Steffen Kühn | Drucken17.10.2007 

Schwierige Rhythmuswechsel und ein ungewöhnliches Farbspektrum

85 Jahre Internationale Gesellschaft für Neue Musik beim Musikfest in Wien

1921 musste Arnold Schönberg die Aktivitäten seines drei Jahre alten Vereins für musikalische Privataufführungen nach fast 400 aufgeführten zeitgenössischen Programmnummern wegen der damaligen horrenden Inflation einstellen. Anlass zur Neugründung, diesmal einer internationalen Gesellschaft, war eine Einladung zu den Salzburger Festspielen 1922. Alban Berg, Anton Webern und Egon Wellesz organisierten ein vielbeachtetes Festival der Neuen Musik in Salzburg, nahezu alle zeitgenössischen Komponisten dieser Jahre wurden aufgeführt und beteiligten sich auch an der Gründung der IGNM. Heute ist die IGNM in 61 Ländern präsent und zählt schon in Österreich mehr als 500 Mitglieder. Das Programm des Musikfestes vom 1. bis 7. Oktober 2007 besteht aus unzähligen Uraufführungen, Musikaufführungen im Konzerthaus Wien und Symposien im Arnold Schönberg Center.

Nur wenige haben sich am Samstag zum Konzert in den Mozartsaal verirrt. Vier Teenager und ein kleines Mädchen beginnen ein spielerisches Opening: Unzählige Instrumente entwickeln einen ruhigen Klangteppich, mit gebührendem Ernst, scheinbar ohne Notation spielen die Göhren an und mit den Instrumenten. Applaus und ab auf den Schoß von Papa im Publikum. Das Janus Ensemble folgt mit Kompositionen von Luna Alcalay, Christian Mühlbacher und vom musikalischen Leiter des Ensembles Christoph Cech selbst. Besonders im Stück Im Zeichen des Januskopfs von Luna Alcalay finden die Musiker zu einem dichten Klang zusammen, der intensive Beginn lässt freilich erstmal ein Kleinkind aus dem Saal flüchten. Schwierige Rhythmuswechsel und ein ungewöhnliches Farbspektrum erhöhen die Aufmerksamkeit. Im folgenden Saxophon-Block kann allerdings nur Olga Neuwirths Ondate für Saxophonquartett überzeugen. Die schwingende sirenenhafte Komposition lässt die konventionellen Hörerlebnisse dieser Instrumente hinter sich. Neben weiteren Programmpunkten und dem Komponistenmarathon im Neuen Saal im Keller des Konzerthauses ist am Abend der renommierte Arnold Schönberg Chor unter Erwin Ortner zu erleben. Kompositionen Hans Eislers, Friedrich Cerhas und Arnold Schönbergs um das Thema Krieg und Frieden. Gegen den Krieg nach einem Gedicht von Bert Brecht ist eine faszinierende Komposition, in der es Eisler schafft Brechts didaktischen Gestus in einen mehrstimmigen Kanon aufzulösen, Cerhas Verzeichnis für 16 Solostimmen ist dem Solistenchor wie auf den Leib geschrieben, hochdramatisch der Bericht über Verbrennungen während einer Pestkatastrophe im 17. Jahrhundert.

Die äußerst ambitionierte Programmierung der Konzerte, mehr noch ihre Länge und Häufigkeit sind der Konzentration leider nicht zuträglich. Schade, aber nach fünf bis sechs Programmpunkten verlangt es nach Pause, und das herbstlich sonnige Wien hat da auch einiges zu bieten. Die Frage stellt sich, ob die Konzerte etwa nur für die anwesenden Komponisten konzipiert sind, was angesichts der renommierten Ensembles allerdings schlecht vorstellbar ist, doch wenn die Neue Musik aus der Nische heraus möchte, muss sie sich öffnen und mit erlebnisorientierten Konzerten die Konzentration und Aufmerksamkeit der unbedarften Zuhörer erreichen.

IGNM-Musikfest Wien 2007

6. & 7. Oktober 2007, Konzerthaus Wien

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