| Drucken13.01.2002 

Orgelfestwoche zur Einweihung der Eule-Orgel im Großen Saal der Hochschule 2 (Gerhard Lock)

Orgelfestwoche zur Einweihung der Eule-Orgel im Großen Saal der Hochschule 2

Sinfonieorchester der Hochschule
Dirigenten: Thomas Hauschild, Christian Kluttig
Solist: Thomas Lennartz, Orgel

Sinfoniekonzert

Francis Poulenc (1899 ? 1963)
-Konzert für Orgel, Streicher und Pauken g­moll

Olivier Messiaen (1908 ? 1992)
-Et expecto ressurectionem mortuorum (Und ich erwarte die Auferstehung der Toten)
für Holzbläser, Blechbläser und Metallschlagwerk

Camille Saint?Saens (1835 ? 1921)
-Sinfonie Nr. 3 c?Moll op. 78 ?Orgelsinfonie?

Bilder:
Sainte Chapelle Paris (Diese farbigen Kirchenfenster beeindruckten den jungen Olivier Messiaen 1917)
Foto: Gerhard Lock


Grandioses Konzert ? erstklassiger Solist

Es gibt nichts schöneres, als wenn in einem Sinfoniekonzert von entrücktem Frieden über tiefreligiöse Musik bis hin zu einem sinfonisch grandiosen Schluss alle Nuancen der musikalischen Empfindungen angesprochen werden. Wieder einmal konnte man im großen Saal der Musikhochschule einen solchen Abend erleben, der das Prädikat ?Grosses Concert? verdient gehabt hätte.

Wenn der Poulenc-Biograph Henri Hell von der beachtlichen Mannigfaltigkeit Poulencscher Inspiration und der ?glücklichen Verbindung zwischen den Klangfarben von Orgel, Streichern und Pauken? schreibt, so hat er vollkommen recht. Brillanz und Zartheit, Lyrisches und Kräftiges sowie melodischer Reichtum, all das konnte man am heutigen Abend bei Francis Poulencs Konzert für Orgel, Streicher und Pauken g­moll erleben. Es war eine wunderbare Atmosphäre und ganz am Schluss ließen der Orgelsolist Thomas Lennartz und der Solobratscher in Begleitung des einfühlsam spielenden Orchesters unter Christian Kluttig die Musik tatsächlich in einer ?Atmosphäre entrückten Friedens? (Hell) aufgehen. Lennartz, der in Hannover, Köln und Leipzig u.a. bei Arvid Gast studiert hat, erwies sich als souveräner Solist, der aus der neuen Eule­Orgel der Hochschule die herrlichsten Farben hervorzuzaubern vermochte. Den großen Beifall hat sich der schon mehrfach ausgezeichnete Lennartz in seinem Konzertexamenskonzert redlich verdient.

Die Religiosität des Franzosen Olivier Messiaens ist gemeinhin bekannt und seine Musik polarisierte von Anbeginn an die Musikwelt. Im heute erklungenen ?Et expecto ressurectionem mortuorum? gingen die Musiker manchmal hart an die Schmerzgrenze des für die Zuhörer akustisch Zumutbaren. Denn ein großes Tamtam (ein sehr großer Bronzegong) kann eine betäubende Klangkraft erreichen. ?Und ich erwarte die Auferstehung der Toten? für Holzbläser, Blechbläser und Metallschlagwerk ist eine wunderbare Musik, die Messiaens tiefen Eindruck, den die gewaltigen französischen Hochalpen und die religiösen Schriften des Heiligen Thomas von Aquin auf ihn ausübten, wiedergibt. In Rezitationen wurden die von Messiaen in die Partitur eingetragenen Ausschnitte aus Aquins Auferstehungsworten dem Publikum zum Verständnis in deutscher Sprache jeweils vor Satzbeginn vorgetragen. Dabei hätte die Sprache des Rezitators weitaus inniger und nicht so inhaltsleer sein sollen. Auch wurde leider das französische Original nicht mit vorgelesen.

Der erste Satz ?Aus den Tiefen des Herzens schreie ich zu Dir, Herr: Herr, höre meine Stimme? wird mit ganz tiefen Blechbläserakkorden eingeleitet, die man zunächst nur spürt, bevor man sie wirklich hört. Diese messiaentypischen Akkorde erreichen im Verlaufe des Satzes immer höhere Regionen, bis sie in hellen Trompetenfarben kulminieren. Der zweite Satz ?Christus, von den Toten auferweckt, stirbt nicht mehr; der Tod hat keine Macht mehr über ihn? ist geprägt von einer für Messiaen ebenfalls charakteristischen Blockhaftigkeit, die sich mit ?abstrakten? Melodielinien abwechselt. Am eindrucksvollsten ist sicherlich der zweimalige Tamtam Klang im dritten Satz ?Die Stunde naht, in der die Toten die Stimme Gottes hören werden?. Hier geht die Klangwucht des im indisch-asiatischen Raum zu religiösen Handlungen verwendeten Riesengongs tatsächlich an die Grenzen der Hörfähigkeit des Publikums. Aber so ist die Musik Messiaens. Es ist kraftvolle Musik zum Lobe Gottes und der Liebe und auch die unendliche Zeit, die Messiaen zelebriert, gehört zu den Wesensmerkmalen seiner Musik.

Im vierten Satz ?Sie werden auferstehen, glorreich, mit einem neuen Namen - in dem fröhlichen Konzert der Sterne und dem Jubel der Söhne des Himmels? sind einige von Messiaen in traditionelle Notenschrift transformierte Vogelstimmen zu hören. Auch hier verlangen einzelne Tamtam-Schläge dem Ohr einiges ab, aber auf diese Weise erreicht die Musik direkt die Zuhörer und bleibt nicht als etwas nur Bewundertes oder mit Skepsis Betrachtetes auf der Bühne. Es ist eine den Europäern fremde Kultur, die Messiaen in seiner Musik verarbeitet, mit verschiedenen Weltreligionen verbindet und mit einander verschmilzt.

Im fünften Satz sind es hypnotisierende Akkorde auf Basis von spezifisch Messiaenschen Modi, die durch die Schärfe des Blechs unwideruflich im Gedächtnis bleiben. ?Und ich hörte die Stimme einer unermeßlichen Menge? überschreibt Messiaen diesen Schlusssatz, mit dem die äußerst kompakt und professionell spielenden Holzbläser, Blechbläser und Schlagzeuger unter sicherer Leitung Thomas Hauschilds das geduldige Publikum in die Pause entließen.

Nach der Pause spielte das Hochschulorchester die berühmte ?Orgelsinfonie? von Camille Saint-Saens. Sie ist, auch wenn sie irritierend als dritte numeriert ist, dessen sechste Sinfonie und eine beglückende, herrliche Musik. Nicht nur das an Franz Liszt (dem sie gewidmet ist) gemahnende ?Dies irae?-Zitat (Tag des Zorns), sondern auch der im Duktus starke Ähnlichkeit mit Franz Schuberts ?Unvollendeter? verratende erste Satz gehören zum Schönsten, was es in der Konzertliteratur gibt. Wenn nach langem Vorspiel die Orgel mit ihrem tiefsten Register einsetzt, so spürt man die Schwingungen bis in die letzten Reihen des Saales. Das manchmal etwas zu scharfe Blech ist dann im Schluss-Maestoso und Allegro wieder in den Gesamtklang des Orchesters integriert und die Orgelsinfonie endet im Presse-Blitzlichtgewitter beim grandiosen Abschluss dieses ?Grossen Concerts? zur Orgeleinweihung im Hochschulsaal. Der rauschende Beifall gilt dem mit großer Begeisterung und Engagement spielenden Orchester, dem erstklassigen Orgelsolisten und den beiden souveränen Dirigenten. Die neue Orgel hat sich wunderbar in den Gesamtklang des Orchesters integriert und ist ein ausgezeichnetes Konzertinstrument.

Mit diesem Saal, dieser Orgel und solchen mit Freude musizierenden Nachwuchsmusikern hat die Hochschule ein ungeheures Potential, und es sollte für die Leipziger und ihre Gäste zur Tradition werden, die Konzerte der Hochschule zu besuchen.

(Gerhard Lock)

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