surface über Videoprojektionen auf eine große Leinwand voran. Die dabei entstehenden Blasgeräusche schlagen den Bogen zu Sehnaouis akustischer Welt. Die Gitarre wird auf den Knien liegend als Schlagwerk benutzt. Mit winzigen Sticks entstehen energische, mal ruhige Klangstrukturen. 45 Minuten lang dauert diese Performance und solcherart 45 Minuten können ganz schön lang sein. Die beiden Performer sprechen laut Programmheft vom „Versuch einen bestimmten Abschnitt in Zeit und Raum zu modifizieren, in der Hoffnung einen Korridor zwischen zwei künstlerischen Disziplinen zu öffnen und jeder von beiden künstlerisch Gehalt zu geben“. Die akustischen und visuellen Effekte der beiden aus Beirut stammenden Künstler schaffen es leider nicht, das Versprechen einzulösen. Solcherart Performances haben sich in den letzten Jahren verbraucht, in den 80ziger Jahren hatten sie ihre Zeit, um tradierte Sicht- und Hörweisen aufzubrechen. Eine gute Idee war sicherlich diese Veranstaltung ins wunderbare Ambiente des Berghain zu verlegen. Der raue Charme dieser Industriearchitektur hat sicher viele Besucher angezogen, überdies könnte man sich den mit Farben verschmierten in T-Shirt und zerrissener Jeans agierenden Sharif Sehnaoui auch schwerlich in der Philharmonie vorstellen.

Gegensätzlicher könnte das Konzert am Tag darauf im großen Saal des Konzerthauses Berlin kaum sein. Die Speerspitze der westeuropäischen Avantgarde: Klangforscher Helmut Lachenmann, der früh verstorbene Messiaen-Schüler Jean-Pierre Guézec und der Extrembergsteiger der zeitgenössischen Musikliteratur Brian Ferneyhough. Welch Kraftakt Lachenmanns Air – Musik für großes Orchester und Schlagzeug-Solo, Guézec´s Formes –Musik für Orchester und Ferneyhoughs Firecycle Beta – symphonisches Torso für zwei Klaviere und Orchester mit fünf Dirigenten an einem Abend auf die Bühne zu bringen. Das ist Musikgeschichte zum Anhören, in drei langen Pausen zwischen den drei nur jeweils ca. 20 Minuten kurzen Stücken hat man dann genügend Zeit sich mit dem höchst artifiziellen Kompositionen auseinanderzusetzen. Die Pausen sind notwendig um die Bühne für die aufwendigen Stücke jeweils neu zu präparieren. Arturo Tamayo, Dirigent des heutigen Abends, hat es jedes Mal mit einem kompletten Orchesterapparat und den jeweiligen Solisten zu tun.

Lachenmanns Air lebt vom Schlagzeug und heute besonders von der wunderbar lustig-agierenden Robyn Schulkowsky. Die aus South Dakota stammende Multiperkussionistin stürzt sich mit Verve in die Grenzbereiche zwischen Geräusch und Klang, in die grauen Zonen zwischen notierter Musik und Improvisation: Stöcke sausen durch die Luft bevor sie lustvoll zerbrochen werden, Glocken in allen denkbaren Ausformungen werden mit Holzsticks angeregt. Der Orchesterklang bleibt dabei sekundär, die verschlungenen Pizzicatos laufen nach. Aktion und Stille, zwischen diesen Polen bewegt sich Air. Ganz anders Jean-Pierre Guézec´ Formes , das Stück kommt aus der Schule Messiaens, eine kräftige an Klangfarben interessierte Musik. Im finalen Orchestertutti verliert Arturo Tamayo den roten Faden der Partitur, die Transparenz geht etwas verloren, in dem wohl gut 100-köpfigen Orchester.

Im letzten Stück bekommt Tamayo dann noch Unterstützung von vier Dirigentenkollegen. Ferneyhough´ Firecycle Beta ist ein Paradebeispiel für die hochkomplexe Musik des englischen Komponisten Ferneyhough. Vier Klanggruppen sind in einen räumlichen Zusammenhang auf der Bühne verteilt, zwei Streichergruppen und zwei heterogene Gruppen die sich jeweils an den beiden Soloinstrumenten, den Flügeln ,verorten- insgesamt acht Schlagzeuger benötigt die Partitur. In der intelligenten Dramaturgie des Abends sind wir jetzt im energetischen Zentrum angekommen. Das Stück entwickelt eine Sogwirkung aus der Überlagerung von musikalischen Texturen der vier Gruppen. Wie bei Stockhausens genialem Stück für Orchester Gruppen wird das sonst Statische und Lineare von Musik aufgebrochen. Unterschiedliche Konkretisierungen des gleichen Konzepts bewegen sich im Raum, wie eine vierte Dimension. Frenetischer Applaus an die anwesenden Lachenmann und Ferneyhough, ein außergewöhnliches Konzert für Neue Musik Freaks, das muss man ehrlicherweise anfügen. Der normale (klassische) Konzertbesucher wäre damit sicher überfordert gewesen. Aber dafür gibt es Festivals wie MaerzMusik. Das Versprechen Grenzbereiche zu erforschen hat das Team um den künstlerischen Leiter Matthias Osterwold 2013 ganz und gar eingelöst. Mit dem Thema Türkei-Levante-Maghreb hat sich MaerzMusik einem ganz neuen Thema, der intuitiven Musik geöffnet, im Kontrast mit den westeuropäischen Musikern und Altmeistern ein spannender Ausblick in die Zukunft!

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