Steffen Kühn | Drucken12.04.2010 

„It's like a love relationship, or a form of sex …“

Neue Musik von Wolfgang Rihm in der wunderbaren Konzertkirche St Luke’s in London

Innenansicht der Konzertkirche St Luke’s

Der Ort
Die education programs der großen englischen Orchester sind mittlerweile auch auf dem europäischen Festland angekommen, Simon Rattle pflegt das seit Jahren vorbildlich mit den Berliner Symphonikern, aus seinem Projekt Le sacre du printemps ist zudem der erfolgreiche deutsche Film Rhythm Is It! entstanden.
Im Rahmen des London Symphony Orchestra’s ‚Discovery’ education program wurde 2003 eine wunderbare Konzertstätte für Junges, Neues und Innovatives eröffnet. Aus den Ruinen der St Luke´s Kirche in London entstand ein Musikzentrum mit Übungs- und Aufnahmeräumen. Herzstück ist die Jerwood Hall, im Untergeschoss befindet sich das Krypt Cafe – very britisch!

Das Projekt
Wie geschaffen ist dieser Ort für den Auftakt des BBC-Projekts um den deutschen Komponisten Wolfgang Rihm. Wolfgang Rihm in insgesamt sieben Veranstaltungen mit mehreren Uraufführungen. In dieses Projekt eingebettet ist ein internationaler Kompositions-Workshop. Die Kingston University London hat jungen Komponisten darin Gelegenheit gegeben, drei Tage lang mit den Ardittis an ihren neuen Werken zu arbeiten. Zwei davon werden heute Abend uraufgeführt.

Die Musiker
Wie geschaffen ist St Luke´s aber auch für die Ardittis. Die vier Ausnahmemusiker umgibt eine angenehme Arbeitsatmosphäre, wenn sie mit einem Stapel Quartettliteratur unterm Arm aufs Podium kommen. Für sie werden seit fast dreißig die anspruchsvollsten Streichquartette geschrieben, manche Stücke können nur sie spielen aufgrund der extremen Komplexität. Das ist einmalig wie das Arditti Quartett die Komponisten zu den innovativsten Klangarchitekturen inspiriert, das ist gerade so als hätte Rheinhold Messner die vierzehn Achtausender in Auftrag gegeben, um sie hernach zu bezwingen. Rihms Streichquartett Nr. 5 wurde 1983 auch für sie komponiert.

Die Musik
„Musik muss voller Emotion sein, die Emotion voller Komplexität“, schrieb Wolfgang Rihm 1974. Wolfgang Rihm ist sich treu geblieben: 2010 sagt er einem Interview mit dem englischen Guardian: „You play with some ideas as a composer, you want them to show you something. It's a technical experimentation with different forms, but then something happens, and the music starts to play with me. And then I play with it again. It's like a love relationship, or a form of sex – in the best sense." Emotionen und Liebesbeziehungen, wer so über seine Werke spricht hat es nicht immer leicht im hart umkämpften Betrieb der Neuen Musik. Rihm hat das nicht geschadet, im Gegenteil seine jetzt schon an die 400 Werke werden weltweit aufgeführt.

Der Abend
Die Jerwood Hall ist mit ungefähr 200 Zuhörern gut gefüllt, aber nicht voll besetzt. Im Publikum alle Altersgruppen, wobei das späte Mittelalter etwas überwiegt. Wolfgang Rihm ist persönlich anwesend. Das Arditti Quartett spielt in einer Geschlossenheit und Eindringlichkeit, dass man die ganze Zeit ein Blatt hätte fallen hören können. Das Publikum ist begeistert, sitzt auf der Stuhlkante und applaudiert dem Meister am Ende euphorisch. Wolfgang Rihm ist angekommen in London!

Total Immersion: Wolfgang Rihm

Wolfgang Rihm: Streichquartett Nr. 5

Victor Ibarra: Crossing Lines

Wolfgang Rihm: Fetzen I-VIII

Diana Soh: [Ro]ob[ta]ject[tions]

Arditti Quartet

12. März 2010, LSO St Luke’s, London


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