Marcus Erb-Szymanski | Drucken24.05.2003 

Bach für Ein-Mann-Orchester

Das Nachtkonzert zum Bachfest mit Christian Tetzlaff an der Violine

Ein einzelner Mann steht vorn auf der Bühne. Er hat seine Geige in der Hand, sonst ist niemand weiter zu sehen. Der kleine Saal ist voll. Fünfhundert Menschen sind also für ihn gekommen. Das heißt, nicht nur für ihn, vor allem natürlich auch für die Musik, die er spielt. Jetzt, wo er sein Instrument hebt, schweigt alles andächtig. Aus dem Mendelssohnsaal wird ein Dom, der aus Stille gebaut ist. Mit den Bewegungen des Bogens beginnen die Töne wie aus unsichtbaren Ventilen in den Raum zu fließen.

Würde man die Ohren fragen, sie sprächen von mindestens zwei Musikern auf der Bühne. Bachs Solosonaten gelten nicht umsonst als höchstes Komprimat barocker Mehrstimmigkeit, als höchste Kunst der auf ein einziges Melodieinstrument verdichteten Polyphonie. In Form von Doppelgriffen und arpeggierten Akkorden ist die Mehrstimmigkeit offensichtlich, öfter aber ist sie verdeckt und muss durch spezielle Betonungen erst hervorgelockt werden. Tetzlaff geht mit großer Behutsamkeit zu Werke. Andächtig und meditativ ist seine Grundhaltung, sein Tempo nie starr, sondern stets sehr variabel, ebenso seine Dynamik. Mehrmals hat man das Gefühl, er möchte mit der Musik in die Stille hineinhören, so etwa, wenn er in den Schlußwendungen immer leiser werdend dem Verschwinden der Töne nachlauscht. Andererseits vermag Tetzlaff eine so schwindelerregende Virtuosität zu entwickeln, dass kleine motivische Punktierungen oder rhythmisch hervorstechende Staccato-Motive wie widerstrebende Festkörperchen erscheinen in einer sich nach allen Seiten mit Lichtgeschwindigkeit ergießenden Materie.

Wurde Beethoven nach seiner d-Moll-Sinfonie vor den Thron des Allmächtigen gerufen und widmete Bruckner, ein Gleiches erwartend, seine d-Moll-Sinfonie gleich dem Lieben Gott, so wusste Bach bereits in seiner berühmten Chaconne, in welcher Tonart man mit dem Herrn von Angesicht zu Angesicht spricht. Der finale Satz der Partita in d-Moll ist wie ein großes Gebet und kommt Tetzlaff insofern entgegen, als dieser mit seinem Instrument mehr zu sprechen als zu singen scheint. Sein Spiel weniger sinnlich als beharrlich, ist mehr Rezitativ als Arie, ist eindringlich, beschwörend und andererseits auch wieder meditativ bis versonnen. Mehr rhythmisch als melodisch gestaltend, findet sich Pathos nicht in Breite und Getragenheit, sondern in der Erregtheit, mit der die Entwicklung und selbst schon die einzelnen Themen vorangetrieben werden. Die musikalischen Verläufe wirken so wie das Sinnieren über ein bestimmtes Thema.

Doch bei dieser Chaconne kommt noch viel mehr hinzu. Da wäre zum einen das faszinierende Spiel mit verschiedenen Klangfarben zu nennen. Durch einen plötzlichen Wechsel des Bogenstrichs springt Tetzlaff von einem Takt auf den anderen abrupt in eine völlig andere Musizierhaltung. Auf diese Weise wirkt es, als würden sich zwei Geiger abwechseln in einem alternierenden Frage-Antwort-Spiel. Zum anderen kommt die kraftvolle, berauschende Klangfülle hinzu, die Tetzlaff in den entsprechenden Variationen erzeugt und die das Volumen eines ganzen Kammerorchesters erreicht.

In der anschließenden Sonate in C-Dur zaubert Tetzlaff auf ähnliche Weise. Im beginnenden Adagio inszeniert er einen Dialog in einer Sprache, die niemand übersetzen kann und die doch jeder versteht. Die Fuge dagegen ist eine Demonstration der hohen Schule des Violinspiels, um nicht zu sagen, der Musik überhaupt. In ihrer hochvirtuosen Steigerung tanzen wieder kleine funkelnde Motive auf rasenden Sturzläufen. Im dritten Satz schließlich spielt sich Tetzlaff nahezu in Trance, ehe das Ganze wie ein kleiner Kreisel langsam zur Ruhe kommt. Das Ende des Konzerts, das zum Glück durch einige kleine Zugaben noch verzögert wird, ist wie das Erwachen aus einem Traum oder die Rückkehr aus einer anderen Welt. Da fällt es nicht schwer, jener Frau Glauben zu schenken, die nach dem Konzerte meinte, Tetzlaff sei nur das Medium, durch das ein höherer Geist zu uns gesprochen hat.

Nachtkonzert zum Bachfest

Johann Sebastian Bach
Partita d-Moll, BWV 1004
Sonate C-Dur, BWV 1005

Christian Tetzlaff, Violine

24.05.2003

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