Steffen Lehmann | Drucken15.09.2002 

Französisches Potpourri

Der französische „Zauber der Musik” des MDR im Gewandhaus

Hatte bereits das Gewandhausorchester in dieser Woche einen kleinen Exkurs in die antike griechische Mythologie unternommen, schloss sich nun auch das MDR Sinfonieorchester diesem Unterfangen an. Doch diesmal ging es um eine französische Sicht auf die Dinge.

Camille Saint-Saëns war nicht nur auf dem Felde der Musik außerordentlich bewandert, er befasste sich auch mit Philosophie, alten Sprachen und Archäologie. Le Rouet d'Omphale (Das Spinnrad der Omphale) beschäftigt sich mit der Geschichte von Herakles, der nach einem Mord zur Strafe der Königin Omphale dienen muss, wobei er Frauenkleider getragen und Näharbeiten verrichtet haben soll. Kern des Ganzen ist der Sieg weiblicher Verführungskunst, der Triumph der Schwäche über das Starke. Da mussten sich die Flöten und Oboen mächtig ins Zeug legen, um das kurze aber heftige Aufbäumen der Streicher und der Pauken niederhalten zu können.

Saint-Saëns' zweite Sinfonische Dichtung an diesem Abend war der Totentanz nach einem Gedicht von Henri Cazalis. Zur Mitternachtsstunde bittet der Tod auf dem Friedhof mit seiner Geige zum Tanz, zum Tanz der Toten zwischen den Gräbern. Erst die Morgendämmerung macht dem Treiben ein Ende. In der Malerei und Literatur wird der Tod nur als miesepetriger Geselle porträtiert, der allein seiner Aufgabe verpflichtet ist, dem Irdischen ein Ende zu bereiten. Man durfte also gespannt sein, wie er zum Tanz bitten würde. Mit den bestens aufgelegten Musikern wurde es das abwechslungsreichste Stück des Abends. Da knarzte die erste Violine, deren oberste Saite absichtlich verstimmt war, ließ das Xylophon die Beine des Gevatters ordentlich klappern.

Mit der aufgeräumten Stimmung war es bei Martins Ballade für Saxophon und Orchester vorbei. Die Streicher, das Schlagzeug und das Klavier hielten sich merklich zurück, gaben dem jungen Solisten genügend Möglichkeiten, sich und sein technisches Können zu präsentieren. Leider wirkte das bei Alexandre Doisy noch etwas zu angestrengt, zu aufgesetzt. Sein Pendeln mit dem Instrument erinnerte an einen Elefanten im Zoo, der für ein Kunststück mit einer Melone belohnt wird. Dabei bietet das Stück, trotz des bestimmenden balladesken Charakters, ein buntes Kaleidoskop an Stimmungen, das nur ausgereizt werden muss. Da sind die lang gezogenen Akkorde, die wie ein Nebelhorn langsam verklingen, dann wieder die lyrischen und sanften Momente. Bei der Scaramouche-Suite zeigte der junge Franzose jedoch, warum dem Saxophon nachgesagt wird, es ähnele am stärksten der menschlichen Stimme: Verspielt, schwärmerisch und leichtfüßig sprudelten die Akkorde hervor. Im Schlusssatz wurde dann verkehrte Welt gespielt, als Sambarhythmen brasilianischen Karneval in den Großen Saal zauberten. Aber genau so schnell, wie sie gekommen waren, war auch schon wieder Schluss damit. Das Publikum war zufrieden und erklatschte sich hartnäckig eine Zugabe.

Auch bei Roussels Sinfonie ging es ohne Stimmungsschwankungen nicht ab. Das Werk war eine persönliche Frustverarbeitung, als er wegen einer Lungenkrankheit sein Haus in der Normandie für einige Monate verlassen musste. In Südfrankreich zauberte er einige veritable Herbststürme auf das Notenblatt. Die Streicher konnten noch einmal ihre Meisterschaft unter Beweis stellen, die Flöten und die Klarinette immer wieder mäßigend eingreifen. Die vier Minuten des Finales sind Aufforderung an jeden einzelnen Musiker, noch einmal alles zu geben. Alexander Joel meterte wie eine perfekte Kopie von Fabio Luisi auf dem Podium herum: Arme angewinkelt, rechtes Bein leicht eingeknickt. Doch sich von den Arrivierten etwas abzuschauen, ist ja nicht verboten.

MDR: "Zauber der Musik I"

Alexandre Doisy, Saxophon
MDR Sinfonieorchester, Dirigent: Alexander Joel

Camille Saint-Saëns, "Le Rouet d'Omphale" op. 31, Poéme symphonique
Frank Martin, Ballade für Saxophon und Orchester
Darius Milhaud, "Scaramouche" Suite op. 165b für Saxophon und Orchester
Camille Saint-Saëns, "Danse macabre" op. 40, Poéme symphonique

15. September 2002, Gewandhaus, Großer Saal

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