Steffen Kühn | Drucken26.05.2011 

Grubinger verzaubert

Neue Musik, ein begeistertes Publikum und ein ausverkaufter Saal schließen sich nicht aus: Martin Grubinger gibt das „Große Concert“ im Gewandhaus

Das Große Concert der Gesellschaft der Freunde des Gewandhauses zu Leipzig kann man ohne zu übertreiben als grandioses Musikerlebnis bezeichnen. Grandios wie hier die alte Leipziger Tradition, dass die Bürger der Stadt eine Kultur von Weltniveau ermöglichen, gepflegt wird. Grandios die heute deutlich sichtbare jüngere Generation im ausverkauften Großen Saal des Gewandhauses. Grandios das Programm des Abends. Ravel – ein Exponent der neuen Klassizität im Paris der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts – stellte sich bewusst gegen die „Zwölftöner“. Auch der Wiener Friedrich Cerha wandte sich Ende der fünfziger Jahre wieder motivisch-thematischen Elementen zu, auch er sah wie Ravel im rein strukturellen Komponieren die Gefahr, dass der musikalische Ausdruck verarmt. Mit Fabio Vacci begegnet uns ein Komponist der mittleren Generation, der aber gleichsam wie Ravel und Cerha musikalische Schönheit nicht durch Strukturen, sondern durch Ausdruck generieren will. Last but not least und eigentlich der Höhepunkt ist der österreichische Multipercussionist Martin Grubinger.

Une baroque que sur lócean ist ein typischer Ravel: ein perfekter orchestraler Teppich ist Voraussetzung für die sich profilierenden Soli. Riccardo Chailly lässt sich ein auf die effektvolle Vorlage, steigert die Fortes und verdunkelt die Farben – ein kräftiger Einstieg in das weitere Programm.

Martin Grubinger, strahlend betritt er die Bühne, er geht leicht in die Hocke, um sich zu konzentrieren, seinen Körper in Spannung zu versetzen. Zuvor reibt er sich die Hände mit Talkum ein, es entsteht der Eindruck eines Leistungssportlers – ein leises Lächeln erfasst den Saal. Es folgt das für ihn geschriebene höchst komplexe Schlagzeugkonzert. Cerhas Ansatz ist kybernetisch, ein System unterschiedlicher Komponenten, welche sich stören, ergänzen, behindern oder ausschalten. Ein übergeordnetes System aus eruptiven Klangblöcken beginnt den ersten Satz (es wird am Ende wieder auftauchen). Der insistierende Grund wird vom Blech des Orchesters gelegt, trocken eruptiv arbeitet Grubinger mit kleinen Trommeln dagegen. Ohne Unterbrechung befindet man sich im lyrischen zweiten Satz, der Solist wechselt dazu das Instrumentarium: Vibraphon, Glocken, Gongs, Crotales und Klangschalen erzeugen ein flimmernden Klang. Sehr intensiv ist hier der Austausch des Solisten mit den sechs Schlagzeugern Orchesters. Wieder wechselt Grubinger das Instrumentarium: Xylophon, Holzblöcke und Log – Drums in rasantem Tempo, dynamische Bewegungen erinnern an die Schlagzeugstücke von Xenakis. Präzise arbeitet Grubinger sich durch die rhythmisch anspruchsvollen Strukturen, mit Riccardo Chailly verbindet ihn ein instinktiver Austausch, der Orchester und Solisten bis auf wenige Ausnahmen wunderbar zusammenhält. Nach dem tosenden Applaus verzaubert Grubinger das Publikum noch mit einer artistischen Einlage. An der kleinen Trommel führt er alles Denkbare und darüber hinaus vieles Unvorstellbares vor. Die Schlegel fliegen durch die Luft oder liegen wie von Zauberhand angetrieben nur auf Grubingers Arm. Rhythmisch und dynamisch öffnet er nie vorstellbare Klangräume, für ihn „reiner Sport, keine Musik“ wie er dazu schmunzelnd dem Publikum erklärt. Das feiert ihn wie ein Popstar. Die Begeisterung im Saal erreicht dann nach dem Boléro noch einmal einen Höhepunkt. Ravels bekanntestes Stück bohrt sich in seiner simplen Dynamik in die Ohren der Zuhörer – reiner Rhythmus ohne Musik.

Fabio Vaccis Tagebuch der Empörung, eine Uraufführung, hat es zwischen diesen Highlights etwas schwer. Die ästhetische Ebene ist ruhig, eine fließende sphärische Struktur. Das Gewandhausorchester geht auf in der perfekten Orchestrierung des Stückes und zeigt eine beeindruckende Sicherheit in den atonalen Welt Vaccis. Auch dieses Stück kommt sehr gut an im Saal, sofort drängt sich die Hoffnung auf mehr Neue Musik in der Programmierung des Gewandhauses, der heutige Abend hat es eigentlich bewiesen: Neue Musik, ein begeistertes Publikum und ein ausverkaufter Saal schließen sich nicht aus!

Großes Concert

der Gesellschaft der Freunde des Gewandhauses zu Leipzig

Maurice Ravel: Une baroque que sur lócean

Friedrich Cerha: Konzert für Schlagzeug und Orchester

Fabio Vacci: Tagebuch der Empörung

Maurice Ravel: Boléro

Schlagzeug: Martin Grubinger

Dirigent: Riccardo Chailly

Gewandhausorchester

13. Mai 2011, Gewandhaus, Großer Saal


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