Steffen Kühn | Drucken17.04.2014 

Magic Gongs im Kraftwerk Berlin

Unspektakuläres in spektakulärer Turbinenhalle: „Lover“ von Christian Jost

Aufführung von "Lover" (Foto: Matthias Heyde)

„Wir nehmen das Beste vom Rundfunkchor Berlin und bringen es zu einer Synthese mit dem Besten vom U-Theatre Taiwan“, erläutert Christian Jost das Konzept für sein neues Stück Lover. Christian Jost ist seit den 90ziger Jahren regelmäßig in China und Taiwan unterwegs, geprägt ist er durch die westliche Musikkultur und darf sich als einer der meistgefragtesten Komponisten seiner Generation (geb.1963 in Trier) bezeichnen.

Im Programmheft steht das Thema Europa-China/Taiwan im Fokus. Bis ins 13. Jahrhundert, in die Zeit der christlichen Missionen geht man zurück, Marco Polos Reiseberichte dürfen nicht fehlen, sehr interessant ist die Analogie zur chinesischen Kulturrevolution, als in China russisch-sowjetische Sinfonik das Vorbild der akademischen Musikerziehung war.

Westlich geprägte asiatische Komponisten wie Tan Dun oder Toshio Hosokawa setzen sich seit vielen Jahren erfolgreich mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der europäischen und asiatischen Kulturtraditionen auseinander. Tan Duns und Toshio Hosokawas Werke arbeiten an den Rändern der jeweiligen Traditionen und erreichen dadurch häufig eine Synthese von europäischer und asiatischer Musik. Christian Josts Musik erreicht ihre Wirkung entgegen seiner verbalen Ankündigungen durch starke Kontraste: Die chinesischen Schlaginstrumente werden von den Akteuren des U-Theatre Taiwan in Szene gesetzt. Die agilen Künstler des U-Theatre und deren Gründerin Ruo-Yu Liu trennen nicht zwischen Musik, Tanz und Theater. Aus der Bewegung des Trommelns werden dicht choreografierte Szenen entwickelt, die meist ausdruckslosen Gesichter aus der Tradition des japanischen NO-Theaters werden von farbigen Kostümen kontrastiert. Es gibt zwei Gruppen von Schlaginstrumenten. Klangfarbeninstrumente sind Vibraphon, Klangschalen und Gongs. Die Gongs reichen von kleinen Zimbeln und Cloud Gongs bis zu den markerschütternden Magic und Monk Gongs. Die Rhythmusinstrumentengruppe besteht aus Trommeln aller Größen, die durch unterschiedliche Spieltechniken und Schlegel unzählige Nuancierungen entwickeln.

Blick ins leere Kraftwerk Berlin (Foto: Fineartberlin)

Die Akteure des U-Theatre Taiwan beschäftigen sich neben dem Drumming täglich in Meditation und Kampfkunst. Präzise wie in einem Uhrwerk verschmelzen die Einzelaktionen zu einer konzertierten Aussage und erreichen eine fulminante Wirkung. Der Gegensatz zu den in traditioneller europäischer Chorkleidung auftretenden Sängerinnen und Sängern des Rundfunkchores könnte nicht größer sein. Vielleicht Grund dafür, dass sich im Programmheft nur Fotos von den Akteuren des U-Theatre finden. Der sechsstimmige Chorsatz umfasst Bass, Bariton, Tenor, Alt, Mezzosopran und Sopran. Der Übergang zwischen den Stimmen ist extrem ausdifferenziert, auch in der Rhythmik arbeitet Christian Jost mit fließenden Übergängen. Das führt im Kontrast zu den Schlaginstrumentensatz dazu, dass die Aktionen des Chores in den Hintergrund treten und die Aktionen des U-Theatre lediglich illustrieren, zum Teil ergänzen, aber selten eigene Akzente setzen.

Das Kraftwerk Berlin, zeitgleich mit der Berliner Mauer errichtet, wurde 1996 stillgelegt. 2006 zog in Teilen der Technoclub Tresor ein, seit 2010 etabliert sich die gigantische hundert Meter lange Turbinenhalle als die Berliner Eventlocation. Wer den Charme und die überwältigende Maßstäblichkeit des Berghain kennt, darf sich die Turbinenhalle als den großen Bruder des Berghain vorstellen. Auf drei Ebenen stehen cirka 8.000 m2 zur Verfügung, die Ebenen sind durch Lufträume und Sichtachsen miteinander verbunden. Dieser Raum erzählt immer noch von seiner ursprünglichen Bestimmung, Energie und Wärme zu erzeugen. Durch die verschrundeten Wände, Decken und Stützen scheinen immer noch Energieströme zu fließen.

Energie-und Energieströme sind auch das Thema von Lover, es geht um den immanenten emotionalen und energetischen Austausch zwischen Liebenden. Ein chinesisches Gedicht aus dem Buch der Lieder (Teil der fünf Klassiker des Konfuzianismus) und fünf Gedichte von e.e.cummings bilden das Libretto von Lover. Liebesbeziehungen leben von den Spannungen die entstehen, die Balance zwischen unterschiedlichen Prägungen, Vorlieben und Möglichkeiten herzustellen. Spannung und Energie, Anziehung und Abstoßen, zwischen diesen Polen changieren die Aktionen. Die Musik ist im weitesten Sinne tonal notiert, durch die feine Ausdifferenzierung erreicht sie die Dichte historischer Oratorien. Der Chor agiert vor dem Publikum, hinter den Akteuren des U-Theatre, in einem Bild agiert der Chor in den Seitenschiffen der Turbinenhalle direkt neben dem Publikum. Da besonders konnte man sich von dem transparenten Klang des Chores ein Bild machen. Durch die ausschließliche Instrumentierung mit Schlagzeug müssen die Sängerinnen und Sänger ein gewaltiges a-cappella Stück zu bewältigen.

Am Ende nach cirka 70 Minuten weiß man nicht recht, was man von dem Zauber der Aufführung halten soll. Inhaltlich und textlich nimmt man ohne das Studium des Programmheftes nicht viel mit. Musikalisch bewegt sich das Stück im Unspektakulären, spektakulär sind der gewaltige Raum der Turbinenhalle und die agilen und farbigen Akteure des U-Theatre. „Broadening the scope of choral music“ – das Versprechen des Rundfunkchores ist in jedem Fall eingelöst, allerdings ist die Chormusik durch das gewaltige Raumerlebnis und das taiwanesische U-Theatre heute etwas kurz gekommen.

Lover

Musik-Tanztheater für gemischten Chor und Schlaginstrumente von Christian Jost

Regie: Ruo-Yu Liu

Choreografie Schlaginstrumente: Chih-Chun Huang

Musikalische Einstudierung: Christian Jost & Nicolas Fink

Bühne/Licht: Keh-Hua Lin

Kostüme: Johan Ku

Bühnenelemente: Yu-Wen Chiu

Regie/Mitarbeit: Jasmina Hadziahmetovic

U-Theatre Taiwan

Rundfunkchor Berlin

Dirigent: Christian Jost

5. April 2014, Kraftwerk Berlin


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