Frank Sindermann | Drucken26.05.2002 

Sag' zum Abschied leise Klick-Klack

Dirigent Blunier und Solist Glemser sind mit Tschaikowski und Schostakowitsch im Gewandhaus

Ohne Umschweife geht es zur Sache: Ein energisch auftrumpfendes Thema macht sofort deutlich, dass es sich bei Tschaikowskis zweitem Klavierkonzert nicht um ein Virtuosenkonzert im üblichen Sinn handelt, sondern um ein Werk mit ernsthaften sinfonischen Ambitionen. Das Klavier übernimmt dementsprechend meistens die Funktion eines Orchesterinstruments unter anderen. Die fünf Solokadenzen des ersten Satzes bieten aber durchaus einigen Raum zur Darstellung pianistischen Könnens. Dass Bernd Glemser diese Gelegenheiten nicht für oberflächliche Effekthascherei ausnutzt, spricht sehr für ihn. Sorgfältig spürt Glemser Spannungsbögen nach und legt selbst in den wahnwitzig virtuosen Partien mit ihren vorrüberrauschenden Tonkaskaden noch interessante Details frei. Dadurch besteht kaum der Eindruck musikalischen Leerlaufs (wie manchmal bei Liszt). Abgesehen von diesen solistischen Passagen kommt aber, wie bereits angedeutet, dem Orchester die tragende Rolle zu - und das ist heute gut in Form. Gleich der erste, etwas riskante Einsatz gelingt hervorragend, und während des ganzen Konzerts gelingt es den Musikern, dieses Niveau zu halten, was nicht zuletzt auch dem Dirigenten Stefan Blunier zu danken ist, der mit großer Präzision und großer Aufmerksamkeit ein hohes Maß an orchestraler Perfektion erzielt.

Der zweite Satz überrascht. Nicht nur, weil sich das Werk durch den Einsatz von Solovioline und Solocello zum Tripelkonzert erweitert, sondern auch, weil das Klavier hier nahezu zum Statisten degradiert wird. Man möchte an Brahms' Violinkonzert denken, in dessen Mittelsatz die Oboe dem Solisten ziemlich die Schau stiehlt. Konzertmeisterin Waltraut Wächter und Solocellist Rodin-George Moldovan machen ihre Sache sehr gut, Moldovan manchmal vielleicht etwas zu gut. So wäre zum Beispiel im Hinblick auf den exzessiven Vibratoeinsatz weniger wohl mehr. Dennoch: Feinfühlige Solisten und ein dezentes Orchester mit warmem Streicherklang machen auch dieses intime Stimmungsbild zum Genuss.

Bei allem sinfonischen Anspruch - im Finale darf es so richtig krachen. Ein volkstümliches Rondothema, einprägsame Seitengedanken und spielfreudige Musiker: So soll es sein. Wenn Glemser nach vollbrachter Tat mit begeistertem Beifall belohnt wird, der ihn sogar zu einer Zugabe bewegt, dann fragt man sich, warum dieses Konzert (wie auch das dritte) so sehr hinter dem allgegenwärtigen ersten verschwindet, wie es offensichtlich der Fall ist. Ist es zu undankbar oder zu schwierig? Bereitet die Tatsache, dass für den zweiten Satz weitere Solisten benötigt werden, Probleme? Wer weiß...

Ich will es offen gestehen: Mit Schostakowitsch habe ich so meine Probleme, mit einigen Werken mehr, mit anderen weniger. Die 15. Sinfonie gehört leider zur ersten Kategorie, angefangen bei dem unsäglichen "Wilhelm-Tell"-Zitat im ersten Satz bis hin zum finalen Schlagwerkgeklapper im Schlusssatz. Viele Effekte meine ich in früheren Sinfonien schon (allzu) oft gehört zu haben, so z. B. die typischen Scherzo-"Einfälle" des Komponisten: schrille Flötenpassagen (angeblich ironisch), Xylophongeklimper (vielleicht sarkastisch), Blechbläsereinwürfe (als Karikatur?) usw. usf.

Interessanter erscheinen mir da schon der zweite und der vierte Satz der 15. Sinfonie in ihrer bestürzenden Leere, mit ihrem fatalistischen Ausdruck von Resignation und Stillstand. Leider finden sich auch hier neben Momenten von beklemmender Wahrhaftigkeit (so das Cellosolo im zweiten Satz) unmotivierte Banalitäten. Die Ausführung durch das MDR Sinfonieorchester holt aus dem Werk alles heraus, was zu holen ist. Blitzsaubere Soli und eine fast greifbare Konzentration aller Beteiligten verleihen Schostakowitsch' sinfonischem Testament vorbildlich Gestalt. Ein Schostakowitsch-Verehrer wäre mit Sicherheit begeistert und das zu Recht - nur bin ich eben keiner. So ist die abschließende, langsam verklingende Schlagwerk-Passage für den einen höchst ergreifend, für mich hingegen kaum mehr als ein nichtssagendes Klick-Klack.

Peter Tschaikowski: Klavierkonzert Nr. 2 G-Dur op. 44
Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 15 op. 141

MDR Sinfonieorchester
Solist: Bernd Glemser, Klavier
Dirigent: Stefan Blunier

26.5.2002 Gewandhaus, Großer Saal

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