| Drucken16.12.2001 

MDR Sinfonieorchester mit Rachmaninow und Tschaikowski (Marcus Erb-Szymanski)

MDR Sinfonieorchester mit Rachmaninow und Tschaikowski

Dirigent: Fabio Luisi, Solist: Nelson Goerner, Klavier

Michail Glinka, Ouvertüre zur Oper ?Ruslan und Ludmilla?
Sergej Rachmaninow, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4
(revidierte Fassung von 1942)
Peter Tschaikowski, Sinfonie Nr. 6 ?Pathetique?


Die Pathetique mit Szenenapplaus

Wenn ein Instrumentalsolist mit einem Orchester spielt, das von Fabio Luisi dirigiert wird, hat er einen schweren Gang vor sich. Luisi ist ein zu eigenwilliger und energischer Musiker, als dass er sich auf eine fremde Interpretation so ohne Weiteres einlassen und sich mit der Rolle des einfachen Begleiters zufrieden geben würde. Er hält mit dem Orchester immer gegen und der Solist muss sich nicht nur mit der Komposition als solcher, sondern auch mit Luisis Interpretation auseinandersetzen.

Bei Nelson Goerner, mit dem Luisi nicht zum ersten Mal zusammen konzertiert, merkt man spätestens im dritten Satz, dass er sich mit dem Dirigenten blind versteht. Dass dies in den ersten beiden Sätzen von Rachmaninows 4. Klavierkonzert nicht gleich offenbar wurde, liegt auch an der Komposition selbst. Im ersten Satz zwingt sie den Pianisten nicht selten in die Rolle des Begleiters und lässt Soloinstrumente aus dem Orchester hervortreten. Luisi nimmt in solchen Fällen die Lautstärke weitgehend zurück und, wenn sich das Klavier wie ein Orchesterinstrument einfügt, den Solisten in die Pflicht. Insgesamt fehlen in diesem Satz ? wie im ganzen Werk überhaupt ? die großen Melodiebögen, die z.B. das zweite Klavierkonzert so beliebt machen. Und Luisi scheint gerade das Mosaikhafte, das Eckige und Kantige hervorzuheben, vermutlich, um Rachmaninow auf diese Weise aus der spätromantisch-verstaubten Ecke hervorzuholen und als einen Komponisten des 20. Jahrhunderts zu präsentieren.

Im zweiten Satz hat der Pianist größere Freiheiten, denn seine Einsätze alternieren meist mit denen des Orchesters. So bekommt der Hörer Gelegenheit, Goerner regelrecht flüstern zu hören und wie dieser Pianist das tut, ist nicht nur phänomenal, sondern auch eine Möglichkeit, Sentimentalität aus dem Weg zu gehen.
Das klassische Zusammenspiel zwischen Orchester und Klavier, wie man es sich bei einem ?richtigen? Klavierkonzert so vorstellt, als ein großes Fließen und wechselseitiges sich Emporheben, beginnt eigentlich erst im dritten Satz. Und hier ist es wirklich erstaunlich, wie das Spiel des Solisten und das des Orchesters zusammenfließen, wie ausgeglichen der Klang wird und wie nuanciert beide sich aufeinander abstimmen. Es ist vor allem die rhythmische Gestaltung, die die Extreme der verschiedenen Charaktere, Tempi und der wechselnden Dynamik in diesem Finale zusammenhält. Und auch dies bestätigt den Eindruck, es mehr mit einem modernen als romantischen Kunstwerk zu tun zu haben.

Goerners Ruhe und Sicherheit ist selbst bei den virtuosesten Passagen unbeschreiblich. Er macht nicht den Eindruck, als habe er je in seinem Leben auch nur einen falschen Ton gespielt. Und trotz aller Perfektion besitzt sein Spiel eine Leichtigkeit und Schwerelosigkeit, wie sie Rezensent bisher nur bei dem griechischen Pianisten Dimitris Sgouros erleben konnte. Als Zugabe spielte Goerner noch das schönste der Chopinschen Nocturnes, nämlich das in c-Moll op. 48 Nr. 1. Auch hier gelingt ihm das, was fast unmöglich scheint: die volltönige Reprise im Pianissimo zu geben. Seine Spiel ist so perfekt, dass es fast schon technisiert ? um nicht zu sagen: unmenschlich ? wirkt. Gehört vielleicht eine gewisse Unvollkommenheit zum vollkommenen Menschsein dazu? Diese urromantische Frage lässt sich heute gar nicht mehr so einfach beantworten.

Tschaikowskis ?Pathetique? ist eines der großen Repertoirestücke und erfordert vom Dirigenten und dem Orchester eine ganz eigene Interpretation, um den unweigerlich vielen Vergleichen standhalten zu können.
Wenn aus der Stille ein leises Motiv erwächst, im Fagott zuerst, dann in den Bratschen, so klingt das wie ein Omen, mit dem sich die eigentliche Geschichte ankündigt. Diese beginnt kurz darauf mit dem gleichem Motiv, das sich mit schlankem Klang geradlinig entwickelt und steigert; ein Klang, der hinauf will, weg von den düsteren Gedanken und hinaus ins Freie. Wie schnelle Schritte über Treppenstufen vollzieht sich die rasante Entwicklung an deren Ende dann der Blick von oben über eine weite Ebene fällt. Wir sind bei dem berühmten zweiten Thema dieser Sinfonie angelangt. Und dieses Thema ist wie eine Landschaft, die groß und breit sich dem Betrachter darbietet und einen Geist atmet, der unsere Gefühle an den Anfang des Satzes, zu jener Situation, vor der wir zu fliehen schienen, zurückführt.

Fabio Luisi und die Rundfunksinfoniker vermeiden jeden Ansatz von Pathos und Kitsch, wofür gerade diese Sinfonie ? die schon für so manchen Liebesfilm herhalten musste ? besonders anfällig ist. Dies gelingt ihnen durch eine ins Extrem gesteigerte Langsamkeit auf der einen und die Geradlinigkeit der schnellen Passagen auf der anderen Seite ? und durch die extreme Spannweite der kontrastreichen Dynamik. So besitzt die Musik von Anfang an einen starken dramatischen Erlebniswert, ohne emotional aufdringlich zu werden. Dennoch wirkt der erste Satz stellenweise in seiner Konzeption noch etwas bemüht. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Orchester bei den leisesten Momenten noch nicht jenen dichten und intensiven Klang vor allem in den Streichern aufrecht erhalten kann, den es bei kräftigeren Stellen schon besitzt und auch bei solch herrlichen Bläsersoli, wie dem der Klarinette, die den Satz am Ende in die Stille einer leisen Erinnerung versenkt.

Die strenge Durchdachtheit der Interpretation zahlt sich im weiteren Verlauf des Werks aus. Man spürt, wie die Orchestermusiker ihrem Dirigenten mehr und mehr in die innere Dramatik der Sinfonie folgen, wie sie in das Werk hineinwachsen, sich vertiefen, sich mit ihm identifizieren. Tänzerisch leicht, mit leiser Melancholie und sehr viel Charme beginnt der zweiten Satz. Doch schon der Mittelteil mit seinen verzahnten, kurzen und schnell wiederholten Sequenzen klingt wieder spröder und stellt jede heimliche Heiterkeit in Frage. Gegen Ende des ?Con grazia?-Satzes, mit zunehmender Verdichtung der musikalischen Verläufe, reißen die Schleier der Fröhlichkeit gar auf und die Düsternis der anfänglichen Stimmung aus dem ersten Satz wirft ihre Schatten urplötzlich wieder herein.

Doch dann im dritten Satz sammeln sich alle Kräfte zu einem Marsch, dessen schnelles Tempo die ganze Szenerie unwirklich erscheinen lässt. Die musikalischen Ereignisse fliegen vorüber wie im Traum, ein ?trockenes? Huschen ? beunruhigend wie ein prasselnder Regen ohne Nässe ? ist die einzige Konstante. Luisi macht mit seiner Interpretation den Charakter dieses Satzes vergleichbar mit den typisch grotesken Momenten in Schostakowitschs Sinfonien. (Denn dem übersteigerten triumphalen Herannahen dieses Marsches mag man nicht recht trauen.) Und die Virtuosität, mit der dies geschieht, ist so aberwitzig, dass es die Zuhörer danach nicht mehr hält und sie sich der Anspannung mit donnerndem Szenenapplaus entledigen. Und in der Tat wäre es fehl am Platze, hier puristisch zu sein und darüber die Nase zu rümpfen, dass zwischen den Sätzen applaudiert wurde. In dem Fall konnte man einfach nicht anders! Die Menschen waren vom Spiel des Orchesters regelrecht überwältigt.

Manche aus dem Auditorium schienen überrascht, dass es noch weiterging, denn eine Steigerung war nach dem dritte Satz schier unmöglich. Um so irritierender ist der Neubeginn in tiefer Trost- und Ratlosigkeit. Gleich Totenvögeln sitzen die Generalpausen auf den Linien der Partitur. Nun gibt es kein Entrinnen mehr, vielmehr beginnt ein langes Warten auf das Ende... Im Schluss-Satz dieser Sinfonie spielt das Orchester durchweg hochexpressiv. Im Tutti summt der ganze Klangkörper wie ein einziges vibrierendes Instrument. Und in kristallinen Momenten gelingt es den verschiedenen Instrumentalgruppen, einen stehenden Klang zu erzeugen, indem sich die verschiedenen Instrumente mit ihren Motiven ablösen und zugleich die melodischen und energetischen Bewegungen stets auf einem Spannungsmaximum halten. Bedenkt man dazu noch Luisis meisterliche Handhabung variabler Tempi, so bekommt man eine vage Vorstellung von einem nicht nur emotional, sondern auch geistig äußerst anregenden und eindrucksvollen Konzertabend, der in der Tat jedem Vergleich standhält.

(Marcus Erb-Szymanski)

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