Stefan Horlitz | Drucken22.11.2003 

In Paradiso: zwischen Sahneschnitte und Leberwurst

Mitglieder des Leipziger Gewandhausorchesters spielen die Messe von Martin und das Requiem von Faure

Frank Martins doppelchörige Messe ist fast schon ein Standardstück für semiprofessionelle Chöre geworden und manch ein frohgemuter Sangeszirkel ist an ihren rhythmischen und harmonischen Klippen gescheitert. Wie immer bei Martin klingt diese Musik eigentlich wie nichts anderes. Musikhistorische Bezüge schimmern immer wieder durch, um sofort hinter dem unverkennbaren Personalstil des eidgenössischen Komponisten zu verschwinden. Wie der bekennende Antidogmatiker Martin die klanglichen Möglichkeiten der gegeneinander antretenden Chöre ausnutzt, das gehört zu den Höhepunkten der geistlichen Musik des 20. Jahrhunderts. Gotthold Schwarz gestaltete das Werk so, wie es sein soll: die Konfliktrhythmen kraftvoll-federnd, die dynamischen Extreme deutlich hervorgekehrt. Nicht zu überhören war allerdings die eine oder andere etwas verschrumpelte Stimme im Sopran, die dann gleich auch durch besondere Lautstärke hervortrat, sowie die überaus merkwürdige Aussprache des lateinischen Messtextes.

Ein ausgesprochen unerfreuliches Intermezzo waren dagegen die zwölf Improvisationen für Trompete und Orgel über verschiedene Choräle von Jean Langlais. Der ist hauptsächlich für seine "Gotische Suite" bekannt, freundlich-bombastisches Georgel für Organisten, die sich mit ein bisschen "Modernität" schmücken wollen. Heute aber gibt es eine Rarität. Die Trompete bläst den Choral, darunter ergießt sich aus den Orgelpfeifen ein unerträglich kitschiger Musikschleim und verklebt die Choralmelodie mit allerlei manierierten Harmonien und dezenten Dissonanzen, deren Wirkung sich mit einem Löffel Leberwurst in der Mousse au Chocolat vergleichen lässt. Das alles wird immerhin mit bemerkenswert schönem Ton vorgetragen. Mussten es wirklich gleich alle Stücke sein? Hätte nicht vielleicht...? Aber nein: es wird geblasen und gepfoffen und auch mein Nachbar zählt geduldig bis zwölf.

Gabriel Faurés Requiem ist eine musikalische Sahneschnitte, der manch einer vorwerfen mag, bisweilen etwas tief in die Sentimentalität abzutauchen. Es ist dazu nicht allzu schwer zu singen, zudem noch mit eher bescheidenem instrumentalen Aufwand zu realisieren, so dass sich manch einer herantraut, der es besser gelassen hätte. Der etwas kühle Chorklang des Concerto Vocale und die perfekte Abfederung durch ein etwa zwanzigköpfiges Kammerorchester treiben dem Werk die Schnulzenhaftigkeit gründlich aus und lassen umso erfreulicher die wahre Natur dieser ungewöhnlichen Totenmesse hervortreten. Diese Musik führt einem nicht noch einmal mit allerlei dramatischem Zauberwerk die Schrecklichkeit und Traurigkeit des Todes vor Augen, sondern wendet sich an die Hinterbliebenen, will in ihrer einfachen Entrücktheit einfach nur trösten. Die Streicher neutralisieren die eine oder andere stimmliche Schwäche, die Harfe klingt, wie von einem Engel persönlich gespielt, die Solisten sind blendend aufgelegt.

Doch auch hier schmerzte die deutsche Siebziger-Jahre-Schulbuch-Aussprache des lateinischen Textes. Hatte es sich im Chorvorstand wirklich nicht herumgesprochen, dass Gabriel Fauré dezidiert dem romanischen Kulturkreis entstammt? Das ewige Licht "lutzehat"; Herr, gib uns "pahtzem" - au weh; Fauré hätte sich der stattliche Schnauzer gesträubt. Vielleicht eine aufführungspraktische Kuriosität, die man gottlob nicht mehr allzuoft bestaunen kann, wie sehr auch manch ein angestaubter Pedant routieren möge. Doch jeglicher Beckmesserinstinkt vergeht einem beim überirdisch schön interpretierten Schlusssatz "In Paradiso". In Paradiso ist dieser vermutlich auch geschrieben worden und es wäre verwunderlich, würde sich Fauré dort nicht an seine Wolke gelehnt und froh gelächelt haben.

Concerto Vocale

Mitglieder des Leipziger Gewandhausorchesters

Gotthold Schwarz, Leitung

Friederike Holzhausen, Sopran
Matthias Weichert, Baß
Michael Schönheit, Orgel

Frank Martin: Messe
Jean Langlais: 12 Improvisationen über verschiedene Choräle
Gabriel Fauré: Requiem'





Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Peer Gynt

Am 28. Dezember um 19.30 Uhr kommt es am Schauspiel Leipzig zur Wiederaufnahme von Henrik Ibsens "Peer Gynt" in der Inszenierung von Philipp Preuss.

Weihnachtsmotette

Die Weihnachtsmotette mit dem Thomanerchor in der Thomaskirche, am Sonntag, 24. Dezember, beginnt um 13.30 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro und ist am Kircheneingang zu bezahlen.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach