Steffen Kühn | Drucken05.10.2014 

Große Bandbreite, unklares Profil

Dem Musikfest Berlin fällt es schwer, sich in der von Kulturveranstaltungen verwöhnten Stadt zu behaupten – ein Konzertrückblick

Christian Thielemann (Foto: Matthias Creutziger)

Das Musikfest Berlin 2014 besteht zunächst einmal aus imposanten Zahlen: 31 Veranstaltungen mit über 75 Werken von 24 Komponisten, aufgeführt von 25 Orchestern, Instrumental- und Vokalensembles an 21 Tagen. 13 der großen nationalen Orchester und 4 internationale Orchester gaben sich Tag für Tag die Klinke des großen Saals der Philharmonie in die Hand. Welch herrlichen Luxus sich Berlin hier leistet!

Das Konzept des 10. Musikfestes Berlin „geht auf die Gründerzeit des modernen Sinfonieorchesters zurück: auf die Musik von Johann Sebastian Bach und deren Weiterentwicklung, über Anton Bruckner, Gustav Mahler und Richard Strauss bis zur Musik unserer Gegenwart: zu Jörg Widmann, Wolfgang Rihm, Aribert Reimann, Helmut Lachenmann, Enno Poppe und Georg Friedrich Haas“, so der künstlerische Leiter Winrich Hopp.

Ein solch weiter Bogen spricht zuerst einmal für die große Offenheit des Festivals gegenüber dem Publikum: Jeder kann sich wiederfinden. Auf der anderen Seite ergibt sich die Schwierigkeit, ein klares Profil herauszuarbeiten − und das gerade in einer Stadt wie Berlin. Parallel eröffnen die anderen Häuser und Ensembles ihre Spielzeit mit Höhepunkten wie der Aufführung von Xenakis’ Orestia an der Deutschen Oper. Die Programmierung der einzelnen Konzerte erfolgte bis auf wenige Ausnahmen nach dem Motto: ein Drittel moderne und zwei Drittel historische Musik.

Die Dresdner Staatskapelle unter Christian Thielemann führte Sofia Gubaidulinas etwa 30 minütiges Werk In tempus praesens mit Gidon Kremer an der Solo-Violine auf, danach Bruckners neunte Symphonie. In Gubaidulinas Opus beginnen die Schlagzeuger nach einem ruhigen narrativen Start mit komplexen Aktionen. Neben-, über- und ineinander geschichtet irrlichtern die vertikalen Strukturen durch ein Universum von Orchesterklängen. Die Hörner geben dem Stück mit tiefen Tönen eine Art Gerüst.

Der Abend des Royal Concertgebouw Orchestras beginnt mit Johannes Brahms’ Variationen über ein Thema von Joseph Haydn. Mariss Janson ist wohl im Augenblick der Star unter den europäischen Dirigenten, der Saal ist nahezu ausverkauft. Das Publikum ist nach dem ersten Stück völlig aus den Sitzen. Danach der moderne Teil des Abends: Lichtes Spiel von Wolfgang Rihm lebt von dem Zusammenspiel zwischen dem Soloinstrument, der Violine und dem Orchester. Leonidas Kavakos, der 47 Jahre alte Solist mit griechischen Wurzeln, schwelgt in den ausgedehnten lyrischen Monologen, aber er kann auch anders. Gegen Ende der etwa 20 minütigen Werke treibt er das Orchester mit kapriziösen Aktionen an. Das Orchester folgt transparent den Steigerungen.

Mariss Jansons (Foto: Kai Bienert)

Das amerikanische Orchester des Festivals, das Cleveland Orchestra unter ihrem ChefdirigentenFranz Welser-Möst, widmet dem Münchner Komponisten Jörg Widmann ein ganzes Porträtkonzert. Widmann, mit erst 41 Jahren schon fester Bestanteil des Musikbetriebes, wird vom anwesenden Wolfgang Rihm, einem seiner Lehrer, nach den vier Stücken herzlich beglückwünscht. Widmann widersetzt sich wie sein Lehrer erfolgreich den Ismen der Neuen Musik. Beharrlich lotet er die Möglichkeiten des Orchesterapparates aus. Er ist sich auch nicht zu schade, barocke Elemente einzubauen, en passant wird ein Venezianisches Gondellied eingewoben. Der fast leere Saal trübt diesen Abend ein wenig. Der Ansatz, ein Konzert mit ausschließlich Neuer Musik zu geben, ist wohl selbst für Berlin zu ambitioniert.

Eine der wenigen Uraufführungen des Musikfestes führt das WDR-Sinfonieorchester unter dem genialen Jukka-Pekka Saraste auf. Wolfgang Rihm legt ein neues Stück für Orchester vor. Das trio concerto für Violine, Cello, Klavier und Orchester ist gerade rechtzeitig zum Musikfest fertig geworden. Das Trio Jean Paul musiziert kongenial und kann dem etwas spannungsarmen Stück schillernden Glanz verleihen. Franz Schuberts achte Symphonie beendet diesen Abend im wieder sehr leeren Saal der Philharmonie.

Enno Poppe mit seinem Ensemble Kollektiv Berlin dirigiert sein Stück Speicher I-V tags darauf im kleinen Saal der Philharmonie. Poppe, auch er ein Komponist, der sich gängigem Kategorien widersetzt, hat eine Partitur entwickelt, die vor Einfällen und Aktionen nur so explodiert. Saxophon, Akkordeon, zwei Percussionisten mit riesigem Klangapparat funkeln in der kammermusikalischen Besetzung. Insgesamt nur 24 Musiker sind nötig, um eine sinfonische Dichte zu erzeugen. Poppe hat Energiefelder geschaffen, die mal durch gewaltige Tuttis der Pauken, mal durch sirrende Sirenen der Blechbläser kontrastiert werden. Das Publikum applaudiert kräftig, was den fast leeren kleinen Saal der Philharmonie vergessen macht.

So richtig ist das Konzept des diesjährigen Musikfestes Berlin nicht aufgegangen. Man darf gespannt sein, wie die Macher darauf im nächsten Jahr reagieren werden. 31 Veranstaltungen an 21 Tagen im von Kulturveranstaltungen verwöhnten Berlin so zu verankern, dass man Auslastungen wie bei vergleichbaren Festivals in Luzern oder Salzburg erreicht, dürfte eine große Herausforderung sein. Vielleicht kann ja ein Weniger an großen Ensembles und großen Nummern auch Mehr an Profilierung bedeuten. Auf alle Fälle sollte man über wechselnde Orte nachdenken. Wien Modern ist ein gutes Beispiel dafür. Das Wiener Festival wird jedes Jahr an unzähligen Spielstätten ausgetragen. So gelingt es, in Wien das Festival in der ganzen Stadt zu verankern.

Musikfest Berlin 2014

2. bis 22. September 2014


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