| Drucken01.06.2001 

Mahler-Zyklus (4) (Juliette Appold)

Gewandhausorchester, Dirigent: Herbert Blomstedt
Solisten
Frank-Michael Erben, Violine
Ruth Ziesak, Sopran

Mahler-Zyklus (4)

Jean Sibelius (1865-1957)
Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47
I. Allegro moderato
II. Adagio di molto
III. Allegro, ma non tanto
Gustav Mahler (1860-1911)
Sinfonie Nr. 4 G-Dur für Sopran und Orchester
I. Bedächtig. Nicht eilen
II. In gemächlicher Bewegung. Ohne Hast
III. Ruhevoll. Poco adagio
IV. Sehr behaglich (Wunderhornlied ?Wir genießen die himmlischen Freuden?)

Imaginäre Landschaften in spätromantischer Musik

Für jeden professionellen Geiger gehört es mittlerweile zum Standardrepertoire: das Violinkonzert von Jean Sibelius. In ihm verbinden sich das klassische Modell des Konzertes mit für Sibelius typischen melodischen Elementen, die den Zuhörer in eine ?nordische? Landschaft hineinversetzen. Schon zu Beginn entsteht durch die gedämpfte, leise Begleitung des Orchesters eine nebelige Atmosphäre, in die sich der Geiger einfügt und wirkungsvoll sein Thema herausarbeitet. Die Stimmung des ersten Satzes möchte man als eine Art ?Leidenschaft in Moll? bezeichnen, die in einer kühlen landschaftlichen Weite zu hören sein könnte. Große melodische und dynamische Bögen tragen wesentlich zu diesem Klangbild bei.

Im zweiten Satz folgen ruhigere lyrische Momente, in denen das Orchester sein Können unter Beweis stellt. Die durch einzelne Stimmgruppen wandernden Themen sind gut nachvollziehbar und lassen den Zuhörer ganz in die romantische, um nicht zu sagen: nordische Stimmung des Werks eintauchen. Die abwechselnden Auf- und Abwärtsbewegungen in der Solo-Violine wirken mit ihrer leisen, synkopierten Begleitung zwiespältig und dieser Eindruck wird durch die mal energischen, mal sanften Bogenstriche des Solisten verstärkt. Auch die gegensätzlich verlaufenden Leitern in Violine und Flöte sowie die kühle und gleichzeitig melancholische Begleitung lassen den zweiten Satz wie ein Ausdruck von Zweifel erscheinen.

Ein klares Wort gibt der dritte Satz. Er kommt militärisch und entschieden. Punktierte und schnelle Rhythmen geben hier den Ton an. Es beginnt in den tieferen Lagen und erlaubt so einen Aufstieg der Melodielinien, was ein Gefühl von Sieg und Hoffnung offenbart. Viele virtuose Momente, Arpeggien, Tonleitern, Doppelgriffe, Oktavdoppelungen und verschiedene Bogentechniken scheinen dem Solisten in Momenten großer Anspannung etwas schwer zu fallen, was aber seiner Ausdruckskraft nicht schadete. Das Spektrum der dynamischen Möglichkeiten schöpft er jedenfalls voll aus. Das Tempo nimmt den Zuhörer ein, und die im schnellen Satz auch vorkommenden ruhigen Momente in den gedämpften Hörnern erinnern noch einmal an ein weites, kühles und nordisches Land. Die Aufführung bekommt den verdienten regen Applaus.

***

Als seine vierte Sinfonie uraufgeführt wurde gab Mahler dem Publikum keinerlei Hinweise auf ein mögliches Programm des Werks. Auch die Überschriften der einzelnen Sätze hatte er verändert. Deshalb hat sich Rezensentin nun erlaubt, einige eigene Gedanken über das Gehörte zu machen.

I. Bedächtig. Nicht eilen (ursprüngliche Überschrift: ?Die Welt als ewige Jetztzeit?)

Der Einsatz von Schellen und die gleichmäßig schnelle Achtelbewegung in den Bläsern und Streichern erwecken das Bild einer Schlittenfahrt. Einer Schlittenfahrt, die durch eine imaginäre Landschaft der glücklichen Kindheit führt. Auf dieser Fahrt ertönen von allen Seiten Kinder- und Volksmelodien, die hochromantisch begleitet werden, d.h. mit erweiterten Harmonien und der typisch dynamischen Vielfalt. Dabei übernehmen mal die Klarinetten einfache Melodien, mal die Violinen. Es klingt, als ob junges Volk glücklich singt. Auch die tiefen Stimmen (das ältere Volk?), d.h. Celli und Bässe singen mit und das in wohlklingenden Sextparallelen. Natürlich fehlen die kindlich-eng(e)lischen Instrumente nicht, wie Triangel und Harfe, und manche galoppierenden Rhythmen bestätigen das imaginäre Bild der Schlittenfahrt. Man kommt beim Zuhören des ersten Satzes recht ins Schmunzeln, so ?nett? klingt das alles, und möchte fast mitsummen. Bei alledem bleibt dennoch der typisch Mahlersche Ton spürbar.

II. In gemächlicher Bewegung. Ohne Hast (ursprüngliche Überschrift: ?Freund Hain spielt auf?)

Die heitere Schlittenfahrt ist erst einmal zuende. Es folgt ein ruhigerer Satz im Walzertakt, bei dem der Konzertmeister zwei Geigen zu spielen hat. Eine ?normale?, und eine, die einen Ton höher gestimmt ist, um einen merkwürdigen Effekt zu erzeugen. Doch wüßte man nicht, daß die ?Zweit-Geige? anders gestimmt ist, wäre dies nur schwer festzustellen, denn allein die chromatischen Färbungen in diesem Satz lassen nicht auf eine discordante Geige schließen. Dafür gibt es aber auch hier wieder Momente, die den Zuhörer zum Lächeln bringen: Die Violinen imitieren hier von Zeit zu Zeit Gelächter, und das klingt ein wenig hinterhältig. Insgesamt kann man bei der Reise-Metapher bleiben, denn das Orchester bringt Klänge hervor, die in eine ländliche Idylle hineinträumen lassen, wobei so manches Thema der Violine einen leicht gespenstischen Charakter erhält. Mahler wollte hier ?etwas Schauerlich-Grauenvolles? darbieten: Es sollte in diesem Satz der Tod aufspielen; daher die höher gestimmte Geige.

III. Ruhevoll. Poco adagio

Hier fühlt man sich manchem Beethovenschen langsamen Satz nahe. Mahlers dritter Satz beginnt voller Ruhe, baut auf kadenzierenden Wendungen auf und erweckt Assoziationen eines Wiegenliedes. Einmal mit diesem Rhythmus verschmolzen, erscheint eine eher traurige Melodie der Oboe, geht über in ein Orchestertutti, das wirkungsvoll crescendiert und in einem Sforzando einen Höhepunkt findet, welches durch Trommelwirbel verstärkt wird. Immer wieder absteigende Melodielinien hinterlassen eine melancholisch gefärbte Wirkung und das Gefühl der Sehnsucht kommt auf. Auch das engelhafte Englischhorn, die Oboe und das Fagott fügen sich in diesen Duktus ein. Man möchte einen Weg hinaus aus dieser Melancholie finden. Und tatsächlich kommt letztendlich der zu Anfang erklungene Walzer wieder und läßt das Publikum merklich aufatmen. Wieder erklingen angenehme, ruhige und harmonische Akkorde. Doch der Satz endet nicht mit einer gewöhnlichen Kadenz. Es bedarf mehrerer Anläufe von nicht erfüllten Abschlüssen, immer folgen Trugschlüsse oder Modulationen, die das ersehnte Ende des Satzes aufschieben. Dieses kommt dann ganz leise, fast unbemerkt.

IV. Sehr behaglich (Wunderhornlied ?Wir genießen die himmlischen Freuden?)

Wir befinden uns wieder im Schlitten durch die imaginäre Kindheit: das musikalische Thema des ersten Satzes wird neu aufgenommen: Freudige Dur-Klänge, in die sich der Gesang der Sopranistin Ruth Ziesak einfügt. Mit überzeugender Ausstrahlung, guter Artikulation und Intonation singt sie den Text, den man inhaltlich - ohne Worte - in den ersten drei Sätzen schon vertont gehört hat. Der vierte Satz schließt mit vier Harfenklängen. Es scheint, als ob Mahler in ihm noch einmal Revue passieren läßt, worum es in den vier Sätzen geht. Es geht um himmlische Freuden, Tod und Leben und Feste - und himmlische Musik, die es nicht auf Erden gibt.

Die Vielfalt der Charaktere der einzelnen Sätze brachte das Gewandhausorchester überzeugend an das Publikum weiter, und man sah es dem Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt an, daß er jeden Moment der Sinfonie genau miterlebte. Die Aufführung war eine Freude für Auge, Ohr und Seele.

(Juliette Appold)

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