Lavony Pienitz | Drucken05.02.2009 

Stop Breathing

Überwältigend und mitreißend: Die Matthew Herbert Big Band im Centraltheater


Ich war schon lang nicht mehr im Theater. Was mich bewegt hat, es doch mal wieder zu versuchen, ist die ungewöhnliche musikalische Mixtur, die Matthew Herbert, britischer Elektronikavantgardist und eine Big Band im Centraltheater auf die Bühne brachten.

Sechzehn leere Notenpulte geben einen Vorgeschmack auf die aufwändige Instrumentierung und einen klassischen Jazz-Big-Band-Sound, der von Herbert durch eingearbeitete Sounds und Samples durchbrochen wird.

Schon die ersten Takte sind überwältigend und von mitreißender Dynamik. Dazu kommt Eska Mtungwazi, die den subversiven Texten über Krieg, Folter, Liebe und Tod ihre atemberaubende Stimme gibt. Sie, die auf ihren extremen High Heels wie ein wunderschöner Paradiesvogel die Szene betritt, ist der expressive Kontrast zu Matthew Herbert, der völlig in sich gekehrt an seinen Apparaturen werkelt und kaum Blickkontakt zum Publikum sucht.
Nur ab und an macht er ein paar verrückte Tanzschritte zum Orchester hin, um dann wieder zurück zu steppen.

Während der Stücke, die zum größten Teil vom aktuellen Album There´s Me and there´s You stammen, gibt es immer wieder Interaktionen mit der Big Band, so zum Beispiel bei Breathe, als sekundenlang das Orchester aufsteht, erstarrt und verstummt. Plötzlich aufkommender Applaus wird mit einem winzigen Fingerdrohen Eska Mtungwazis gestoppt?: " Stop Breathing?!" Es gibt einige solch illustrierender Einfälle: Bei einem Titel, der die Macht der Medien zum Thema hat, werden Bild!-Zeitungsseiten akkurat zerrissen, zerpflückt und zu Papierkügelchen geformt, so dass die Bühne alsbald wie mit einem Schleier aus Papier bedeckt wirkt. Ein verstörender Moment entsteht, wenn Sängerin und Musiker schwarze Kapuzen übergezogen bekommen, orientierungslos werden und unweigerlich an Folteropfer erinnern.

Und immer wieder wird der traditionelle Swing elektronisch gestört, zerhackt, die Stimme gesampelt, überlagert und die Echos zurückgeworfen. Dieser reizvolle Bruch und die liebevolle, bisweilen schockierende Inszenierung lassen eineinhalb Stunden verfliegen. Zum Schluss hält es niemanden mehr in den Sitzen. Bei den Zugaben tanzt alles zwischen den Stuhlreihen.

Dann leert sich die Bühne, Matthew Herbert schultert ein (Papp)Mountainbike, das am Computer lehnt - nur noch Eska und der Pianist sind da und ein paar Klangschwaden steigen in den Bühnenhimmel. Übrig bleibt ein Schleier aus Papierfetzen.

Stop Breathing

16. Januar 2009 , Centraltheater

www.schauspiel-leipzig.de

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